Wednesday, December 21, 2005

Fortsetzung 32

Zivilcourage zeigen, wenn jemand von Stärkeren bedroht wird! Wer traut sich das wirklich? Davon zu reden und danach zu handeln sind jedoch zwei ganz verschiedene Paar Schuhe! Die passen nicht an jede Füße. Die Knutschgeräusche der älteren Generation hörten jedenfalls für einige Augenblicke auf. Pepe jubilierte innerlich. Schnell weiter, damit sie aus dem Kussrythmus kommen!
"Sören klappte vorsichtig leise die Sitzbank seines Mopeds auf, um ebenso leise aus dem Reparaturfach darunter eine neue Motorradkette hervorzuziehen, die er für Notfälle immer dabei hatte.
Wollen mal sehen, ob du gelogen hast, drohte die böse Stimme eines der Halbstarken vom Spielplatz. Die anderen beiden lachten.
Lass doch die Kleine! Einer von den Dreien zeigte etwas Mitleid.
Im zweiten Stockwerk eines der Häuser wurde knarrend und scheppernd ein Fenster geöffnet. Es klang wie in einem Horrorfilm. Sören dachte allerdings nun seltsamerweise an Öl. Müssen Fensterscharniere nicht genauso geölt werden wie Motorradketten?
Seltsam, was einem so durch den Kopf geht, obwohl es einen im wirklichen Leben überhaupt nicht weiter bringt. Vielleicht hätte er lieber dieses Fenster geölt, als sich mit drei älteren Typen anzulegen. Auweia!
Los, hau schnell ab!
Befahl die Stimme desjenigen, der mit Lena etwas Mitleid hatte. Der Haupttäter klang enttäuscht.
Wenn ich dich das nächste Mal treffe, Mäuschen, dann mache ich aber dein Schatzkästchen auf. Damit wir wissen, was für ein Schätzchen du bist!
Das Mädchen bekam einen Stoß in die Seite, der ihr Gesicht kurz in den Lichtschein warf. Lena! Sie war es. Jetzt powerte Sören los!
Motor starten, der Scheinwerfer leuchtete hell auf. Lena rannte blitzschnell los.
Wer macht das denn?
Die Typen in den Lederjacken blickten gereizt in das aufgeblendete Fernlicht. Ihre Kippen flogen auf den Boden. Jetzt hatte Sören sie am Hals.
Moped wenden, Tempo, und das auf dem engen Gehweg! Sie rannten schon los. Bloß jetzt die Nerven behalten!
Geschafft! Jetzt aufsitzen und sofort die Kupplung kommen lassen! Der Motor heulte auf. Die Motorradkette in der Hand störte.
Dich kriegen wir!
Sören hörte sie dicht hinter sich brüllen. Er ließ die Kette einfach fallen, zog die Maschine auf volle Leistung. Die hob vorne richtig ab, gut getunt, das Moped! Einer von denen fiel auf die Nase, der Vorderste, der ihn schon fassen wollte. Jetzt bloß nicht stürzen!
Feiner Sand lag auf den Platten, die Kurven waren enge Winkel. Einmal ging der Reifen hinten weg, er stützte mit dem Stiefelabsatz ab. Gab einen schwarzen Strich von seiner Sohle. Dann riss der absatz ab.
Plötzlich Ende, Hausnummer siebzehn M, leuchtete vor ihm wie ein fernes Licht in einem Tunnel. Links und rechts nur Blumenbeete, hinter ihm die, die jetzt erst richtig sauer waren. Wohin?
Egal, soll der Gärtner neu bepflanzen, was hier an Gemüse durch die Luft fliegt! Quer riss er die Maschine durch Beete und Rabatten. Dass nur der Sprit reicht!
Die Maschine pflügte Erde um und schlingerte, doch er hielt Kurs, Abstand zu seinen Verfolgern. Durch Beete bis auf den vollbesetzten Parkplatz. Dort aber würgte er den Motor ab. Kein Sprit mehr.
Grausam! Sören, unter Helm und Kutte, schwitzte. Wenn es einen helfenden Gott gibt, dann bitte, Lieber, hilf jetzt! Gleichgültig, unter welchem Namen.
Er bockte die Maschine im Schatten eines Lieferwagens auf, zog schnell den Zündschlüssel ab. Zu Fuß, und jeden Lichtschein von Laternen meiden, war nun sein letzter Ausweg. Er hörte sie schon in der Nähe rufen.
Ich wette, der ist noch hier!
Sören sah in der Nähe ein Motorrad parken, eingehüllt in einen Schlafrock. Wohl gegen schlechtes Wetter, Schutz für Lack und Armaturen. Warum nicht, dort schlich er hin.
Mit einem Taschenmesserschnitt schnell die Befestigung der Wetterkleidung auf, und hochgekrempelt rasch um seine Karre. Und selber hatte er da drunter auch mit Platz.
Hitze von Krümmer und Auspuff, zum Ersticken! Draußen hörte er sie kommen.
Hier in der Nähe ging sein Licht aus. Glaube, der Motor auch.
Die Stimme klang nach Jagdlust, zweifelnd die des anderen. Macht das Sinn? Er ist uns doch längst entwischt. Aber den kenn ich wieder, dann kriegt er auf die Fresse!
Sören betete. Lieber Gott im Himmel!
Plötzlich neben sich diestimme.
Woher kann dieser Kerl denn sein, aus Quakenbrück? Den finden wir.
Ihm wurde übel, als von der Straße her das laute Röhren eines Mopeds zu hören war. Es klang wie seins.
Los hinterher!
Endlich war er sie los."
Nur Maria und Pepe warteten immer noch vergeblich darauf, dass sie das Zugabteil für sich alleine hätten.

Tuesday, December 20, 2005

Fortsetzung 31

Beim Reden nuschelte Sören immer etwas. Man musste ihm genau zuhören. Und er drehte pausenlos Zigaretten. Als könne er sonst nicht sprechen. Dabei lehnte er sich lässig zurück. Ich hatte mich immer gefragt, ob er die alle selbst rauchen wollte. Arme Lunge!
Seine Verfolgungsjagd mit der Polizei, der er glücklich entwischte, war jedoch nichts gegen die Nummer in dieser Hochhaussiedlung. Sören beschrieb alles sehr genau.
Nicht mehr weit bis zur mit Lena verabredeten Stelle. Er schob jetzt von der Straße weg über Plattengehwege zwischen den Wohnblöcken sein Moped.
Eine Abkürzung, das wusste er, gab es über den Spielplatz. Verbummelte Zeit wieder Aufholen, das macht erfinderisch. Gerade wollte er seine Karre durch die Eingangspforte schieben, da stand er still.
Stimmen, vor ihm hinter den Büschen. Durch Zweige rotes Aufglimmen von Zigarettenkippen, Gelächter.
Der Spielplatz, Treffpunkt einer Gang etwa? War ihm klar, dass die es nicht besonders gern sahen, wenn jemand aus einem anderen Viertel durch ihr Gebiet lief. Er lauschte.
So, deine Mutter ruft die Polizei, wenn du nicht nach Hause kommst? Höhnte eine Stimme. Warum lässt sie dich dann so spät noch aus der Wohnung? In deinem Alter?
Lena! Sören fuhr ein Schrecken durch den ganzen Körper.

Sofort versuchte er, durch die Sträucher hindurch die Gesichter besser zu erkennen. Nur fahles Licht schien aus den Fenstern über ihm. Drei kräftige Typen in Lederjacken. Das Leder glänzte speckig. Bitte lasst mich los!
Lenas Stimme?
Sein Speichel wurde schlagartig trocken. Wut schnürte seinen Kehlkopf.
Was kriegen wir dafür, wenn wir dich gehen lassen? Wieder die Stimme von demselben Typen.
Ich habe doch nichts, flehte die Mädchenstimme. War sie es etwa doch nicht? Und wartete an der verabredeten Stelle auf ihn?
Wenn sie es war, musste er eingreifen. Und wenn sie es nicht war, konnte er dann etwa einfach abhauen? Ein hilfloses Mädchen diesen Ungeheuern überlassen?
Unmöglich! Wie schäbig wäre er vor seinem eigenen Gewissen, würde er sich einfach aus dem Staub machen.
Allein gegen drei. Schöner Mist! Helfen, selbstverständlich, aber wie? Die drei waren älter, kräftiger und dazu vielleicht auch noch bewaffnet. David gegen Goliath! Hatte der es nicht auch geschafft?
Er sah das gleichzeitige Aufglühen ihrer Zigaretten in der Dunkelheit. Sie machten alles ganz langsam, hatten Zeit.
Vielleicht hat deine Mutter gar nicht gemerkt, dass du fehlst, spottete eine andere Stimme diesmal.
Dann kannst du ja mit zu mir kommen. Ich lade dich ein!
Das Mädchen weinte.
Ein rasender Zorn stieg in Sören auf. Entschlossen setzte er seinen Motoradhelm auf. Wenn schon sich Prügeln müssen, dann wenigstens mit Helm. Ein Vorteil gegenüber den Dreien.

Monday, December 19, 2005

Fortsetzung 30

Pepe blieb fast die Spucke weg vom Erzählen. Bloß den Faden nicht verlieren! Käme er ins Stottern, könnten die knutschenden Alten ihren Platz im Abteil behaupten. Pepe holte tief Luft. Maria dachte, entsetzt über die sekundenlange Pause, an eine eigene Geschichte.
"Sören erzählte mir auch seinen Teil. Wie das große Liebesglück der beiden zustande kam.

Um sieben Uhr war er mit Lena nahe der großen Mülltonnen verabredet gewesen. Beim Flippern aber, in seiner Kneipe, hatte er die Zeit vergessen.
Ich betrachtete ihn zu diesem Zeitpunkt noch als Milchgesicht, das extra auf cool macht. Wie die meisten in seinem Alter. Sie wollen genauso cool sein wie ihre großen Vorbilder, Bruce Willis, oder Mr Moto. Wer auch immer.
Wenn er nur vorher daran gedacht hätte! Alles Geld in den Flipperautomaten! Und als er los will? Tank auf Reserve. Jetzt war die Kilometerzahl extrem begrenzt. Manchmal reichte es nicht einmal bis zur nächsten Tankstelle. War ja schließlich keine Fünfhunderter.
Mist, beim Flippern verloren, bald nach Hause, und morgen früh raus. Immer so weiter bis zur Rente, ist das vielleicht eine Lebensperspektive?
Er trat den Kickstarter, die Maschine sprang an. Gott sei Dank!

Lena! Lena! Die war ihm tatsächlich lange Zeit gar nicht aufgefallen. Immer blass, stand nie im Mittelpunkt. Fast als ob sie etwas zu verbergen hätte. Dabei sieht sie wirklich süß aus. Besonders, wenn sie lächelt. Weil sie so selten lächelt, ist es das schönste Lächeln der Welt.
Andere lächeln ja ständig. Wie unter Zwang. Habt ihr etwa was zu lächeln, jederzeit? Jeder Tag wie Weihnachten, was? Etwa Kohle geschenkt gekriegt von den Alten? Na, dann lächelt mal schön! Andere können das nicht.
Das Motorengeräusch klang auf einmal ungesund. Besser schieben, Sprit sparen! Damit die Karre wenigstens nachher noch fährt. Wenn er in ihrer Nähe ist. Sieht ihn einer beim Schieben, ging es gleich los. Na, Moped kaputt? Was ist das denn für eine Maschine? Vom Schrottplatz?
Nein, dämliche Fragen wollte er nicht beantworten müssen. Jeder wusste, gerade er kannte sich aus mit Maschinen. Reparierte alle Modelle, frisierte Motoren. Ein echter Tuningspezialist. Und jetzt sowas. Wär eine echte Schlappe. Weil sich ja sofort alles rumspricht.
Die Wohngegend, die er kreuzen musste, war berüchtigt. Wegen einer anderen Gang. Um diese Zeit so gut wie menschenleer. Ob sie an der Straßenbeleuchtung gespart haben? Kein Kumpel in der Nähe, bloß schnell durch!
Sport ist Mord, aber wenn man Sprit sparen muss, ist Sport ein Mordsspaß. Im Tank gluckerte es nur noch ganz leise beim Rennen, das waren die allerletzten Tropfen Benzin-Ölgemisch.
Rechts und links hohe Wohnblocks. Hinter beleuchteten Fenstern mal Gardinen, mal keine. Balkone mit grauen Satellitenschüsseln, alte Möbel, Wäscheleinen, Abstellgut und leere Blumenkästen.
Wie oft er der Polizei schon entwischt war! Immer wollen die ordnen, regulieren, überwachen! Da wieder fünfzehn Kilometer zu schnell gefahren, oder im Stau zwischen Fahrzeugkolonnen hindurch geschlängelt. Quakenbrück und Umgebung kannte er wie seine Jackentasche. Hier hatten die gegen ihn keine Chance. Neulich hinter ihm her ein Beamter auf einem Gaul. Sah aus wie ein reitender Teppichhändler aus einem billigen Italo Western!
Sören einfach im Stadtpark schnell mit seiner Karre die große Parktreppe runter. Der Beamte zu Pferd ihm hinterher. Die Stoßdämpferfederbeine krachten bis zum Anschlag. Egal, wird alles selbst repariert. Besser als Punkte in Flensburg und eine teure Rechnung ohne Bastelspaß.

