Monday, December 05, 2005

Fortsetzung 21

"Bei Ihnen würde ich sofort eine Pizza bestellen! Hoffentlich komme ich bald einmal nach Quakenbrück."
Überrascht von Marias Herzlichkeit fehlten ihm zunächst die Worte. Dann stotterte er hastig:
"Unbedingt, gern. Natürlich sollen Sie den ganzen Tag lang, wenn sie möchten, dürfen Sie Bücher lesen, in meiner Pizzeria an einem Tisch sitzen. Und ich kümmere mich um alles. Essen, Trinken, was Sie möchten!"
"Der Zug fährt viel zu schnell!"
Verstört und hilflos blickte die ältere Dame von einem zum anderen.
"Jemand sollte die Notbremse ziehen."
Pepe bereute seinen Scherz ein wenig. Er hatte nicht beabsichtigt, die ältere Dame in Todesangst zu versetzen. Aber jetzt war es zu spät. Maria beanspruchte seine ganze Aufmerksamkeit.
"Viel lieber als in meinem Buch zu lesen, würde ich gern von Ihnen noch eine Geschichte hören."
Maria strahlte ihn voller Wachheit an. Ein schöneres Kompliment konnte sie ihm nicht machen. Eine kaum sichtbare Röte flog durch sein Gesicht.
"Hoffentlich schaffe ich es einmal, eine Geschichte vom Anfang bis zum Ende zu erzählen. Ich bewundere alle, die das können!"
"Sie sind vielleicht lebensmüde, ich bin es auf keinen Fall!"
Die ältere Dame verließ zornig das Abteil. Kaum hatte sie die Tür hinter sich geschlossen, mussten Maria und Pepe laut lachen. Irgendwie hatten sie auf diesen Moment gewartet. Und es wollte auch niemand mehr in ihr Abteil. Der Zug war seit dem letzten Halt deutlich leerer geworden.
Es ist so kalt! "
Maria schlüpfte aus ihren dünnen Halbschuhen und zog sich dicke, bunte Wollsocken bis zu den Knien. Pepe konnte den Blick nicht von ihr wenden, als sie sich keck im Schneidersitz auf ihrem Bahnsitz aufpflanzte. Einen Moment lang war es still, sie wussten nicht, was sie sagen sollten.
"Wetten, gleich zieht sie die Notbremse."
Maria prustete und Pepe krächzte bestätigend:
"Wir müssen sie aufhalten! Sie gefährdet auch unsere Sicherheit!"
Als sie sich wieder erholt hatten, lächelte Maria aufmunternd: "Wollten Sie vorhin nicht Ihre Geschichte weiter erzählen?"
Pepe fiel auf, dass ihre grünen Augen heller als vorher schimmerten. Darin war etwas, das wollte er gern ergründen. Aber nun galt es erstmal, den Faden seiner Geschichte wiederzufinden.
"Wo war ich stehen geblieben?" Er merkte sofort, wie unpassend diese Bemerkung war, wie zerstreut sie ihn aussehen ließ. Als er sich verlegen räusperte, lachte Maria schon wieder und wippte auf ihrem sitz.
"Ich kann verstehen, falls Sie diese Geschichte, die mir selbst auf einmal so unendlich fern vorkommt, obwohl ich soeben noch darin ganz und gar eingehüllt war, ein wenig sonderbar, vielleicht sogar versponnen finden.
Nur wenn Sie an meiner Stelle das alles mit erlebt hätten, ich bin sicher, sie hätten der kleinen Lena genauso geholfen."

No comments: