Unter den Linden, vor Weihnachten in BerlinDer Zug stand auf dem Gleis und rührte sich nicht. Aus benachbarten Abteilen tönten erregte Stimmen herüber, Fenster wurden geöffnet und neugierige Passagiere lehnten sich hinaus.
Auch Pepe öffnete das Abteilfenster, mit Marias Einverständnis. Eisig kalte Luft drang herein. Auf einmal spürte er Marias Hand auf seinem Arm, die ihn sanft zur Seite schob. Dann schmiegten sich beide eng aneinander, um draußen zu erkennen, warum der Zug hielt.
Es war zu finster, um weit zu sehen. Außerdem stand der Zug vor einer Senke. Das Licht aus den Fenstern schimmerte schwach auf einer Schneedecke, oder reflektierte auf Sträuchern und Gehölz neben dem Gleis.
"Hast du den Schnee bemerkt?"
Wie gern würde ich sie jetzt in den Arm nehmen. Pepe hörte sein Herz lauter klopfen bei diesem Gedanken. Sie drückte sich noch enger an ihn, wohl absichtlich, da legte er seinen Arm um ihre Taille.
"Warum sie wohl keine Durchsage machen?"
Hell dampfte Marias Atem aus ihrem Mund.
"Das bleibt ihr Geheimnis."
Hauchte Pepe ebenso weiß.
Die Abteiltür wurde geräuschvoll geöffnet, herein kam die ältere Dame. Sie sah gut gelaunt aus, ihre kleinen grauen Augen funkelten in Feierlaune.
"Darf ich meinen Platz wieder einnehmen?"
Maria und Pepe mussten das Fenster schließen und zurück auf ihre Plätze.
"Wissen Sie, was passiert ist?"
Pepe war zu verwirrt, um antworten zu können. Die ältere Dame dagegen zeigte sich äußerst beschwingt.
"Prächtig kann man sich auf Reisen unterhalten, manchmal sogar mit Niveau. Ich habe den Herrn in dieses Abteil gebeten, wenn sie nichts dagegen haben?"
Drohende Falten bildeten sich gleichzeitig auf ihrer Stirn. Als beide brav wie Schulkinder nickten, entspannte sich die Lage. Ein schwitzender Zugbegleiter schaute kurz ins Abteil, sah sich suchend um und verschwand wortlos wieder. Der Zug fuhr immer noch keinen Meter voran.
"Vielleicht hat jemand die Notbremse gezogen, und der Schaffner will wissen, in welchem Abteil?"
Pepe achtete genau auf die Reaktion der älteren Dame. Sie lächelte beinahe charmant anstelle einer Antwort.
"Nicht auszumachen, ob sie es war."
Pepe betrachtete sie mit wachsendem Respekt.
Wenig später kam ein weißhaariger Mann im Lodenmantel herein, grüßte knapp und legte einen Aktenkoffer auf die Gepäckablage. Schwungvoll wie ein Flaschengeist entwickelte er sich aus einem cremefarbenen Schal, stülpte sich aus seinem Mantel, bis schließlich ein dürrer, knorriger alter Mann zum Vorschein kam. Der roch ein wenig muffig nach alter Wolle, übertünchte dieses Manko jedoch mit einem schweren Moschus Parfum. Die goldbehängte Dame erblühte, als er sich ihr gegenüber platzierte. Sofort nahm er den Faden ihres vorherigen Gesprächs wieder auf.
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