Saturday, December 17, 2005

Fortsetzung 29

"Einmal lag der Müll auf der Treppe verstreut. Wegen der Streitigkeiten. Sie wollte nicht, dass er mitkommt. Weil natürlich Sören mit seiner Karre unten bei den Mülltonnen im Hof noch vorbei kommen wollte.
Wegen des Streits öffnete sich eine Wohnungstür. Herr Puschen, der immer durch seine Tür spioniert, schimpfte die Kinder aus.
Er würde den Dreck auf der Treppe den Eltern erzählen.
Tobias, Lenas Bruder, rannte schnell zurück in die Wohnung, um dort mit Unschuldsmiene weiter zu spielen. Als ältere Schwester badete sie die meisten Beschwerden aus."
"Erzähl weiter, ich bin auch eine ältere Schwester."
Maria spornte ihn an. Es war so etwas wie ein Wettstreit zwischen dem küssenden Paar auf der einen Seite, und dem erzählenden Paar auf der anderen Seite entstanden. Wer aufhörte, musste das Abteil verlassen.
"Hastig kratzte Lena Essenreste und Kaffeesatz von den Stufen der Steintreppe vor der Wohnung von Herrn Puschen. Sollte er Bescheid sagen, so sauber war es da noch nie! Dann rannte sie eiligst die Treppen hinunter Dabei schepperte manchmal der Eimer in den Kurven gegen die Wand."
"Lauter!"
Maria flüsterte Pepe ins Ohr.
"Unten öffnete sie den Müllschacht und leerte den Eimer aus. Jetzt blieben ihr nur noch wenige Minuten. Schnell, auf die Straße!
Von Weitem schon hörte sie das Röhren und Knattern eines Mopeds, und eines Echos, das zwischen den Häuserblöcken widerhallte. Sören!
Sie rannte los. Den Plattenweg entlang, dann durch die Büsche, das war kürzer, als der Bogen, den die Strasse machte. Sie konnte es noch schaffen, ein paar kostbare Minuten für die beiden!
Ein aufgeblendeter Scheinwerfer fuhr auf sie zu. Halt!

Lena hatte es mir so atemlos erzählt, als erlebte sie es gleich noch einmal.
Der beschleunigt aber, kann sie am Straßenrand in der Kurve nicht sehen. Auf die Straße laufen? Zu gefährlich. Wusste sie, ob es überhaupt Sören war?
Das Moped sauste vorbei. Eine Gestalt in dunkler Kluft, gelber Helm auf dem Kopf. Sören war es nicht. Sein Helm war rot. Das Motorengeräusch ebbte ab, mündete in ein Tuckern, dann hörte es auf. Ein Garagentor im Nachbarblock schlug zu. Das Geräusch hallte an den hohen Hauswänden wider. Wie von einem riesigen Müllschlucker. War das unheimlich!
Lena schauderte tatsächlich beim Erzählen. Ich gab ihr damals eine Tasse Tee aus.
Traurig war sie zurück gerannt. Ob sie ihn morgen wohl treffen könnte? Schnell weg, sonst fangen mich böse Geister!"

Friday, December 16, 2005

Fortsetzung 28

Was war schon seltsam? Die vielfältigen Daseinsvariationen? Menschen, die andere einschätzen und bewerten?
Pepes Gedanken schweiften noch einmal zurück zu Lena, Sören und ihrem Baby. Alle drei hatte er fest in sein Herz geschlossen.
"Das Wichtigste überhaupt sind gute Freunde."
Wie meinte er denn das? Maria schaute ihn überrascht an. Meinte er etwa sie beide mit dieser Meinung?
"Wie lange es gedauert hat, bis die beiden endlich ein Paar waren! Du bist der beste Zuhörer, den ich kenne, hatte Lena einmal zu mir gesagt. Und dann hat sie nicht mehr aufgehört zu reden, obwohl ich an dem Tag längst neuen Teig hätte zubereiten müssen."
Maria atmete tief durch. Ach so, Pepe erzählte wieder.
"Ja, los, erzähl weiter!"
"Sören ist so verdammt stolz auf seine Jacke. Sie hat viele Aufnäher aus Stoff: Legalize it, oder: Nazis verpisst euch! Um nur ein paar Beispiele der Badges zu nennen. Er nennt sie Kutte. Da steckt viel Selbstbewusstsein von ihm drin. In einer Jacke! So ist das in seinem Alter.
Aber Lena war sie gar nicht wichtig. Eine Jacke kann sich schließlich jeder organisieren, sagte sie einmal mürrisch, als er verdrießlich, ohne ein Wort, an ihr vorbei gestoffelt war."
"Ich kenne das, hatte früher auch so einen Freund."
Maria sprach besonders laut, um das ununterbrochene Kussschmatzen der Alten zu übertönen. Kurz wurde es still, dann kam zusätzlich noch ein gelegentliches Seufzen hinzu.
"Seine Augen sind offen wie eine Geisterbahn, in die man hinein saust wie beim ersten Mal Springen vom Dreimeterbrett im Schwimmbad, erzählte sie. Mir wird schwindelig, wenn ich nur daran denke.

Ich wurde Lenas Briefkasten für Liebesfreud und Kummer. Niemals wusste sie, was er gerade denkt.
Jungs sind komisch, schon beim Tanzen. Oder, zum Beispiel, wie sie stundenlang einem Ball hinterher rennen können. Sie hatte er dabei komplett vergessen!
Naja, Mädchen und Jungs sind eben verschieden. Das musste alles besprochen werden. Ich fand es amüsant. Habe ja manchmal auch nichts zu tun hinter dem Tresen."
"Das erinnert einen, als man noch ganz naiv und unschuldig war!"
Marias Stimme war diesmal so laut, dass sogar Pepe erschrocken auffuhr. Es reichte jedoch nicht für einen Wink an die Alten, und so blieb ihnen weiterhin nur die Möglichkeit einer besonders lauten Unterhaltung.
"Moped sagt er nicht zu seinem motorisierten Zweirad, sondern Karre. Damit habe ich auch früher die Mädchen beeindruckt. Ich hatte eine Vespa. Schnell mal am McDonalds vorbei fliegen! Wo sich viele treffen, vor allem die dicken Kinder der Reichen. In Quakenbrück gibt es davon allerdings nicht sehr viele."
Der ältere Herr bekam nun einen Hustenanfall, der einen deutlichen Klangkontrast zu den vorherigen Geräuschen bildete.
"Meine erste Umarmung fand auch auf einem Moped statt. Die fahren doch absichtlich so riskant, die doofen Jungs, damit Mädchen sich schon allein aus Angst an sie anklammern."
Ein lästerlicher Zug kräuselte um Marias sinnliche Lippen.
"Gar nicht doof! Einerseits soll man in dem Alter seine beginnende Männlichkeit beweisen, andererseits sich mit andauernd kichernden und gemeinsam auf die Toilette verschwindenden Mädchen verstehen."
Pepe hatte den Lästerball aufgenommen und weiter gespielt. Der Hustenanfall endete in einem heiseren Räuspern. Pepe erzählte mit ernster Miene weiter.
"Die Mini-Pizza ist in meinem Taschengeld nicht vorgesehen. Wie viele Jugendliche heute schon Geldprobleme haben! Die Handytarife machen es ihnen auch nicht gerade leicht.
Lenas jüngerer Bruder Tobias wollte schon mit elf andauernd neue Klingeltöne haben, berichtete sie mir entnervt.
Und was er durfte, dazu hatte er keine Lust. Zum Beispiel abends den Mülleimer hinunter bringen. Ihre Mutter meinte wohl, das wäre eigentlich seine Aufgabe. Aber er ging nur mit Lena zusammen die Treppe hinunter, und deshalb stritten sie dann die ganze Zeit. Schließlich sucht man ja nach Gelegenheiten, wann man sich mal allein unter vier Augen treffen kann."
Dabei schaute Pepe Maria an, wie wohl auch Sören Lena angeschaut haben musste.

Thursday, December 15, 2005

Fortsetzung 27

Auf einmal redete er nicht mehr. Pepe war sprachlos vor Überraschung. Der Weißhaarige und die Goldbehangene hielten still Händchen!
"Warum nicht? Liebe ist keine Frage des Alters. Und sie passen offensichtlich gut zusammen."
Maria hauchte dicht an seinem Ohr ihren wärmenden Atem.
"Schwebt hier vielleicht eine geheime Liebesenergie durch den Zug?"
In den Augenwinkeln hatte sie ein schalkhaftes Lachen. Pepe dachte tolerant, meistens.
"Jung oder alt, wichtig sind echte Gefühle. Erinnern wir uns auf dieser Reise zu Weihnachten ganz zufällig an unsere Fähigkeit zu lieben? Ist das nicht die eigentliche Botschaft des Christentums?"
Die ältere Dame rieb auffordernd ihren Oberschenkel am spitzen Knie ihres Gegenübers, der sie sofort zu sich heranzog und leidenschaftlich küsste.
Maria sah aus, als ob ihr grüne Smaragde aus den Augen kullern wollten.
"Wie obszön!"
In ihrem Gesicht war deutlich zu lesen, was sie von der Ungezwungenheit der älteren Generation hielt. Pepe war es auch offensichtlich zu viel.
"So ein alter, geiler Bock! Soll ich etwas unternehmen?"
Maria schüttelte langsam den Kopf.
"Nein, es ist zu merkwürdig! "
Pepe dachte über ihre Aussage nach. Ihre Sprachkenntnisse schienen beinahe perfekt. Wie aber hatte sie das gemeint. Zu merkmürdig! Gibt es das überhaupt?
Die ältere Generation ließ sich durch die Anwesenheit der beiden nicht im Geringsten stören. Man vollführte gekonnt ein ausführliches Zungenspiel, und es war von solcher Eindringlichkeit, dass weder Maria noch Pepe sich diesem Treiben durch vielleicht ähnliches Tun hätten anschließen wollen. Nein, die Alten hatten mit ihrer Heftigkeit ihren zarten Beginn außer Betracht gestellt.
Daher saßen sie nun still beieinander, warm eingebettet in ihre nun schon vorhandene Vertrautheit, und in dem Bewußtsein, dass ihnen nichts entgehen würde.

Wednesday, December 14, 2005

Fortsetzung 26

"Bei der Zucht von Rennpferden ist die Auswahl eines geeigneten Hengstes das Maß aller Dinge. Ich beobachte, wozu eine Stute beim Traben neigt, danach beim Galloppieren, dann weiß ich auch schon, welcher Hengst für sie geeignet ist. Selbstverständlich, ausdauernd und schnell muss er immer sein, sonst kommt er von vornherein nicht in Betracht. "
Eine Zustimmung heischende Pause folgte. Als Pepe etwas sagen wollte, redete dieser Mann blitzschnell weiter.
"Für die Besamung scheue ich keine Mühen und Kosten. Beim letzten Mal wurde er über vierhundert Kilometer auf mein Gestüt verbracht. Dann müssen die sich erstmal beschnuppern, bei den Tieren geht das ja auch nicht gleich so rapp, zapp!"
Die ältere Dame nickte sehr eifrig.
"Das sollten Sie einmal beobachten, das Tänzchen auf der Koppel. Herrschaftlich, geradezu! "
Er redete ganz und gar mit den Schultern, so als ritte er ein unruhiges Pferd.
"An solchen Tagen verzichte ich sogar auf meinen täglichen Ausritt in die Landschaft, um mir dieses majestätische Schauspiel nicht entgehen zu lassen. Mein ganzes Leben lang habe ich nur auf Pferde gewettet. Jetzt habe ich eine Nase für Siegertypen. Durchschnitt interessiert mich nicht."
Ähnlich redete er weiter über seine großartigen Erfolge, seinen Reichtum und seinen Instinkt, diesen zu mehren. Pepe fühlte eine Abneigung gegen ihn, aber die ältere Dame schien außerordentlich begeistert, obwohl er sie nicht einmal zu Wort kommen ließ. Sie fühlte sich durch sein Interesse offensichtlich geschmeichelt. Mit einem Ruck fuhr der Zug wieder an.
Maria und Pepe schwelgten dennoch weiter in ihren Gefühlen, tauschten Blicke und zärtliche Berührungen. Aber es war schwierig, sich nicht stören zu lassen, denn der ältere Herr hatte eine sich laufend wiederholende Melodie in seiner Sprechweise, der sich niemand im Abteil entziehen konnte. Vielleicht war es auch nur diese Walzer ähnliche Sprechmelodie, welche die ältere Dame an den Lippen dieses knorrigen Jockeys hängen ließ.
"Wenn er doch mal eine Pause machte, um Luft zu holen, dann schalte ich mich sofort mit einem neuen Thema dazwischen." Pepe flüsterte Maria ins Ohr und seufzte innerlich, wegen des unfreiwilligen Vortrags.
"Wer sich mit Pferden auskennt, weiß alles über Menschen. So sensibel, wie die Behuften, sind Menschen nicht. Die merken mit ihren feinen Sinnen alles. Wenn ich morgens einmal schlecht gelaunt in den Stall gekommen bin, weil ich jemanden habe entlassen müssen, oder in der Post der hunderste Bettelbrief irgendeines Futtermittelhändlers lag, natürlich mit überhöhten Forderungen, scharren sie schon mit den Hufen, schnauben und blecken ihre Zähne. Denen kann man nichts vormachen, sogar wenn ich vorher lustig pfeife, merken sie meine schlechte Laune. "
Seine kleinen, geröteten Augen funkelten von innerer Energie.
"Ich bin kein gewalttätiger Mensch, weiß Gott nicht! Aber mit Tieren kann man nicht argumentieren, lustig, was? Gewöhnlich gehe ich schnell wieder aus dem Stall, frühstücke in Ruhe ein zweites Mal, nehme ein entspannendes Bad, bis meine Laune sich wieder gebessert hat.
Meine ehemalige Frau pflegte zu sagen, dass ich Tiere mehr liebe als Menschen. Alles Quatsch! Natürlich bin ich schon lange geschieden."

