Friday, November 04, 2005

Fortsetzung 11

"Wenn Sie es nicht nötig haben, dass man Ihnen hilft," gnatzte die ältere Dame, "dann verzichten Sie eben auf Ihr Ferienhäuschen in Italien. Ein Geheimtipp für Sie, aber bitte, wir sind ja hier nicht auf dem Markt."
Sie ärgerte sich wohl, dass er ihr Angebot ignorierte.
"Das erste Problem ist, dass wir zu bequem sind, uns in die Lage anderer zu versetzen. Stellen Sie sich einmal vor, Sie wären erst fünfzehn Jahre, und haben vielleicht in einer Jugendzeitschrift über irgendwelche Krankheiten gelesen. Und eines Tages stellen Sie fest, dass sich Ihr Körper plötzlich verändert. Sie sind geschockt, natürlich denken Sie an das Schlimmste. Krebs, oder eine andere Krankheit, auf jeden Fall unheilbar. Nachts wachen Sie schweißgebadet auf, weil Sie von Ihrer eigenen Beerdigung geträumt haben. Schließlich gehen Sie doch zu einem Arzt. Dort sitzen Sie dann im Wartezimmer, in Erwartung Ihres Todesurteils, und als der Arzt Sie schließlich untersucht hat und bedeutungsvoll anschaut, sich räuspert, dann beten Sie innerlich. Ja, vielleicht beten Sie dann sogar wirklich inniglich zu Gott, dem Allmächtigen, dass er Sie bitte dieses eine mal noch rette und Ihnen verzeihe, dass sie so lange keinen Gottesdienst besucht haben!"
Pepe war halb von seinem Sitz aufgestanden, die ältere Dame schaute betroffen und Maria versuchte halbwegs erfolgreich, Erschütterungen ihres Zwerchfells zu unterdrücken.
"Weiter, bitte erzählen Sie," brachte sie mühsam, gerade noch ohne zu kichern, heraus.
Pepe sog hörbar Luft durch die Nase ein und plumpste wieder auf seinen Sitz.
"Schreckliche Krankheiten gibt es, das machen wir uns tagtäglich viel zu wenig bewusst. Die kleine Lena wusste natürlich, was sich mit ihr und ihrem Freund Sören abgespielt hatte, aber so richtig wusste sie es noch nicht, denn sie war ja erst fünfzehn. Er schon eher, denn ein Jahr älter ist er, arbeitet als Auszubildender in der Fahrradfabrik."
"Wir wissen es jetzt," unterbrach die ältere Dame.
"Es klingt vielleicht seltsam, aber Lena hoffte, ja sie betete innerlich, dass der Grund für die Veränderungen in ihrem Körper eher ein gutartiger Tumor, eine Zyste etwa, als eine Schwangerschaft sei. Und manchmal war sie sich sogar ganz sicher, es wäre gar nichts verändert an ihr, alles nur Einbildung und grundlose Furcht. Dann blühte sie innerlich auf, kam gutgelaunt in meine Pizzeria und redete und lachte wie all die anderen aus ihrer Clique.
Aber am darauffolgenden Tag zweifelte sie wieder, mied möglichst jede Gesellschaft und verzehrte, sich verbergend, ihre Extraportionen Pizza. Sichtbar ging es auf und ab mit ihren Stimmungen. Ich litt inzwischen schon mit, wenn ich sie wieder einmal bedrückt sah. Sie hoffte wohl lange, dass sich ihre Sorgen als unbegründet herausstellen würden, ja vielleicht betrog sie sich sogar selbst mit Illusionen, denn als sie schließlich zu einem Arzt ihres Vertrauens ging und seine Diagnose erfuhr, war es bereits zu spät für eine Entscheidung. Sie war schwanger und würde ihr Kind bekommen."

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