"Bei der Zucht von Rennpferden ist die Auswahl eines geeigneten Hengstes das Maß aller Dinge. Ich beobachte, wozu eine Stute beim Traben neigt, danach beim Galloppieren, dann weiß ich auch schon, welcher Hengst für sie geeignet ist. Selbstverständlich, ausdauernd und schnell muss er immer sein, sonst kommt er von vornherein nicht in Betracht. "
Eine Zustimmung heischende Pause folgte. Als Pepe etwas sagen wollte, redete dieser Mann blitzschnell weiter.
"Für die Besamung scheue ich keine Mühen und Kosten. Beim letzten Mal wurde er über vierhundert Kilometer auf mein Gestüt verbracht. Dann müssen die sich erstmal beschnuppern, bei den Tieren geht das ja auch nicht gleich so rapp, zapp!"
Die ältere Dame nickte sehr eifrig.
"Das sollten Sie einmal beobachten, das Tänzchen auf der Koppel. Herrschaftlich, geradezu! "
Er redete ganz und gar mit den Schultern, so als ritte er ein unruhiges Pferd.
"An solchen Tagen verzichte ich sogar auf meinen täglichen Ausritt in die Landschaft, um mir dieses majestätische Schauspiel nicht entgehen zu lassen. Mein ganzes Leben lang habe ich nur auf Pferde gewettet. Jetzt habe ich eine Nase für Siegertypen. Durchschnitt interessiert mich nicht."
Ähnlich redete er weiter über seine großartigen Erfolge, seinen Reichtum und seinen Instinkt, diesen zu mehren. Pepe fühlte eine Abneigung gegen ihn, aber die ältere Dame schien außerordentlich begeistert, obwohl er sie nicht einmal zu Wort kommen ließ. Sie fühlte sich durch sein Interesse offensichtlich geschmeichelt. Mit einem Ruck fuhr der Zug wieder an.
Maria und Pepe schwelgten dennoch weiter in ihren Gefühlen, tauschten Blicke und zärtliche Berührungen. Aber es war schwierig, sich nicht stören zu lassen, denn der ältere Herr hatte eine sich laufend wiederholende Melodie in seiner Sprechweise, der sich niemand im Abteil entziehen konnte. Vielleicht war es auch nur diese Walzer ähnliche Sprechmelodie, welche die ältere Dame an den Lippen dieses knorrigen Jockeys hängen ließ.
"Wenn er doch mal eine Pause machte, um Luft zu holen, dann schalte ich mich sofort mit einem neuen Thema dazwischen." Pepe flüsterte Maria ins Ohr und seufzte innerlich, wegen des unfreiwilligen Vortrags.
"Wer sich mit Pferden auskennt, weiß alles über Menschen. So sensibel, wie die Behuften, sind Menschen nicht. Die merken mit ihren feinen Sinnen alles. Wenn ich morgens einmal schlecht gelaunt in den Stall gekommen bin, weil ich jemanden habe entlassen müssen, oder in der Post der hunderste Bettelbrief irgendeines Futtermittelhändlers lag, natürlich mit überhöhten Forderungen, scharren sie schon mit den Hufen, schnauben und blecken ihre Zähne. Denen kann man nichts vormachen, sogar wenn ich vorher lustig pfeife, merken sie meine schlechte Laune. "
Seine kleinen, geröteten Augen funkelten von innerer Energie.
"Ich bin kein gewalttätiger Mensch, weiß Gott nicht! Aber mit Tieren kann man nicht argumentieren, lustig, was? Gewöhnlich gehe ich schnell wieder aus dem Stall, frühstücke in Ruhe ein zweites Mal, nehme ein entspannendes Bad, bis meine Laune sich wieder gebessert hat.
Meine ehemalige Frau pflegte zu sagen, dass ich Tiere mehr liebe als Menschen. Alles Quatsch! Natürlich bin ich schon lange geschieden."
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