Sunday, December 11, 2005

Fortsetzung 25

Unter den Linden, vor Weihnachten in Berlin


Der Zug stand auf dem Gleis und rührte sich nicht. Aus benachbarten Abteilen tönten erregte Stimmen herüber, Fenster wurden geöffnet und neugierige Passagiere lehnten sich hinaus.
Auch Pepe öffnete das Abteilfenster, mit Marias Einverständnis. Eisig kalte Luft drang herein. Auf einmal spürte er Marias Hand auf seinem Arm, die ihn sanft zur Seite schob. Dann schmiegten sich beide eng aneinander, um draußen zu erkennen, warum der Zug hielt.
Es war zu finster, um weit zu sehen. Außerdem stand der Zug vor einer Senke. Das Licht aus den Fenstern schimmerte schwach auf einer Schneedecke, oder reflektierte auf Sträuchern und Gehölz neben dem Gleis.
"Hast du den Schnee bemerkt?"
Wie gern würde ich sie jetzt in den Arm nehmen. Pepe hörte sein Herz lauter klopfen bei diesem Gedanken. Sie drückte sich noch enger an ihn, wohl absichtlich, da legte er seinen Arm um ihre Taille.
"Warum sie wohl keine Durchsage machen?"
Hell dampfte Marias Atem aus ihrem Mund.
"Das bleibt ihr Geheimnis."
Hauchte Pepe ebenso weiß.
Die Abteiltür wurde geräuschvoll geöffnet, herein kam die ältere Dame. Sie sah gut gelaunt aus, ihre kleinen grauen Augen funkelten in Feierlaune.
"Darf ich meinen Platz wieder einnehmen?"
Maria und Pepe mussten das Fenster schließen und zurück auf ihre Plätze.
"Wissen Sie, was passiert ist?"
Pepe war zu verwirrt, um antworten zu können. Die ältere Dame dagegen zeigte sich äußerst beschwingt.
"Prächtig kann man sich auf Reisen unterhalten, manchmal sogar mit Niveau. Ich habe den Herrn in dieses Abteil gebeten, wenn sie nichts dagegen haben?"
Drohende Falten bildeten sich gleichzeitig auf ihrer Stirn. Als beide brav wie Schulkinder nickten, entspannte sich die Lage. Ein schwitzender Zugbegleiter schaute kurz ins Abteil, sah sich suchend um und verschwand wortlos wieder. Der Zug fuhr immer noch keinen Meter voran.
"Vielleicht hat jemand die Notbremse gezogen, und der Schaffner will wissen, in welchem Abteil?"
Pepe achtete genau auf die Reaktion der älteren Dame. Sie lächelte beinahe charmant anstelle einer Antwort.
"Nicht auszumachen, ob sie es war."
Pepe betrachtete sie mit wachsendem Respekt.
Wenig später kam ein weißhaariger Mann im Lodenmantel herein, grüßte knapp und legte einen Aktenkoffer auf die Gepäckablage. Schwungvoll wie ein Flaschengeist entwickelte er sich aus einem cremefarbenen Schal, stülpte sich aus seinem Mantel, bis schließlich ein dürrer, knorriger alter Mann zum Vorschein kam. Der roch ein wenig muffig nach alter Wolle, übertünchte dieses Manko jedoch mit einem schweren Moschus Parfum. Die goldbehängte Dame erblühte, als er sich ihr gegenüber platzierte. Sofort nahm er den Faden ihres vorherigen Gesprächs wieder auf.

Thursday, December 08, 2005

Fortsetzung 24

Mag sein, dass es an der Zartheit ihrer Gefühle lag, an ihrer Kindlichkeit, dass sie nicht auffielen. Man ist ja allgemein eher gewohnt, etwas gröber zu betrachten. Um daraus schnelle Schlüsse zu ziehen. Damit misslingt leider die feinere Beobachtung."
"Das geht mir auch öfter so."
Maria hatte ihm verwundert zugehört. Pepes kleine Welt in Quakenbrück war vor ihren Augen erstanden. Nun ereiferte sie sich.
"Jeder sieht nur auf den ersten Eindruck. Daraus entsteht dann sein grobes Raster. Und wenn die Zeit dann noch fehlt, bleibt es einfach dabei."
"Ich bleibe jetzt beim Thema."
Sagte Pepe mit gespielt strengem Gesicht zu sich selbst. Maria lächelte.
"Einen Moment, jetzt muss ich noch mal genau überlegen, an welcher stelle ich abgeschweift war."
Dabei machte er ein Gesicht tiefsten Grübelns. Maria lachte laut auf.
"Da kamen dann also erstmal die Ferien, ja genau, und da verlor ich sie aus den Augen. Lena ging in ein Ferienlager, und, ja richtig, Sören hing schlecht gelaunt in meiner Pizzeria herum. Da ging er mir ziemlich auf die Nerven. Trank und rauchte mehr als gewöhnlich.
Sein Freund Eike erzählte eines Tages, dass er ihr mit seinem Moped und einem Zelt einfach hinterher gefahren war. Das war dann die Sensation in Quakenbrück. Es war ja noch richtig kalt draußen zu der Jahreszeit."
Die Bremsen des Zuges zischten und heulten laut auf, begleitet von einem tiefen, metallenen Ton. Ein Ruck ging gleichzeitig durch den ganzen Zug, so dass Maria, die in Fahrtrichtung saß, halb von der Sitzfläche rutschte. Pepe hätte sie gern in seinen Armen aufgefangen, aber auch er wurde zum Spielball dieser Bremsgewalt. Schließlich hielt der Zug mit noch einem Ruck in die entgegengesetzte Richtung. Es wurde still.
Maria und Pepe sahen sich an. Dann zu dem Platz, wo die ältere Dame gesessen hatte. Um sich dann wieder mit ungläubigem Staunen wieder anzusehen. Denselben Gedanken hatten sie gleichzeitig.
"Nein!"
Wettete Pepe.
"Vielleicht doch."
Wendete Maria ein, hielt dagegen.
"Um Gottes Willen, sie wird doch nicht ..."
Pepe regte sich auf, während Maria beschwichtigte.
"Auf jeden Fall eine Notbremsung. Hoffentlich ist nichts ernstes passiert!"
Pepe setzte sich gerade im Sitz auf.
"Wenn sie die Notbremse gezogen hat, haftet sie ganz allein."
Maria lachte kichernd.
"So gutgläubig kann niemand sein."

Wednesday, December 07, 2005

Fortsetzung 23

"Also, da bahnte sich etwas an zwischen dem cool wirkenden Sören, und der Lena mit dem blassen Gesicht. Sie mochte ich von Anfang an. Ihn fand ich auch in Ordnung, bis auf die Tabakkrümel.
Was ich bemerkt hatte, durften natürlich all die anderen aus ihren Cliquen auf keinen Fall entdecken, sonst wäre die Sache gleich aus und vorbei. Nichts provoziert in dem Alter mehr Hohn und Spott als Verliebtsein. Verknallt, wie? Der und die?
Daher beachteten sie sich gegenseitig scheinbar kaum. Eine Chance, sich wie zufällig zu begegnen, bot sich den beiden nicht so häufig. Aber vor meiner Pizzaausgabe, an der Mülltonne, da musste ja jeder hin. Einmal ließen sie dort ihre Pappdeckel gleichzeitig fallen. Sören fragte schüchtern, na? Und Lena antwortete scheu: Na?"
"Wie zart!"
Maria hing an seinen Lippen.
"Dann drehten beide vorsichtig ab, zurück in verschiedene Cliquen. Und dabei bester Laune durch die Bestätigung ihrer gegenseitigen Gefühle. Die anderen hatten nichts gemerkt, weder Sörens bester Freund Eike, der noch halb zu der Clique der anwesenden Inline-Skater zählte, noch Lenas beste Freundin Michelle, die sich bisher nicht für Jungen interessierte.
Wenn in Quakenbrück etwas Außergewöhnliches passiert, erfährt es die halbe Stadt innerhalb von wenigen Stunden. Ich natürlich meistens viel früher.
Zum Beispiel wurde im Schwimmbad ein Bademeister entlassen, weil er in der Umkleidkabine für Damen gesehen wurde. Das wurde natürlich überall diskutiert. Im Zeitungsladen, beim Bäcker, beim Fleischer, in der Imbissbude und in der Trinkhalle. So heißt der kleinste Laden in Quakenbrück.
Auch Unfälle zwischen Autos, Mopeds, Fußgängern und Inline-Skatern werden mir in Windeseile von den Jugendlichen berichtet. Sie reden ja noch am meisten miteinander. Später ist es ja nicht mehr so einfach mit dem spontanen Kontakt zwischen den Menschen. Vor allem wohl in Norddeutschland nicht.
Einmal fragte man mich, ob ich als Zeuge vor Gericht auftreten wollte. Obwohl ich bei dem Streitfall gar nicht anwesend gewesen war.
Herzinfarkte, Knochenbrüche, Verstauchungen, all diese Sachen landen bei mir. Was für eine ungeheure Menge jedes Jahr! Verstorbene Haustiere werden in ansehnlichen Prozessionen beerdigt. Solch eine Kleinstadt muss sich irgendwie aufregen, wenn eigentlich im Großen und Ganzen nicht viel passiert. Was ja auch gut ist, denn es geschieht auch nicht viel Schlimmes. Ich sitze da an der Quelle, verstehen Sie?"
"Pepe!"
Maria ermahnte ihn, doch bei seiner eigentlichen Geschichte zu bleiben.
"Ich finde es erstaunlich, wie lange sie es tatsächlich schafften, ihre Gefühle füreinander vor der großen Öffentlichkeit Quakenbrücks zu verbergen.
Die Sucht nach Sensationen, auch wenn es tatsächlich nur belanglose Neuigkeiten sind, hat ja schließlich sogar die Provinz erfasst.

Tuesday, December 06, 2005

Fortsetzung 22

Er beobachtete Maria genau, ob sie ihr Interesse nicht vielleicht doch gespielt hatte.
"In meiner Mini-Pizzeria serviere ich die kleine Blechpizza auf rechteckigen Pappdeckeln. Ich frage, Peperoni?
Die meisten antworten mit Ja. Durch Peperoni erhält die Pizza einen frischen, säuerlichen Geschmack. Manche mögen es außerdem scharf. Mit Peperoni ist auf der kleinen Pizza mehr drauf, das sieht auch besser aus. Ich greife also in einen Blecheimer, fange die grünen Schoten und lege wie gewünscht auf.
Die Wünsche meiner Stammkundschaft kenne ich auswendig. Bei Lena war klar, viele Peperoni. Großer Hunger, wenig Geld! So geht es den meisten Teenagern. Und das, obwohl meistens beide Elternteile arbeiten. Aber halt, das wäre wieder ein anderes Thema.
Manche Schüler verbringen jeden Nachmittag bei mir. Die über sechzehn Jahre trinken nach der Schule Bier und rauchen selbstgedrehte Zigaretten.
Da kann ich leider nichts machen. Ich habe ihnen immerhin beigebracht, dass sie nach dem Verzehr der Minipizza die abgegessenen Pappdeckel selbstständig zum großen Mülleimer bringen, der direkt an der Theke neben der Kasse steht. So kann ich es kontrollieren.
Die Jugendlichen müssen mich und meine Regeln respektieren, darauf lege ich Wert. Für den günstigen Preis können sie nicht erwarten, dass ich sie bediene."
Maria stimmte ihm zu.
"Sie müssen also alle bei mir vorbei kommen, um ihren Pappdeckel zu entsorgen. Deshalb fiel es mir eines Tages überhaupt auf. Jedesmal, wenn Lena zur Theke kam, stand Sören plötzlich neben ihr.
Bei Sören weiß ich immer, wo er gesessen hat. Tabakkrümel macht nämlich keiner von dieser Bande weg. Wenn sie mit ihren Mofas und Mopeds davonbrausen, muss ich da nacharbeiten. Überall Tabakkrümel! Als ob sie nur trockenen Tabak rauchen!"
"Wie meine Geschwister, das kenne ich."
Maria nickte zustimmend.
"Die fahren wie eine Motorradgang mit knatternden Auspüffen vor, belegen mit Helm und Nierengurt gleich zwei Plätze, und stapfen dann mit dicken Stiefeln vor meinen Tresen. Zwei Minis und ein Bier! Ich könnte mich totlachen!
Lena dagegen immer zurückhaltend. Bestellte immer mittags, schwänzte also den Unterricht nicht. Bevor zwischen den beiden was lief, ging sie vor halb drei.
Dann fiel es mir noch deutlicher auf. Gegen vier sitzt sie immer noch und nippt seit zwei Stunden am selben Glas Cola. Ich mache mir eben Gedanken über meine Gäste.
In dem Alter, denke ich, ist ja alles nicht so einfach. Vor allem, was die Gefühle betrifft. Wenn Kids sich verlieben, gehen sie ja nicht einfach aufeinander zu und sagen: Hallo, willst du mit mir gehen?"
Pepes und Marias Blicke streiften sich. Sie vermieden, einander tiefer in die Augen zu sehen. Pepe lächelte.

