Wednesday, December 07, 2005

Fortsetzung 23

"Also, da bahnte sich etwas an zwischen dem cool wirkenden Sören, und der Lena mit dem blassen Gesicht. Sie mochte ich von Anfang an. Ihn fand ich auch in Ordnung, bis auf die Tabakkrümel.
Was ich bemerkt hatte, durften natürlich all die anderen aus ihren Cliquen auf keinen Fall entdecken, sonst wäre die Sache gleich aus und vorbei. Nichts provoziert in dem Alter mehr Hohn und Spott als Verliebtsein. Verknallt, wie? Der und die?
Daher beachteten sie sich gegenseitig scheinbar kaum. Eine Chance, sich wie zufällig zu begegnen, bot sich den beiden nicht so häufig. Aber vor meiner Pizzaausgabe, an der Mülltonne, da musste ja jeder hin. Einmal ließen sie dort ihre Pappdeckel gleichzeitig fallen. Sören fragte schüchtern, na? Und Lena antwortete scheu: Na?"
"Wie zart!"
Maria hing an seinen Lippen.
"Dann drehten beide vorsichtig ab, zurück in verschiedene Cliquen. Und dabei bester Laune durch die Bestätigung ihrer gegenseitigen Gefühle. Die anderen hatten nichts gemerkt, weder Sörens bester Freund Eike, der noch halb zu der Clique der anwesenden Inline-Skater zählte, noch Lenas beste Freundin Michelle, die sich bisher nicht für Jungen interessierte.
Wenn in Quakenbrück etwas Außergewöhnliches passiert, erfährt es die halbe Stadt innerhalb von wenigen Stunden. Ich natürlich meistens viel früher.
Zum Beispiel wurde im Schwimmbad ein Bademeister entlassen, weil er in der Umkleidkabine für Damen gesehen wurde. Das wurde natürlich überall diskutiert. Im Zeitungsladen, beim Bäcker, beim Fleischer, in der Imbissbude und in der Trinkhalle. So heißt der kleinste Laden in Quakenbrück.
Auch Unfälle zwischen Autos, Mopeds, Fußgängern und Inline-Skatern werden mir in Windeseile von den Jugendlichen berichtet. Sie reden ja noch am meisten miteinander. Später ist es ja nicht mehr so einfach mit dem spontanen Kontakt zwischen den Menschen. Vor allem wohl in Norddeutschland nicht.
Einmal fragte man mich, ob ich als Zeuge vor Gericht auftreten wollte. Obwohl ich bei dem Streitfall gar nicht anwesend gewesen war.
Herzinfarkte, Knochenbrüche, Verstauchungen, all diese Sachen landen bei mir. Was für eine ungeheure Menge jedes Jahr! Verstorbene Haustiere werden in ansehnlichen Prozessionen beerdigt. Solch eine Kleinstadt muss sich irgendwie aufregen, wenn eigentlich im Großen und Ganzen nicht viel passiert. Was ja auch gut ist, denn es geschieht auch nicht viel Schlimmes. Ich sitze da an der Quelle, verstehen Sie?"
"Pepe!"
Maria ermahnte ihn, doch bei seiner eigentlichen Geschichte zu bleiben.
"Ich finde es erstaunlich, wie lange sie es tatsächlich schafften, ihre Gefühle füreinander vor der großen Öffentlichkeit Quakenbrücks zu verbergen.
Die Sucht nach Sensationen, auch wenn es tatsächlich nur belanglose Neuigkeiten sind, hat ja schließlich sogar die Provinz erfasst.

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