Was war schon seltsam? Die vielfältigen Daseinsvariationen? Menschen, die andere einschätzen und bewerten?
Pepes Gedanken schweiften noch einmal zurück zu Lena, Sören und ihrem Baby. Alle drei hatte er fest in sein Herz geschlossen.
"Das Wichtigste überhaupt sind gute Freunde."
Wie meinte er denn das? Maria schaute ihn überrascht an. Meinte er etwa sie beide mit dieser Meinung?
"Wie lange es gedauert hat, bis die beiden endlich ein Paar waren! Du bist der beste Zuhörer, den ich kenne, hatte Lena einmal zu mir gesagt. Und dann hat sie nicht mehr aufgehört zu reden, obwohl ich an dem Tag längst neuen Teig hätte zubereiten müssen."
Maria atmete tief durch. Ach so, Pepe erzählte wieder.
"Ja, los, erzähl weiter!"
"Sören ist so verdammt stolz auf seine Jacke. Sie hat viele Aufnäher aus Stoff: Legalize it, oder: Nazis verpisst euch! Um nur ein paar Beispiele der Badges zu nennen. Er nennt sie Kutte. Da steckt viel Selbstbewusstsein von ihm drin. In einer Jacke! So ist das in seinem Alter.
Aber Lena war sie gar nicht wichtig. Eine Jacke kann sich schließlich jeder organisieren, sagte sie einmal mürrisch, als er verdrießlich, ohne ein Wort, an ihr vorbei gestoffelt war."
"Ich kenne das, hatte früher auch so einen Freund."
Maria sprach besonders laut, um das ununterbrochene Kussschmatzen der Alten zu übertönen. Kurz wurde es still, dann kam zusätzlich noch ein gelegentliches Seufzen hinzu.
"Seine Augen sind offen wie eine Geisterbahn, in die man hinein saust wie beim ersten Mal Springen vom Dreimeterbrett im Schwimmbad, erzählte sie. Mir wird schwindelig, wenn ich nur daran denke.
Ich wurde Lenas Briefkasten für Liebesfreud und Kummer. Niemals wusste sie, was er gerade denkt.
Jungs sind komisch, schon beim Tanzen. Oder, zum Beispiel, wie sie stundenlang einem Ball hinterher rennen können. Sie hatte er dabei komplett vergessen!
Naja, Mädchen und Jungs sind eben verschieden. Das musste alles besprochen werden. Ich fand es amüsant. Habe ja manchmal auch nichts zu tun hinter dem Tresen."
"Das erinnert einen, als man noch ganz naiv und unschuldig war!"
Marias Stimme war diesmal so laut, dass sogar Pepe erschrocken auffuhr. Es reichte jedoch nicht für einen Wink an die Alten, und so blieb ihnen weiterhin nur die Möglichkeit einer besonders lauten Unterhaltung.
"Moped sagt er nicht zu seinem motorisierten Zweirad, sondern Karre. Damit habe ich auch früher die Mädchen beeindruckt. Ich hatte eine Vespa. Schnell mal am McDonalds vorbei fliegen! Wo sich viele treffen, vor allem die dicken Kinder der Reichen. In Quakenbrück gibt es davon allerdings nicht sehr viele."
Der ältere Herr bekam nun einen Hustenanfall, der einen deutlichen Klangkontrast zu den vorherigen Geräuschen bildete.
"Meine erste Umarmung fand auch auf einem Moped statt. Die fahren doch absichtlich so riskant, die doofen Jungs, damit Mädchen sich schon allein aus Angst an sie anklammern."
Ein lästerlicher Zug kräuselte um Marias sinnliche Lippen.
"Gar nicht doof! Einerseits soll man in dem Alter seine beginnende Männlichkeit beweisen, andererseits sich mit andauernd kichernden und gemeinsam auf die Toilette verschwindenden Mädchen verstehen."
Pepe hatte den Lästerball aufgenommen und weiter gespielt. Der Hustenanfall endete in einem heiseren Räuspern. Pepe erzählte mit ernster Miene weiter.
"Die Mini-Pizza ist in meinem Taschengeld nicht vorgesehen. Wie viele Jugendliche heute schon Geldprobleme haben! Die Handytarife machen es ihnen auch nicht gerade leicht.
Lenas jüngerer Bruder Tobias wollte schon mit elf andauernd neue Klingeltöne haben, berichtete sie mir entnervt.
Und was er durfte, dazu hatte er keine Lust. Zum Beispiel abends den Mülleimer hinunter bringen. Ihre Mutter meinte wohl, das wäre eigentlich seine Aufgabe. Aber er ging nur mit Lena zusammen die Treppe hinunter, und deshalb stritten sie dann die ganze Zeit. Schließlich sucht man ja nach Gelegenheiten, wann man sich mal allein unter vier Augen treffen kann."
Dabei schaute Pepe Maria an, wie wohl auch Sören Lena angeschaut haben musste.
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