Monday, December 05, 2005

Fortsetzung 21

"Bei Ihnen würde ich sofort eine Pizza bestellen! Hoffentlich komme ich bald einmal nach Quakenbrück."
Überrascht von Marias Herzlichkeit fehlten ihm zunächst die Worte. Dann stotterte er hastig:
"Unbedingt, gern. Natürlich sollen Sie den ganzen Tag lang, wenn sie möchten, dürfen Sie Bücher lesen, in meiner Pizzeria an einem Tisch sitzen. Und ich kümmere mich um alles. Essen, Trinken, was Sie möchten!"
"Der Zug fährt viel zu schnell!"
Verstört und hilflos blickte die ältere Dame von einem zum anderen.
"Jemand sollte die Notbremse ziehen."
Pepe bereute seinen Scherz ein wenig. Er hatte nicht beabsichtigt, die ältere Dame in Todesangst zu versetzen. Aber jetzt war es zu spät. Maria beanspruchte seine ganze Aufmerksamkeit.
"Viel lieber als in meinem Buch zu lesen, würde ich gern von Ihnen noch eine Geschichte hören."
Maria strahlte ihn voller Wachheit an. Ein schöneres Kompliment konnte sie ihm nicht machen. Eine kaum sichtbare Röte flog durch sein Gesicht.
"Hoffentlich schaffe ich es einmal, eine Geschichte vom Anfang bis zum Ende zu erzählen. Ich bewundere alle, die das können!"
"Sie sind vielleicht lebensmüde, ich bin es auf keinen Fall!"
Die ältere Dame verließ zornig das Abteil. Kaum hatte sie die Tür hinter sich geschlossen, mussten Maria und Pepe laut lachen. Irgendwie hatten sie auf diesen Moment gewartet. Und es wollte auch niemand mehr in ihr Abteil. Der Zug war seit dem letzten Halt deutlich leerer geworden.
Es ist so kalt! "
Maria schlüpfte aus ihren dünnen Halbschuhen und zog sich dicke, bunte Wollsocken bis zu den Knien. Pepe konnte den Blick nicht von ihr wenden, als sie sich keck im Schneidersitz auf ihrem Bahnsitz aufpflanzte. Einen Moment lang war es still, sie wussten nicht, was sie sagen sollten.
"Wetten, gleich zieht sie die Notbremse."
Maria prustete und Pepe krächzte bestätigend:
"Wir müssen sie aufhalten! Sie gefährdet auch unsere Sicherheit!"
Als sie sich wieder erholt hatten, lächelte Maria aufmunternd: "Wollten Sie vorhin nicht Ihre Geschichte weiter erzählen?"
Pepe fiel auf, dass ihre grünen Augen heller als vorher schimmerten. Darin war etwas, das wollte er gern ergründen. Aber nun galt es erstmal, den Faden seiner Geschichte wiederzufinden.
"Wo war ich stehen geblieben?" Er merkte sofort, wie unpassend diese Bemerkung war, wie zerstreut sie ihn aussehen ließ. Als er sich verlegen räusperte, lachte Maria schon wieder und wippte auf ihrem sitz.
"Ich kann verstehen, falls Sie diese Geschichte, die mir selbst auf einmal so unendlich fern vorkommt, obwohl ich soeben noch darin ganz und gar eingehüllt war, ein wenig sonderbar, vielleicht sogar versponnen finden.
Nur wenn Sie an meiner Stelle das alles mit erlebt hätten, ich bin sicher, sie hätten der kleinen Lena genauso geholfen."

Friday, December 02, 2005

Fortsetzung 20

"Ja, natürlich, kein Problem, ich will ja gar keine Geschenke bekommen. Besitze schon genug Zeug, das in der Wohnung Staub fängt."
Pepe stellte sich vor, wie Lena vor einem geschmückten Tannenbaum Sören ansieht, der ihr Baby auf dem Arm hält, und dabei süß aussieht.
"Bin ich etwa eifersüchtig? Ich, der ich viel älter bin als diese Gören? Wie Sören zunächst reagiert hatte, als er erfuhr, dass Lena von ihm schwanger war. Voll daneben!
Der hatte mehr Sorge um seinen Ausbildungsplatz, als um seine Freundin. Ich bin damals in die Bresche gesprungen, habe mich um sie gekümmert, ich!
Dankbarkeit erwarte ich ja gar nicht für diese Selbstverständlichkeit. Aber vielleicht eine Geste, die das Herz erwärmt. Die würde mich freuen!"
Draußen wurde es langsam dunkel. Der Zug fuhr mit hohem Tempo. Kreischende Fahrgeräusche drangen ins Abteil. "Irritierend, dieses Rasen! Während man selbst ruhig in seinen Polstern sitzt. Mich macht es nervös. Ob es im Bistrowagen leiser ist? Habe ich die wunderbare Stimmung dort vielleicht nur geträumt."
Maria wachte auf und sah aus verschlafenen Augen blinzelnd umher. Sie schien noch in den Bildern eines Traumes gefangen, die sie nicht einfach losließen. Unsicher hob sie ihr Buch in Lesehöhe, um wenigstens in den Buchstaben ihre Gegenwart verzeichnet zu finden.
Die ältere Dame begann unvermittelt zu sprechen.
"Es ist eine Unverschämtheit, dass bis jetzt noch kein Servicewagen hier vorbei gekommen ist. Um diese Uhrzeit hätte ich schon mindestens ein Baguette mit Käse und Tomaten gegessen. Die ganze Zeit kann ich an nichts anderes denken. Auch die Fahrscheine werden hier nicht regelmäßig kontrolliert! Unfassbar, dieser Service! Und durch die Fensterritze zieht es."
Sie blickte in die Runde als erwartete sie selbstverständlich Beifall. Pepe sah sie wie tief betroffen an.
"Das ist noch nicht das Schlimmste. Ich fürchte, wir fahren zu schnell. Neulich habe ich Bilder von einem Zugunglück gesehen. Ein grässlicher Anblick. Wegen überhöhter Geschwindigkeit! Aus einer Kurve direkt in eine Schlucht. Das muss die reinste Höllenfahrt gewesen sein. Oder hatte ich das im Kino gesehen? Egal, grässlich war es auf jeden Fall!"
Das Gesicht der älteren Dame sah blass aus, aber Pepe redete ungerührt weiter.
"Besuchen Sie mich doch einmal in Quakenbrück! Dann belege ich Ihnen die Pizza doppelt mit Käse und Tomaten. Service im Preis inbegriffen!"
Maria schaute von ihrem Buch auf. Sie war nun wieder vollkommen anwesend. Es amüsierte sie, wie er die Nörgeleien der älteren Dame verspottete, ohne dass sie es bemerkte. Pepe hatte ihren leisen Zuspruch bemerkt.
"Imponierten ihr etwa Männer mit dem Hang zur vorlauten Frechheit?"

Monday, November 28, 2005

Fortsetzung 19

Ein kreischendes Bremsgeräusch beendete abrupt den Gesang. Und die traumgleiche Selbstvergessenheit der Reisenden, die nun eilig zurück in ihre Abteile drängten, um noch vor Einfahrt des Zuges in die nahe Station Wroclaw ihr Gepäck zu holen, oder ihren Platz im Abteil zu reservieren.
Pepe wurde in dem einsetzenden Gedränge in einem Pulk mit hinaus geschoben. Er sah gerade noch, wie die Sängerin, umringt von ihren Bekannten, Hände schüttelte, genauso unbewegt, wie sie gesungen hatte.
"Ob sie vielleicht blind ist, und daher die Unbewegtheit ihres Ausdrucks?"
Schon ging es die engen Gänge entlang, den Blick auf den Boden, damit er nicht über Gepäckstücke stolperte. Keine Zeit zum Überlegen! Die Eindrücke verwischten so schnell und überraschend wieder, wie sie gekommen waren.
"Au!"
Vor ihm hielt sich jemand sein Schienbein, schimpfte dann in unverständlichen Worten, hinter ihm gab es einen Stau. Ab und zu riss ein Passagier die Tür eines Abteils auf, kurze Einblicke in die Abteile eröffnend, und verschwand darin.
So ging es weiter, der Zug rollte schon in einen Vorort von Wroclaw, als Pepe endlich sein Abteil wieder fand.

Maria war über ihrer Lektüre eingeschlafen. Das Buch hielt sie noch in der Hand. Die ältere Dame schaute nur kurz auf, als Pepe eintrat. Sie sah müde aus. Und um nicht ebenfalls einzuschlafen, goss sie sich ständig Kaffee aus einer Thermoskanne in eine Henkeltasse. Auf ihrem Schoß lag eine Schachtel mit Kokosplätzchen, von denen sie zwischen kleinen Schlückchen aß.
Pepe setzte sich auf seinen Platz, der immer noch frei war.
"Ich habe ihn für sie freigehalten, junger Mann. Wer hier schon alles ins Abteil wollte! Das darf man sich nicht gefallen lassen." Vom Gang her schauten einige missmutige Gesichter herein.
"Ich bedanke mich, herzlichen Dank!"
Pepe fiel es schwer, sich für ihre heroische Abschottung des Abteils gegen andere Mitreisende zu bedanken. Andererseits war er doch froh, seinen Sitzplatz behalten zu haben und bewunderte ihre sichere Durchsetzungskraft. Wenig später hielt der Zug im Bahnhof von Wroclaw.
Vom Bahnsteig herein schallte eine Durchsage in polnischer Sprache, die er nicht verstand. Beim Aus- und Einsteigen entstand kurzzeitig ein hysterisches Durcheinander mit Rufen und Gestikulieren, das sich erst lichtete, als die Ausgestiegenen ihre Angehörigen auf dem Bahnsteig gefunden, und die Einsteigenden im Zug verschwunden waren.
Überall Küssen und Winken, Hüpfen, Gehen und Stehen. Minuten später setzte sich der Zug nur sehr langsam wieder in Bewegung. Er ächzte und knarrte, schien schwer, als hätte er unendlich viele Menschen aufgenommen. Beim Hinausgleiten aus dem Bahnhof standen nur noch wenige winkend auf dem Bahnsteig.
Ihre Gesichter erschienen durch die Bewegung des Zuges für Zehntelsekunden im Rahmen des Abteilfensters. Ein kurzer Licht- und Schattenreflex, ein Ausdruck von Abschied, manchmal ein Weinen, fixiert auf der Netzhaut wie auf einer Fotografie.
"Fast alle werden wieder wie Kinder in Momenten des Abschieds. Wie damals, das erste Mal allein mit der Bahn. Die winkenden Hände der Eltern verschwinden langsam aus dem Blickfeld. Dann folgt der noch unbekannte Schmerz der Trennung. Noch lange wirkt das Beruhigungsmittel nicht, der Gedanke, dass man sich wiedersieht.
In Quakenbrück brachte mich niemand zum Zug. Sie haben ja nun ihr Baby."
Er prüfte die auf seinem Handy eingegangenen Nachrichten, und tatsächlich, da war noch eine ungelesen.
"Sorry, wir haben kein Weihnachtsgeschenk für Dich. Heute fiel es mir ein. Und jetzt bist Du schon weg. Es tut mir leid. Also dann, freu Dich auf nach Weihnachten! Ja? Wir denken an Dich! Lena."

Saturday, November 26, 2005

Fortsetzung 18

Die Gruppe an diesem Tisch waren wohl Russen oder Ukrainer, und da er sich mit Worten kaum verständigen konnte, sie ihn aber als ihren Gast einbeziehen wollten, tönte bald leiser Gesang einer Stimme, deren Ursprung er nicht gleich entdecken konnte.
Die Gespräche verebbten nach und nach, bis schließlich alle sich dem faltenreichen Gesicht einer Frau zuwendeten, deren Augen eine große Sonnenbrille verbarg. Zwischen ihren leicht geöffneten Lippen summte, gurrte und kehlte sie Laute hervor, deren Wehmut Pepe zutiefst berührte. Es schien, als sänge es von unbekannter Quelle aus ihr heraus, so unbewegt war sie äußerlich, so wenig drängte sie ihren Gesang den Zuhörern auf.
"Wer ist diese Frau, die mit ihrem Können nicht selbstgefällig auftrumpft, sondern unheimlich leise verführt? Ich möchte sie kennenlernen."
Auch an allen anderen Tischen waren inzwischen die Gespräche verstummt. Der Bistrowagen hatte sich in einen Konzertsaal verwandelt. Unter ihnen stampften die Räder des fahrenden Zuges ihren gleichmäßigen Rhythmus, und darüber tanzten zauberhaft leicht die Wellen ihres Gesangs.
"Ich schwebe," dachte Pepe, "und sehe Farben. Ich bin glücklich!"
Lautlos wurden Gläser weiter gereicht, Geldscheine häuften sich in der Mitte ihres Tisches, als Gaben für die Sängerin, und um gemeinsam Getränke zu bezahlen, gab jeder wie er konnte. Es gab eine stille Übereinkunft in all diesen beinahe unsichtbar ablaufenden Handlungen. Niemandem sollte es an seinem leiblichen Wohl mangeln, egal ob er bei Kasse war oder nicht. Und gleichzeitig durfte kein Laut, keine Bewegung diese Sängerin stören. Nichts war kostbarer zu erhalten als ihre Laune zu singen.
Nach und nach sammelten sich immer mehr Reisende in dem Bistro. Wer zufällig herein gekommen war, blieb, und wer einen Imbiss hatte nehmen wollen, wartete noch mit seiner Bestellung.
"Die Menschen sind fähig zu gegenseitiger Achtung und Liebe," stellte Pepe fest, "sie beweist es. Aber auch zur Verletzung, das zeigt die Wehmut ihres Gesangs. Wer andere so tief berühren kann, kennt alle Höhen und Tiefen. Glück genauso wie Trauer." Pepe kostete von jeder Resonanz seiner Umgebung, fühlte jede Nuance mit. Wie alle im Waggon verlor er vollkommen das Gespür für die Dauer der Darbietung.
Einmal hatte er geträumt zu fliegen, und jetzt war der Augenblick dafür: er probierte es gleich. Sah den Zug unter sich als feinen Strich, der sich wie ein Raupe durch ein grünes Blatt frisst.
"Halt an, halt an! Bleib stehen auf offener Strecke! "
Als kleines Kind hatte er so versucht, Ameisen auf dem Boden zu lenken. Manchmal hatte es wirklich funktioniert. Dann durfte er einen Tag lang an seine magischen Fähigkeiten glauben. Leider hatte es am nächsten Tag meistens nicht mehr funktioniert. Heute vielleicht?
Pepe steigerte seine Willenskraft ins Unermessliche. Dabei musste er wohl einen roten Kopf bekommen haben, denn sein Nachbar warf ihm einen erstaunten Seitenblick zu. Also ließ er es sein. Und der Zug fuhr tatsächlich weiter.
Vielleicht eine Stunde, vielleicht zwei? Die Sängerin im Bistrowagen gab ihren unersättlichen Zuhörern ein vollendetes Gratiskonzert. Die bedankten sich in jeder Pause mit aufforderndem Applaus.

Thursday, November 24, 2005

Fortsetzung 17

Pepe fand einen Platz an einem Bistrotisch, der gerade frei geworden war. Er aß schnell seinen Sandwich auf, dann trank er in Ruhe kleine Schlucke aus seinem Glas. Dabei beobachtete er die Anwesenden, wie er es von seiner Pizzeria her gewohnt war. Unter sich hörte er gedämpft das Klack, Klack der Räder auf den Unebenheiten der Schienen.
Im Augenblick hörte es sich an wie das Ticken einer verlangsamten Uhr. Je nachdem, wie viele Kilometer pro Stunde der Zug gerade fuhr. Die monotonen Geräusche erlaubten Pepe zu träumen.
"Nichts Schöneres kann ich mir in diesem Augenblick wünschen als Verlangsamung der Zeit! Bedeutete das etwa nicht, intensiver zu leben?"
Er stellte sich das vor. Noch intensiver! Bald war sich überhaupt nicht mehr sicher, ob an diesem Gedanken irgendetwas Wahres war. Leicht irritiert, hörte er auf zu träumen.
Verschiedene Sprachen hörte er aus dem Stimmengewirr der einzelnen Gruppen heraus, die um die Tische und am Kiosk standen. Zwischen ihrem Lachen, das sehr häufig eine einzelne Rede unterbrach, tönte zu ihm herüber etwas Vertrautes.
"Alle Sprachen der Welt klingen wie Musik, blende ich das den Wortsinn verstehen einmal aus. Alle Sätze, seien sie mit Bedeutung gesprochen, oder einfach nur so dahergesagt. Sicherlich gibt es auch Musik, die man gedanklich wie eine Sprache lesen kann, aber nur einige Kenner ereifern sich über deren Interpretation."
Es gefiel ihm, zuzuhören, ohne verstehen zu müssen.
"Oh, ich möchte wieder einmal nach Rom reisen! Santa Maria a Trastevere! Sonntags morgens aus offenen Fenstern Bel Canto hören! Dort lebt die Straße die Oper! Dort ist sie nicht eingesperrt in Opernhäuser und bessere Kreise!"
Die vorweihnachtlich gelöste Stimmung im Bistrowagen übertrug sich auf alle Anwesenden. Auch Pepe, der allein an einem Tisch stand, fühlte sich durch freundliche Blicke einbezogen.
"Wer hier unterwegs ist, freut sich bestimmt auf sein Reiseziel. Die meisten haben sicher Monate lang darauf gewartet, endlich von ihrer Arbeit in der Fremde nach Hause fahren zu können, um ihre Familien und Freunde wieder zu treffen. Und ich?
Bin ich über die vielen Jahre, die ich in Deutschland nun lebe, nicht zum Fremden in meiner Heimat Italien geworden? Wer freut sich dort noch auf mich?"
Er leerte sein Glas ohne abzusetzen, um die aufkeimende Melancholie schnell hinunter zu spülen. Gleich winkte aus einer Gruppe herüber ein Arm Pepe an einen anderen Tisch. Er ging zögernd, ob er gemeint sei, mehr in Richtung des Kiosk. Das Gesicht des Winkenden konnte er erst beim Näherkommen erkennen. Auffordernd winkte derjenige nun noch einmal, und da sah Pepe nahe in dunkle, leuchtende Augen. Der junge Mann lachte einladend breit, wodurch seine Goldzähne im Neonlicht blinkten.
In die Runde eingereiht, füllte ihm eine andere Hand sein Glas mit Wodka. Dann schwenkten alle Gläser gegen seins und aus allen Mündern schallte es gleichzeitig laut:

"Nastrovje!"

Monday, November 21, 2005

Fortsetzung 16

Diesmal konnte sich Pepe für keine der Antworten entscheiden, er schrieb an Sören die SMS:
"Niemals im Leben würde ich eine tiefgekühlte Pizza kaufen! Ich bin Pizzabäcker aus Geschmack und Überzeugung."
Lange musste er nicht auf sein Ergebnis warten. Sören schrieb:
"Ist doch bloß ein Spiel, Mann! Du hast eine durchschnittliche Punktzahl erreicht. Damit bist Du der durchschnittliche Erfolgstyp. Du kannst nicht alles, aber eine Menge erreichen. Eine Empfehlung: keine Angst davor, unangenehm aufzufallen! Das könnte Dir Deinen möglichen Erfolg verderben. Schöne Feiertage, Pepe! Sören."
Pepe steckte sein Handy zurück in die Jackentasche und machte sich auf den Weg zurück durch den Zug.
"Durchschnittlicher Erfolgstyp, so, so! So ein Schwachsinn!"
Vor ihm standen Taschen und Koffer im Gang. Er kletterte halb, halb wurde er gehoben, darüber.
"Scusi, Sorry, Pardon oder Entschuldigung!"
Es hörte sich an wie eine lange Kette von Gebeten, die er zum Himmel schickte.
"Platz dem gefräßigen Imperator," hätte er aus seinem Hungergefühl im Bauch heraus am liebsten lauthals gerufen, aber stattdessen wiederholte er immer wieder mit flötender Stimme nur:
"Scusi, Sorry, Entschuldigung oder Pardon!"
Und die ganze Zeit musste er an die duftenden Leberwurstbrote seiner Mitreisenden im Abteil denken, an dem er nun wie ein Fremder vorüberschlich. Sie sollten nicht unbedingt mitbekommen, dass er in die falsche Richtung geeilt war.
Schließlich, nach dem letzten "Scusi, Sorry, Pardon oder Entschuldigung," öffnete er endlich die Tür zum Bistrowagen des polnischen Zuges.
Die Fahrgeräusche klangen hier stark gedämpft, unter seinen Füßen lag ein alter, fleckiger Teppich. Ihm gegenüber, fast am Ende des gesamten Waggons, befand sich ein Kiosk. Davor, in mehreren Reihen, Bistrotische ohne Sitzgelegenheit. Auf den Tischen kleine Vasen mit Blumengestecken aus Plastik, vor den Fenstern weiße Gardinen. Nahe dem Kiosk lehnten einige Gäste des Bistros.
"Schön, hier möchte ich bleiben. Das hier ist kein ungemütlicher, deutscher Speisewagen. Vielmehr erinnert es mich an meine Mini-Pizzeria. Vino Rosso!"
Pepe fragte schwungvoll nach seinem Lieblingsgetränk, aber der Bistrokellner zuckte nur mit den Schultern. Vino Rosso trank man hier nicht. Dennoch reihte er flink verschiedene Flaschen und Fläschchen alkoholischer und nichtalkoholischer Getränke vor ihm auf. Dann fragte er mit einem breiten Grinsen:
"Dollar or Euro? Very good! Or else?"
Pepe deutete auf eine Flasche Orangensaft und ein kleines Fläschchen Campari, das er sofort ins Augen gefasst hatte. Außerdem nahm er ein Sandwich mit Tomate, Ei und Käse. Dem Kellner hielt er einen Euroschein hin, der seiner Meinung nach mindestens den Wert der Getränke darstellte.
Der Kellner jedoch rechnete mehrmals auf einem kleinen Taschenrechner, wobei er umständlich mit einem Finger die Zahlen eintippte, aber fluchend kam er mehrmals nicht zum passenden Ergebnis.
Nach einigen weiteren Versuchen hielt er Pepe freudestrahlend die Anzeige des Rechners vor Augen, auf der ein Betrag stand, der geringfügig über dem Wert des Geldscheines lag.
Pepe stutzte einige Sekunden, dann ließ er klimpernd Euromünzen auf die Theke des Kiosks fallen, wovon sein Gegenüber gewinnend lächelnd, nur einige wenige nahm, um endlich mit großzügiger Geste zu bedeuten, dass er Pepe den Rest seines eigenen Kleingeldes freundlicherweise schenkte.
"Napoli, Stronzo, ich komme aus Napoli!"
Pepe reichte ihm freudig seine Hand. Solch geschickte kleine Gauner kannte er, ja er mochte sie sogar, fand sie sympathisch. Sie wussten dem Betrogenen ein Gefühl von Herzlichkeit zu schenken, das die Summe ihres kleinen Betruges weit überstieg. Es hatte etwas sehr menschliches, dass die Zahlen nicht stimmten, denn sicherlich würde sein Gegenüber jemandem, dessen Geld vielleicht für ein Getränk nicht ausreichte, auch gern etwas vom Preis erlassen. So wie er selbst es regelmäßig in seiner Pizzeria tat.

Friday, November 18, 2005

Fortsetzung 15

Pepe überlegte, dann votierte er per SMS für die zweite Antwort. Dazu schrieb er folgenden Text:
"Lieber Sören! Es freut mich sehr, dass es euch gut geht. Ihr werdet bestimmt ein wunderschönes erstes Weihnachtsfest zusammen mit eurer Tochter Sonja haben. Aber jetzt zu deinem Spiel.

Wenn ich einen Laden betrete, einen Supermarkt, einen Megastore, ein Kaufhaus oder eine Handelskette, egal wo, es dauert keine fünf Minuten, dann heftet sich garantiert ein Ladendetektiv an meine Fersen.
Beobachtet mich, sieht mir auf die Finger. Immer! Daher renne ich in die Läden hinein, nehme mir schnell, was ich brauche, und renne damit zur Kasse.
Ja, ich verhalte mich schon etwas auffällig, das gebe ich zu. Aber Schuld daran haben nur diese Ladendetektive. Weil sie mir mit einem grundsätzlichen Misstrauen begegnen und außerdem keinerlei Menschenkenntnis besitzen."
Minuten später erreichte ihn der nächste Text von Sören. Wieder hatte er einige Fragen.
"Danke für die Wünsche, Pepe! Jetzt zum Spiel:

Wenn Du Kleidung für Dich im Kaufhaus einkaufen willst, also Hose, T-Shirt, Jacke oder Schuhe, was du gerade brauchst. Da findest Du auf einmal ein Superschnäppchen. Leider etwas aus der Mode, leider eine Nummer zu groß. Kaufst Du oder kaufst Du ganz sicher nicht?"
Wieder überlegte Pepe, prüfte sich und sendete dann die Antwort.
"Kaufe, na klar, sören! Ich kenne eine fantastische Änderungsschneiderei in Quakenbrück. Die schneidern mir sogar zu kleine Anzüge größer!“
Nun dauerte es eine Weile, bis Sörens nächste Frage sich per Klingelton ankündigte. "Wenn Du vor einer Tiefkühltruhe mit tiefgefrorener Pizza stehst und Du entdeckst unter einem Stapel von Gefrostetem den letzten, einzigen Karton Deiner absoluten Lieblingspizza. Ohne die kannst Du einfach nicht auskommen.

Würdest Du all die frostigen Packungen vor den Augen anderer Kunden gnadenlos umschichten, dich in diese eisige Tiefkühltruhe hineinwühlen? Oder würdest Du aufgeben und eine andere Sorte wählen?"

Wednesday, November 16, 2005

Fortsetzung 14

Pepe wollte zum Speisewagen. Nachdem er sich in dem mittlerweile vollbesetzten Zug mühsam durch die schmalen Gänge gedrängelt hatte, musste er sich, als er die Rückseite der Lok durch ein Türfenster sah, schließlich etwas eingestehen: er hatte sich spontan für die falsche Richtung entschieden. Nun befand er sich im ersten Waggon des Zuges, und der Speisewagen war wohl ganz am anderen Ende. Einen Moment lang starrte er zornig hinaus auf die mit Flugdreck verkrustete Rückseite der Maschine. Ein gelbes Blatt klebte an einem Klümpchen Lehmerde in einer Lüftungsrippe der Lokomotive und flatterte im Zugwind.
"So ein Mist! Noch einmal den selben anstrengenden Weg zurück! Zum Haare ausrupfen! Konnte ich nicht vorher jemanden fragen? Aber nein, meine dusselige Schüchternheit lässt mich einfach nicht spontan auf jemanden zugehen. Die kostet mich eines Tages noch meine letzten Nerven!"
Schüchtern war er immer nur am Anfang einer Begegnung, dann eigentlich nur noch das Gegenteil. Jetzt war er allein mit sich und konnte ungestört lauthals über sich selbst schimpfen. Niemand würde es hören, denn die Lok machte draußen einen Höllenlärm. Wenn er mit sich unzufrieden war, konnte Pepe von unbändigem Zorn über eigene Unzulänglichkeiten erfasst werden, so dass er schon einmal aus Wut einen Aschenbecher in die Fensterscheibe seiner Pizzeria geschleudert hatte.
Dabei waren drei komplette Tageseinnahmen für den Glaser draufgegangen, und er hatte sich bei allen Heiligen geschworen, auch wenn er seinen Zorn nicht als eine Todsünde verstand: nie mehr dulde ich von mir solch einen verheerenden Zornesausbruch!
"Manchmal komme ich mir in meinen eigenen Augen sonderbar vor. Zuerst bin ich schüchtern, dann rede ich auf mir vollkommen fremde Leute ohne Punkt und Komma ein. Ist das nicht peinlich? Warum gibt es in meinem Leben keinen Menschen, der sich so intensiv für mich interessiert, dass ich ihm alles erzählen kann, was mich bewegt?"
Ein kalter Luftzug drang durch die verschlossene Tür des Waggons hinter der Lok. Pepe barg seine Hände in seinen Jackentaschen. In der einen fand er sein Handy, in der anderen Kaugummi. Eines schob er sich zur Beschäftigung in den Mund. Auf dem Display seines Handys blinkte eine SMS-Nachricht.
"Prima, ich habe eine Nachricht bekommen, oder vielleicht sogar mehrere. Es gibt Leute, die denken an mich!"
Seine Laune besserte sich sofort. Der Weg zurück durch die mit Reisenden besetzten Gänge des Zuges schien ihm aufschiebbar, obwohl er inzwischen neben dem Durst auch ein merkliches Hungergefühl in der Magengegend verspürte. Lieber kurze Nachrichten aus der Vergangenheit empfangen. Eine SMS Nachricht zu erhalten ist immer spannend.
Er klickte auf seinem Handy ein paar Tasten und las auf dem Minibildschirm seines Handys.
"Lieber Pepe, wir vermissen Dich sehr. Sonja schreit leider sehr viel. Ich frage mich, warum? Sören ist süß, wenn er sie auf dem Arm hält. Wir denken an Dich! Allerliebste Grüße, Lena."
Das war nur die erste Nachricht, denn es gab noch weitere. "Mach mit beim Wettbewerb, denn Erfolg ist eine Frage des Typs. Welcher Typ bist Du? Beantworte folgende drei Fragen!" Das war eine SMS von Sören, er liebte solche Spiele. Pepe freute sich nicht übermäßig, las aber weiter.
"Wenn Du im Supermarkt Lebensmittel einkaufst, welcher Typ bist Du? Zwei Möglichkeiten zur Auswahl. Erstens: Du nimmst Waren immer von vorn aus dem Regal, egal, welches Haltbarkeitsdatum, oder zweitens, Du wühlst Dich solange durch das Regal, bis du von allen das jüngste Verfallsdatum, also die größte Haltbarkeit erwischst?"

Saturday, November 12, 2005

Fortsetzung 13

Die Unterhaltung versiegte daraufhin. Alle Insassen des Abteils hörten nur auf die Fahrgeräusche des Zuges, die in ein lautes Zischen übergegangen waren. Der Waggon schlingerte auf den Schienen, bei hoher Geschwindigkeit.
Pepe dachte an seine letzte Reise, in einem Großraumwagen, und an diese Art von Schweigen, die ihn dort befiel. Es ist wie ein Theater, in dem Publikum sitzt, aber die Vorstellung wird niemals beginnen.
"Manche beruhigt Anonymität, mich nicht."
Hatte er leise für sich geredet? Egal! Die Meinung eines Hühnerzüchters kam ihm in den Sinn. Der hatte sich geweigert, seine Legebatterien in eine Zucht auf Basis Bodenhaltung zu verändern. Gleich hörte er seine schneidende Stimme.
"Hühner fühlen sich doch wohl in ihren Einzelkäfigen, die schützen sie vor der natürlichen Hackordnung innerhalb der Hühnergesellschaft. In Einzelkäfigen legen sie auf jeden Fall mehr Eier."
Pepe riskierte einen heimlichen Seitenblick auf die ältere Dame, die er gerade im Profil sah.
"Sie sieht aus wie ein Huhn, oh, tatsächlich! So vom Hals her, wie ein Huhn. Nur ihr Goldschmuck macht sie zum menschlichen Wesen. Ansonsten, auch ihre Haltung, nein wirklich, wie ein Huhn."
Dann schaute er aus den Augenwinkeln auf Maria. Ihre blonden Haare fielen wie ein Helm um ihren Kopf. In ihrem blassen Gesicht funkelten ihre grünen Augen, blitzten so schön wie helle Smaragde.
Sie blätterte gerade nach ihrem Lesezeichen im Buch, schien unentschlossen, ob sie sich ihrer Lektüre wieder zuwenden sollte.
"Vielleicht ist ihr im Grunde genommen alles egal? Hauptsache, irgendwer oder irgendwas unterhält sie?"
Pepe fühlte in seinem Magen den Alkohol vom vergangenen Abend, als er in Berlin mit einem guten Freund Wiedersehen gefeiert hatte.
"Immer wird viel getrunken in Berlin, wenn wir uns einmal im Jahr wiedertreffen. Ich brauche jetzt unbedingt ein Glas Wasser."
Er verließ ohne ein Wort das Abteil.

Friday, November 11, 2005

Fortsetzung 12

Marias Lachreiz hatte aufgehört. Alles Lächerliche an der Geschichte war ihr vergangen.
Nachdenklich betrachtete sie Pepe. Sein rundliches Gesicht, seine halblangen, schwarzen, am Stirnansatz licht werdenden Haare, und seine kleinen, kräftigen Hände mit feinen, dunklen Härchen auf den Handrücken.
"Ich kann es mir vorstellen. Habe solche Angst selbst erlebt. Manchmal streift uns ein Gedanke an die Vergänglichkeit unseres Lebens. Der bereichert möglicherweise unser Bewusstsein, verfeinert unser Empfinden. Aber zuerst lähmt uns diese Angst. Manche lähmt sie Zeit ihres Lebens."
Pepe nickte.
"Zumal ein so junger Mensch wie Lena noch viel weniger Situationen erlebt haben konnte, um ihre Lage damit zu vergleichen."
"Sie schweifen wieder ab, Pepe," lachte Maria. "Meine Schuld, ich hatte Sie wieder unterbrochen."
Pepe fühlte sich geschmeichelt, das Interesse einer Studentin geweckt zu haben.
"Wieviel Lena in diesen Wochen erleiden musste, kann ich mir trotzdem kaum vorstellen. Sogar an Selbstmord hatte sie gedacht, erzählte sie später. Wenn ich das damals gewusst hätte! Oder einer ihrer Freunde, ihre Eltern, Geschwister oder ihre Großmutter, zu der sie eine liebevolle Beziehung hat.
Jeder hätte ihr geholfen, da bin ich ganz sicher. Aber den ersten Schritt, sich jemandem anzuvertrauen, muss leider jeder selbst tun, auch wenn es manchmal verdammt schwer fällt! Sie traute sich einfach nicht und deshalb wurde das Gewicht ihres Geheimnisses schwerer und schwerer."
Maria schaute ihn aus zusammengekniffenen Augen an.
"Eine Frage beschäftigt mich. Ihr Interesse für diese Jugendlichen, woher kommt das?"
"Ganz einfach. Jeden Tag warte ich genauso ungeduldig wie die Schüler darauf, dass die Schule aus ist. Dann erscheinen nämlich einige von ihnen in meiner Pizzeria. Es ist schlicht mein Geschäft, dass viele Schüler nach dem Unterricht nicht nach Hause gehen. Dafür gibt es viele Gründe. Auf jeden Fall haben sie Hunger. Und woanders müssten sie viel mehr Geld für ein Essen ausgeben, als bei mir. Also kommen diejenigen, die wenig Geld haben. Da macht mir meine Arbeit viel Spaß. Wenn man zu tun hat, merkt man nicht, wie die Zeit vergeht."
Pepe überlegte, dann seufzte er leise.
"Ja, wie die Zeit vergeht. Man nimmt teil am Leben der anderen und vergisst darüber seine eigenen Wünsche. Ob ich immer allein reisen werde?"
"Nein," hauchte Maria, dann mit einem weichen Schimmer um ihre grünen Augen, "welch eine komplizierte philosophische Frage."
"Eigentlich genieße ich dieses Gefühl von Freiheit. Letztes Jahr um die Weihnachtszeit fuhr ich ebenfalls mit der Bahn nach Neapel, nahm aber die Strecke über München. Während der gesamten Fahrt saß ich in einem Großraumwagen. Schweigend, weil die Sitzordnung kein Gespräch zuließ."
Die ältere Dame lächelte entspannt.
"Die Leute wollen es so."

Friday, November 04, 2005

Fortsetzung 11

"Wenn Sie es nicht nötig haben, dass man Ihnen hilft," gnatzte die ältere Dame, "dann verzichten Sie eben auf Ihr Ferienhäuschen in Italien. Ein Geheimtipp für Sie, aber bitte, wir sind ja hier nicht auf dem Markt."
Sie ärgerte sich wohl, dass er ihr Angebot ignorierte.
"Das erste Problem ist, dass wir zu bequem sind, uns in die Lage anderer zu versetzen. Stellen Sie sich einmal vor, Sie wären erst fünfzehn Jahre, und haben vielleicht in einer Jugendzeitschrift über irgendwelche Krankheiten gelesen. Und eines Tages stellen Sie fest, dass sich Ihr Körper plötzlich verändert. Sie sind geschockt, natürlich denken Sie an das Schlimmste. Krebs, oder eine andere Krankheit, auf jeden Fall unheilbar. Nachts wachen Sie schweißgebadet auf, weil Sie von Ihrer eigenen Beerdigung geträumt haben. Schließlich gehen Sie doch zu einem Arzt. Dort sitzen Sie dann im Wartezimmer, in Erwartung Ihres Todesurteils, und als der Arzt Sie schließlich untersucht hat und bedeutungsvoll anschaut, sich räuspert, dann beten Sie innerlich. Ja, vielleicht beten Sie dann sogar wirklich inniglich zu Gott, dem Allmächtigen, dass er Sie bitte dieses eine mal noch rette und Ihnen verzeihe, dass sie so lange keinen Gottesdienst besucht haben!"
Pepe war halb von seinem Sitz aufgestanden, die ältere Dame schaute betroffen und Maria versuchte halbwegs erfolgreich, Erschütterungen ihres Zwerchfells zu unterdrücken.
"Weiter, bitte erzählen Sie," brachte sie mühsam, gerade noch ohne zu kichern, heraus.
Pepe sog hörbar Luft durch die Nase ein und plumpste wieder auf seinen Sitz.
"Schreckliche Krankheiten gibt es, das machen wir uns tagtäglich viel zu wenig bewusst. Die kleine Lena wusste natürlich, was sich mit ihr und ihrem Freund Sören abgespielt hatte, aber so richtig wusste sie es noch nicht, denn sie war ja erst fünfzehn. Er schon eher, denn ein Jahr älter ist er, arbeitet als Auszubildender in der Fahrradfabrik."
"Wir wissen es jetzt," unterbrach die ältere Dame.
"Es klingt vielleicht seltsam, aber Lena hoffte, ja sie betete innerlich, dass der Grund für die Veränderungen in ihrem Körper eher ein gutartiger Tumor, eine Zyste etwa, als eine Schwangerschaft sei. Und manchmal war sie sich sogar ganz sicher, es wäre gar nichts verändert an ihr, alles nur Einbildung und grundlose Furcht. Dann blühte sie innerlich auf, kam gutgelaunt in meine Pizzeria und redete und lachte wie all die anderen aus ihrer Clique.
Aber am darauffolgenden Tag zweifelte sie wieder, mied möglichst jede Gesellschaft und verzehrte, sich verbergend, ihre Extraportionen Pizza. Sichtbar ging es auf und ab mit ihren Stimmungen. Ich litt inzwischen schon mit, wenn ich sie wieder einmal bedrückt sah. Sie hoffte wohl lange, dass sich ihre Sorgen als unbegründet herausstellen würden, ja vielleicht betrog sie sich sogar selbst mit Illusionen, denn als sie schließlich zu einem Arzt ihres Vertrauens ging und seine Diagnose erfuhr, war es bereits zu spät für eine Entscheidung. Sie war schwanger und würde ihr Kind bekommen."

Thursday, November 03, 2005

Fortsetzung 10

"Vielleicht sollten Sie es besser dabei belassen? Sie machen die junge Frau noch nervös. Denken Sie lieber darüber nach, wie Sie ihre Rente bekommen. Meine Generation hat ja noch genügend Kinder zur Welt gebracht."
Pepe wischte ihren Einwand aus seinem Gesicht wie eine lästige Fliege.
"Sie haben wohl recht mit ihrer Meinung, dass das Schönste, was wir erleben, kaum so in Worte zu fassen ist, dass andere unsere Gefühle nachempfinden können. Daher stochern wir vergeblich im Wortsalat, schweifen ab oder kreisen unendlich um das Eigentliche herum. Aber wenn es uns trotzdem einmal gelingt, die angemessene Übersetzung zu finden, dann erreichen wir den glücklichen Zustand, dass andere unsere Empfindungen teilen. Geteiltes Glück ist dann doppelt schön, und geteiltes Leid nur halb so schwer.
Daher, gnädige Frau, versuche ich immer wieder alles in Worte zu fassen, was mich glücklich oder traurig macht. Und manchmal gelingt es mir sogar, wenn auch nicht immer."
Maria klatschte spontan Beifall, während die ältere Dame ihren Kopf bedächtig zur Seite neigte, als ob sie seinen Worten noch einmal lauschen müsste, um zu begreifen, was er gemeint hatte. Pepe aber fühlte sich durch Marias Beifall bestätigt.
"Man hört viele Bedenken und Einwände gegen das Kinderkriegen, und manche kann ich verstehen. Auch ich mache mir Sorgen, wenn ich zum Beispiel an die Folgen unserer Lebensweise denke. Beinahe täglich erfährt man von Zerstörungen der Natur, Klimaveränderung, von Katastrophen, Kriegen, Habgier und Mord.
Ist es etwa nicht eine sehr traurige Tatsache, dass heute jeder, sogar mit berechtigten Argumenten, einwenden kann, dass in diese von Menschen angegriffene Welt keine Kinder geboren werden sollten?
Mir wird schwindelig vor so viel Verantwortung! Dann fällt es mir schwer, noch an unsere gewohnte Lebensweise zu glauben. Einen Sinn darin zu sehen, Blech für Blech Pizza zu backen, damit andere jeden Tag satt werden. Die ganze Sache wünsche ich mir gelegentlich lieber umgekehrt!
Zum Beispiel, dass ich im schönen Apulien auf der Veranda meines eigenen Ferienhäuschens die Sonne genieße, nebenbei telefoniere und dann, Hokuspokus, gleich werden mir knusprige Pizza, dunkelroter Wein und süßes Obst serviert. Ja, ich hätte nichts dagegen, wenn andere für mich arbeiteten. Ein Traum ist doch nicht verwerflich, oder? Wir Menschen sind gerne mal faul und bequem, und möchten die Sonne genießen, den Wein und, naja, was man sich so denken kann.
Ja, nein, vielleicht doch, doch wenn ich es mir genau überlege, ist es das. Genau das! Jeder sollte eine Arbeit haben, zufrieden sein und von deren Ertrag ein gutes Auskommen haben. Das wäre ideal. Lleider ist es so nicht. Die Menschen sind lieber egoistisch, spotten und lästern gern über andere, gönnen sich gegenseitig nichts und suchen, anstatt zu teilen, nur ihren Vorteil.
Und daher muss ich, um selbst nicht zu kurz zu kommen, an mich denken!"
"Da treffen Sie den Nagel auf den Kopf," grinste die ältere Dame, "ganz meine Meinung. Ich kenne jede Menge Tipps für eine renditereiche Geldanlage. Möchten Sie welche hören?"
Pepe zeigte sich überrascht von dem Beifall aus ihrer Ecke, aber er ging nicht auf sie ein.
"Kurze Rede, langer Sinn, ich habe in den letzten Monaten meine Zeit damit verbracht, der fünfzehnjährigen Lena, von der ich erzählte, aus der Klemme zu helfen. Und ich bereue es nicht, denn Schwierigkeiten zu überwinden, anderen zu helfen, macht nicht selten richtig viel Spaß."

Sunday, October 30, 2005

Fortsetzung 9

"Auch wenn unser Zug anhält, sind wir dennoch weiter unterwegs. Entweder in der Bewegung, auf jeden Fall aber in der Zeit."
Pepes Gesten waren wieder umfangreicher geworden, einzelnen Instrumenten seines imaginären Orchesters gab er durch Handbewegungen Zeichen.
"Welch kluge und hübsche Frau diese Maria ist," kam es ihm zur ungelegenen Zeit in den Sinn.
"Und wenn es geschieht, dass ein Kind, noch ungeboren, das Licht dieser Welt erblicken will, können wir davor unsere Augen verschließen? Geht mich nichts an?"
Seine Stimme hatte im besten italienischen Belcanto einen pathetischen Ton angenommen, seine Rede hörte sich beinahe gesungen an.
"Sie haben doch hoffentlich nichts gegen die Abtreibung?"
Maria sah ihn misstrauisch an.
"Können Sie sich etwa nicht vorstellen, wie viele Frauen durch eine ungewollte Schwangerschaft in Not geraten? Gäbe es die Möglichkeit nicht, frühzeitig über einen Abbruch zu entscheiden, gäbe es viel mehr Elend in der Welt.
Wer muss denn an erster Stelle unter einer sozialen Notlage leiden, etwa die Männer? Meistens wird die Not von oben nach unten durchgereicht, und unten stehen in vielen Gesellschaften Frauen und Kinder, hilflos und ohne Hoffnung! Ein Verbrechen, das durch falsche Politik und weltfremde Traditionen geschieht."
Maria war leicht rot im Gesicht geworden und schaute Pepe herausfordernd an. Von so viel Temperament war er überrascht, wollte etwas entgegnen, aber wusste nicht, was.
"Verstehe."
Er stammelte und zeigte ein leidendes Gesicht.
Maria kicherte plötzlich.
"Verzeihung, ich stecke mit meinen Gedanken noch mitten in meinen Uni-Seminaren. Wir diskutieren sehr oft über die Rolle der Frauen in der Gesellschaft, und da vertrete ich ganz klare Positionen. Die ich natürlich im Zusammenhang von Seminar-diskussionen vehement und vollkommen zu Recht einnehme, aber jetzt habe ich nur ungeschickt ihr Erzählen unterbrochen. Verzeihung!
Das liegt nur daran, weil ich ihren Ansatz missverstanden hatte.
Wollten sie vielleicht nur etwas weiter ausholen? Ja? Bitte vergessen Sie meinen Einwand, legen Sie los!"
Maria lächelte ihn mit einem höchst bezaubernden Lächeln an, so dass er leicht errötete. Aus Verlegenheit lächelte er einfach mit, bis er seine Worte wiederfand. Dieses Auf und Ab ihrer Emotionen hatte er noch nicht ausreichend begriffen.
"Ja, ich neige dazu, manchmal etwas vom Thema abzuschweifen. Es tut mir leid."
Sie gab sich gezielt generös:
"Aber das macht doch nichts, schweifen Sie, schweifen Sie meinetwegen kometenhaft wohin sie wollen, ich folge Ihnen ab jetzt filterlos."
"Also!"
Diesmal begann er, sich nachdenklich räuspernd. Die ältere Dame wendete ihm huldvoll belustigt ihr Gesicht zu, dann traf ihn ihr mitleidiger Blick.

Thursday, October 27, 2005

Fortsetzung 8

"Literatur- und Theaterwissenschaft."
Beide Begriffe standen buchstäblich wie eine fette Balkenüberschrift in der Zugluft ihres Zugabteils. Pepe wurde unsicher, wusste wenig damit anzufangen.
Die ältere Dame riskierte einen Seitenblick auf Maria und zog ihre Mundwinkel dabei leicht nach unten. Was sie wohl über Maria und die Literatur- und Theaterwissenschaft dachte?
"Wie unsympathisch," dachte Pepe, "vielleicht weiß sie genauso wenig wie ich über Literatur- und Theaterwissenschaft, und versucht nur ihren Mangel an Wissen durch Ablehnung zu überspielen."
"Sehr interessant, solch ein Studium stelle ich mir einmalig aufregend vor. Ich selbst habe unzählige Kriminalromane gelesen, und mich immer gefragt, wie man so etwas schreiben kann."
Marias Augen blitzten ihn schalkhaft an.
"Manche Geschichten werden nach einem immer gleichen Muster erzählt, das mag ich weniger. Ich beschäftige mich am liebsten mit ungewöhnlichen Erzählweisen. Geschichten, die mal auf die eine, mal auf eine andere Weise erzählt werden, ähnlich dem Leben, das zwar meistens gleich, aber bei genauer Betrachtung vielfach verschieden ist. Zur Unterhaltung mag ich auch manchmal Kriminalromane.
Ihre Erzählung von dem Baby der jungen Lena finde ich sogar spannender als dieses Buch eines bekannten Romanciers, den man allerdings nicht kennen muss, das ich gerade lese. Möchten Sie weiter erzählen?"
"Ja, warum nicht? Wir haben ja noch viel Zeit, bis unser Zug Warschau erreicht."
Pepe sah aus, als wollte er im Sitzen ein Orchester dirigieren. Der Zug verringerte erneut sein Tempo, was eine Wirkung zur Folge hatte, als ob alle im Abteil näher zusammen rückten. Pepe senkte automatisch seine Stimme.
"Auf einer Reise unter widrigen Umständen wird ein Kind geboren. Stopp!"
Die ältere Dame seufzte leise.
"Wenn ich noch hinzufüge, in einem Stall, weiß dann nicht beinahe jeder, wie diese Geschichte weitergeht?"
Nun sah sie ihn mit einem traurigen Blick an. Solange, bis es ihr selbst auffiel, dass sie ihn anstarrte. Da drehte sie schnell ihren Kopf wieder weg zum Fenster.

Monday, October 24, 2005

Fortsetzung 7

"Erzählen Sie mir bitte weiter von Ihrem Traum. Oder davon, was Sie tatsächlich erlebt haben. Sei es ein Traum oder nicht, ich finde es eine interessante Geschichte. Übrigens, ich heiße Maria."
"Alle nennen mich immer nur Pepe. Ist es nicht verrückt, wie einen die Geschichten verfolgen, die man gerade erlebt hat? Wissen Sie, in solch einer kleinen Stadt wie Quakenbrück geschieht eigentlich meistens gar nicht besonders viel. Daher habe ich genügend Zeit, all die Menschen, die mir immer wieder begegnen, in Ruhe zu beobachten und zu verstehen. Und was glauben Sie, was die meistens hauptsächlich in ihrem Leben tun? Andere beobachten! So ist das. Manchmal habe ich das Gefühl, alle Einwohner von Quakenbrück haben den ganzen Tag lang nichts besseres zu tun, als sich gegenseitig zu beobachten. Und dann reden sie auch noch pausenlos übereinander. Keine Ahnung, wo sie die Zeit dafür hernehmen!"
Maria lachte leise schnurrend zum Fenster, aber die ältere Dame schaute ungerührt hinaus.
"Lachen Sie nicht! Obwohl alle die ich in Quakenbrück kenne sich gegenseitig beobachten, fiel es niemandem auf, dass die kleine Lena schwanger war und dies verbarg. Dass sie sich nicht traute, ihren Eltern, Geschwistern oder Freunden davon zu berichten. Stellen Sie sich vor, niemandem fiel auf, dass sie sich schreckliche Sorgen machte. Nicht einmal ihrem Freund Sören, dem Vater des Kindes. Ist das nicht unfassbar?"
Maria dachte einen Augenblick lang nach.
"Bei uns in Polen, würde ich meinen, glaube ich eher nicht, dass niemand etwas bemerkt hätte. In den Familien verbringt man viel Zeit miteinander. Ich glaube, mehr als in Deutschland. Dort trifft man sich ja höchstens mal zum Essen oder zum Fernsehen. Ich übertreibe jetzt ein bisschen. Natürlich hat das auch positive Seiten. Man orientiert sich eben mehr an seiner Clique, oder beschäftigt sich öfter allein. Das bedeutet mehr Freiheit. Ich selbst weiß nicht so genau, was ich besser finden soll. Es hängt mit vom Alter ab, wieviel Freiheit man haben dürfen sollte. Aber wenn mehr Freiheit mehr Einsamkeit bedeutet?"
Pepe nickte, während die ältere Dame noch angestrengter aus dem Fenster sah als zuvor. Es war offensichtlich, dass sie zugehört hatte. Vielleicht gefiel es ihr nicht, wie Maria über die Deutschen redete. Aber sie hätte ja etwas dagegen einwenden können. So wirkte sie bloß arrogant.
"Mir fiel auf, dass Lena sich verändert hatte. Ich glaube es war ihre Angst, die mir auffiel. Sie kam nicht mehr so oft wie sonst zu ihren Treffen in meine Pizzeria. Aber warum das gerade mir und allen anderen nicht auffiel, weiß ich nicht. Ja, ich erinnere mich, dass ihr Appetit größer geworden war. Oder vielmehr, dass sie vor allen anderen verbarg, dass sie täglich mehr aß. Ich wunderte mich nicht darüber, dass sie statt einer erst zwei, dann drei, und schließlich vier Mini-Pizzas auf einmal bestellte. Aber nach dem Self-Service an der Theke ging sie dann mit dem Tablett zu einem Gratis-Postkartenständer, den eine Werbefirma bei mir installiert hat, und betrachtete dessen Auslage. Wobei sie von ihrer Clique unbemerkt die Pizza hastig verzehrte. Mir fiel es auch erst auf, als es sich wiederholte."
Pepe hatte mit aufgerissenen Augen und ernster Stimme gesprochen, als ginge es um einen Kriminalfall. Maria sah ihn lächelnd an.
"Ja, Angst, das ist ein ernstes Problem. Nachdem ich zum Studium nach Deutschland gekommen war, habe ich bemerkt, wie viele Studenten Angst haben. Angst vor der Zukunft, Angst vor Klausuren, Angst vor Referaten, Angst vor dem Examen und vor dem Alleinsein, also eigentlich Angst vor dem ganzen Leben. Und das versuchen sie durch irgendein auffälliges Verhalten zu überspielen."
"Darf ich fragen, worüber Sie studieren?"
Pepe hatte seine Neugier gegenüber Maria bisher nur mühsam gebremst, nun hatte sie ihm ein passendes Stichwort gegeben.

Tuesday, October 18, 2005

Fortsetzung 6

Der Zug hielt in Frankfurt/Oder. Zoll- und Grenzbeamte stiegen ein und begannen schon vor der deutsch-polnischen Grenze die Ausweisdokumente der Reisenden zu kontrollieren. So konnte Pepe seinen Bericht nicht fortführen.
Die ältere Dame hielt bereits alle Dokumente bereit, während Pepe umständlich in seiner Reisetasche suchte. Nach und nach kramte er seine hübsch eingepackten Weihnachtsgeschenke hervor und legte sie auf die freien Plätze im Abteil. Dabei wurde er immer nervöser, seine Hände begannen zu zittern, und der Grenzbeamte nahm eine beinahe drohende Haltung ein. Schließlich fand er zu seiner Erleichterung in einer Seitentasche endlich seinen Reisepass.
Die junge Frau hatte einen polnischen Pass, Pepe und die ältere Dame einen deutschen.
"Sie sind aber ursprünglich auch kein Deutscher," bemerkte die ältere Dame spitzzüngig, als sie die drei Dokumente sah, die der Beamte routiniert abfertigte.
"Ich stamme aus Neapel, gnädige Frau. Waren Sie schon einmal in Neapel?"
Eilig steckte sie ihren Reisepass wieder in die Handtasche, so als könnte ihn jemand stehlen. Den Reißverschluss zog sie mit einer knappen Bewegung zu.
"In Neapel, ich?" Sie fixierte Pepe mit einem strengen Blick.
"Auf einer meiner Kreuzfahrten durchs Mittelmeer ankerten wir vor der Insel Capri, im Golf von Neapel. An einem Ausflug zur weltberühmten Blauen Grotte habe ich teilgenommen, eine bezaubernde Sehenswürdigkeit. Die allein kann ich von Italien weiter empfehlen. Unsere Reiseleitung warnte uns aber dringend davor, nach Neapel überzusetzen. Sodom und Gomorrha! Die Stadt mit den meisten Taschendieben."
"Camorra, gnädige Frau, Camorra! So nennt sich die neapolitanische Mafia. Und Reiseleiter haben es am liebsten, wenn ihnen ihre Touristen brav folgen, wie eine Schafherde dem Schäfer. Dann führen sie mit ihrem Job ein bequemes Leben."
"Aber doch nicht auf einer Kreuzfahrt," entgegnete sie gräflich herablassend.
"Wie kann ich Ihnen Neapel empfehlen? Venedig ist eine weltberühmte Stadt, aber versinkt, Rom ist das Zentrum der katholischen Welt, aber teuer, Florenz hat die schönsten Museen, aber ist voller Touristen. Besuchen Sie Neapel, denn Neapel ist die Seele Italiens!"
"Sie sagen es, junger Mann. Deshalb werde ich mich hüten, freiwillig in dieses Haifischbecken zu springen."
"Fast hätte ich es vergessen, unser berühmtes Meerwasseraquarium, wo sie Delphine und Haifische hautnah beobachten können. Allein das ist schon eine Reise nach Neapel wert."
Pepe senkte seine Stimme. "Und Taschendiebe gibt es nicht nur dort, sondern in allen großen Städten der Welt. Halten Sie Ihre Handtasche gut fest! Vielleicht gibt es sogar welche hier in diesem Zug. Auf dem Bahnhof in Berlin wurde eine Durchsage gemacht: Vorsicht vor Taschendieben!"
Dieser kleinen Boshaftigkeit konnte Pepe nicht widerstehen. Solche Vorurteile, wie sie sie offenbarte! Welch kleinliches Weltbild. Die junge Frau warf ihm verbündende Blicke zu. Die ältere Dame ärgerte sich, als sie es bemerkte.
"Mir kann man nichts vormachen, junger Mann. Haifische gibt es sicherlich nicht nur in Italien. Ich kenne meine Kundschaft. Überall kenne ich sie."
Von da an blickte sie sich würdevoll gebend aus dem Abteilfenster des Zuges, der inzwischen jenseits der Grenze in Polen durch eine schneebedeckte Landschaft fuhr. Pepe und die junge Frau beachtete sie scheinbar nicht mehr.

Thursday, October 13, 2005

Fortsetzung 5

"Ich halte also ein Baby mit offenem Mund in meinen Händen und denke, es muss doch Laut geben, schreien, damit es Luft bekommt, atmen, dass es nicht erstickt. Ich blicke auf und schaue in das Gesicht von Lena. Hallo Lena, was machst du denn hier? Lena ist die junge Mutter eines Neugeborenen aus Quakenbrück.
Als ich wieder in meine Hände sehe, halte ich anstelle des Babys eine Pizza. Mamma mia, was für ein Traum!
Sie können das natürlich noch weniger verstehen als ich, aber ich behaupte, dieser Traum ist doch in Wirklichkeit passiert. Nein, selbstverständlich habe ich kein Baby gebacken, aber in Quakenbrück, wo ich eine Mini-Pizzeria betreibe... ."
Die ältere Dame unterbrach ihn mit einem deutlichen:"Aha!" Was auch immer sie damit zum Ausdruck bringen wollte, es klang ein bisschen wie das Zuschieben einer Schublade.
Aber so leicht war Pepe nicht zu bremsen. Ein großes Mitteilungsbedürfnis hatte sich durch die Erlebnisse der letzten Monate bei ihm aufgestaut.
"Meine Mini-Pizzeria in Quakenbrück ist der Jugendtreffpunkt der Stadt. So groß ist Quakenbrück an der Hase ja nicht, dass es da viele Jugendtreffs geben könnte. Kennen Sie Quakenbrück?"
Beide schwiegen. Schnell redete er weiter.
"Quakenbrück, das sind zirka 12 300 Einwohner. Dort gibt es eine Fahrradfabrik und das Deutsche Institut für Lebensmitteltechnik. Den meisten Quakenbrückern geht es ganz gut, obwohl der Fahrradverkauf nur ein Saisongeschäft ist.
Wenn ich Quakenbrück einmal im Jahr verlasse, um vor Weihnachten meinen früheren Kollegen und Freund Luigi in Berlin zu besuchen, habe ich endlich genügend Zeit, über alles noch einmal nachzudenken, was in der letzten Zeit dort passiert ist. In meinem Traum muss das auch passiert sein. Nur haben sich Bilder und Situationen miteinander vermischt."

Friday, October 07, 2005

Fortsetzung 4

"Ich hatte geträumt, dass ich ganz woanders bin. Entschuldigen sie, ich bin noch ein bisschen durcheinander. Vor wenigen Minuten war ich noch in Quakenbrück. In meiner Pizzeria, ich betreibe eine Pizzeria dort, mit dem Ausrollen von Teig beschäftigt. Ich rolle und rolle, aber der Teig will sich nicht ausbreiten lassen. Also knete ich ihn noch einmal. Da halte ich plötzlich ein Baby in meinen Händen. Was für ein Traum!
Es schaut mich an, mit einem großen, neugierigen Auge, das andere klein und geschlossen. Sein Gesicht so blass wie mein Pizzateig."
Nun hatte er die Aufmerksamkeit seiner Mitreisenden, beide sahen ihn voll des ungläubigen Staunens an. Was war das, einer quatscht einfach drauflos, von seinen Träumen? Würde der junge Mann ihnen auf der Reise möglicherweise lästig werden? Schnaufend holte er Luft.
"Auf einmal öffnet es weit seinen Mund. Wissen Sie, was ich dachte?" Pepe wandte sich an die junge Frau. "Alles hätte in diesem Moment geschehen können, alles! Es hätte zum Beispiel sagen können: Guten Tag, ich heiße Jesus Christus, ich bin soeben geboren worden, um euch von euren Sünden zu erlösen. Mich hätte es nicht gewundert."
Der Zug bremste geräuschvoll und Pepes Rede wurde unterbrochen. Als er sah, dass seine Zuhörerinnen ihn unverändert erwartungsvoll ansahen, redete er weiter. Der Zug fuhr im Schritttempo.

Thursday, October 06, 2005

Fortsetzung 3

Als Pepe von einem Zugbegleiter geweckt wurde, war er einige Sekunden lang orientierungslos. Verblüfft schaute er in das Gesicht der älteren Dame gegenüber, die ihrerseits mit einem gekünstelten Lächeln antwortete. Das verwirrte ihn umso mehr. "Entschuldigung, darf ich mich vorstellen? Ich heiße Pepe."
Anstatt zu antworten, zog sie ihren Fahrschein aus ihrer Handtasche und reichte ihn der fordernden Hand des Zugbegleiters. "Oh, Verzeihung, einen Moment bitte!"
Die junge Frau musste lachen. "Sind Sie sicher, dass Sie im richtigen Zug sitzen?" Die Frage klang spöttisch, aber Pepe freute sich über seine erste Reisebekanntschaft.
"Nach Warschau Centralna, richtig?" Die ältere Dame beeilte sich mit einem Nicken, kam den Antworten der übrigen zuvor. Den Schaffner interessierten die Antworten wenig, er wünschte eine „Gute Reise“ und ging hinaus.
"Fahren sie auch bis nach Warschau?" Pepe wollte das Gespräch unbedingt fortsetzen, aber die junge Frau lächelte nur, während die ältere ihn misstrauisch beäugte.

Friday, September 30, 2005

LOL-LieberOnlineLesen! Bücher fressen Bäume!

Im Bahnhof wechselte Pepe den Bahnsteig, stieg in einen Fernzug, wo er in einem leeren Abteil zufrieden in einen Sitz sank. Der Zug nahm pünktlich Fahrt auf in Richtung polnische Grenze.
Nach wenigen Minuten fiel er in einen leichten Schlaf. Zwei weitere Reisende fanden sich in seinem Abteil ein. Eine ältere Dame setzte sich auf einen Fensterplatz ihm gegenüber und begann sofort, belegte Brote zu essen. Ein Duft von Leberwurst verbreitete sich. Wenig später platzierte sich eine junge Frau ihm diagonal gegenüber. Ihr Gesicht verriet, dass sie der älteren Dame nicht gern bei der Nahrungsaufnahme zuschaute.
Bald blätterte sie in einem Buch, schien von dessem Inhalt jedoch nicht wirklich gefesselt. Ihre Augen schweiften häufig vom Text auf aus dem Fenster, oder auf den Schlafenden, der gelegentlich einen kurzen Schnarchton hören ließ.
In seiner Manteltasche klingelte sein Handy, aber zusammen mit den Geräuschen des fahrenden Zuges drang es nicht ins Bewusstsein des Träumenden.

Sunday, September 25, 2005

Pepes Weihnachtsgeschichte, Teil 1

Als Pepe aufstand um auszusteigen, zupfte ihn der Obdachlose am Ärmel:
`Ist das Ihr Schlüssel?´
Er deutete auf den Boden, wo der Schlüssel für das Gepäckschließfach lag.
`Oh, vielen Dank, der muss mir aus der Tasche gefallen sein.´
Pepe hob schnell seinen Schlüssel auf und schenkte dem netten Obdachlosen einige Geldstücke. Beinahe hätte er ihm noch `Frohe Feiertage´ gewünscht, aber im letzten Moment kam ihm der Satz nicht über die Lippen.
Der Obdachlose hatte Pepes kurze Verlegenheit schon bemerkt, denn er sagte lächelnd:
`Keine Sorge, auch ich feiere Weihnachten!´
Pepe musste an der nächsten Station aus der Bahn aussteigen, und so trennten sich die Wege der einander Unbekannten mit einem Blick voll Sympathie.

Diese Weihnachtsgeschichte wurde gefördert durch die Stiftung Preussische Seehandlung, Berlin
www.lesart.org/2004-1993.pdf

Wednesday, September 21, 2005

Die etwas andere Weihnachtsgeschichte

Sie dürfen gespannt sein! Bis Weihnachten 2005 wird an dieser Stelle eine neue Weihnachtsgeschichte veröffentlicht. Es wird spannend und unterhaltsam werden. Und wenn sie möchten, können Sie sie gern kopieren und Ihren Kindern erzählen. Viel Vergnügen und viel Spaß!
Wünscht Ihnen,
Ihr Volker Luedecke