Wednesday, November 16, 2005

Fortsetzung 14

Pepe wollte zum Speisewagen. Nachdem er sich in dem mittlerweile vollbesetzten Zug mühsam durch die schmalen Gänge gedrängelt hatte, musste er sich, als er die Rückseite der Lok durch ein Türfenster sah, schließlich etwas eingestehen: er hatte sich spontan für die falsche Richtung entschieden. Nun befand er sich im ersten Waggon des Zuges, und der Speisewagen war wohl ganz am anderen Ende. Einen Moment lang starrte er zornig hinaus auf die mit Flugdreck verkrustete Rückseite der Maschine. Ein gelbes Blatt klebte an einem Klümpchen Lehmerde in einer Lüftungsrippe der Lokomotive und flatterte im Zugwind.
"So ein Mist! Noch einmal den selben anstrengenden Weg zurück! Zum Haare ausrupfen! Konnte ich nicht vorher jemanden fragen? Aber nein, meine dusselige Schüchternheit lässt mich einfach nicht spontan auf jemanden zugehen. Die kostet mich eines Tages noch meine letzten Nerven!"
Schüchtern war er immer nur am Anfang einer Begegnung, dann eigentlich nur noch das Gegenteil. Jetzt war er allein mit sich und konnte ungestört lauthals über sich selbst schimpfen. Niemand würde es hören, denn die Lok machte draußen einen Höllenlärm. Wenn er mit sich unzufrieden war, konnte Pepe von unbändigem Zorn über eigene Unzulänglichkeiten erfasst werden, so dass er schon einmal aus Wut einen Aschenbecher in die Fensterscheibe seiner Pizzeria geschleudert hatte.
Dabei waren drei komplette Tageseinnahmen für den Glaser draufgegangen, und er hatte sich bei allen Heiligen geschworen, auch wenn er seinen Zorn nicht als eine Todsünde verstand: nie mehr dulde ich von mir solch einen verheerenden Zornesausbruch!
"Manchmal komme ich mir in meinen eigenen Augen sonderbar vor. Zuerst bin ich schüchtern, dann rede ich auf mir vollkommen fremde Leute ohne Punkt und Komma ein. Ist das nicht peinlich? Warum gibt es in meinem Leben keinen Menschen, der sich so intensiv für mich interessiert, dass ich ihm alles erzählen kann, was mich bewegt?"
Ein kalter Luftzug drang durch die verschlossene Tür des Waggons hinter der Lok. Pepe barg seine Hände in seinen Jackentaschen. In der einen fand er sein Handy, in der anderen Kaugummi. Eines schob er sich zur Beschäftigung in den Mund. Auf dem Display seines Handys blinkte eine SMS-Nachricht.
"Prima, ich habe eine Nachricht bekommen, oder vielleicht sogar mehrere. Es gibt Leute, die denken an mich!"
Seine Laune besserte sich sofort. Der Weg zurück durch die mit Reisenden besetzten Gänge des Zuges schien ihm aufschiebbar, obwohl er inzwischen neben dem Durst auch ein merkliches Hungergefühl in der Magengegend verspürte. Lieber kurze Nachrichten aus der Vergangenheit empfangen. Eine SMS Nachricht zu erhalten ist immer spannend.
Er klickte auf seinem Handy ein paar Tasten und las auf dem Minibildschirm seines Handys.
"Lieber Pepe, wir vermissen Dich sehr. Sonja schreit leider sehr viel. Ich frage mich, warum? Sören ist süß, wenn er sie auf dem Arm hält. Wir denken an Dich! Allerliebste Grüße, Lena."
Das war nur die erste Nachricht, denn es gab noch weitere. "Mach mit beim Wettbewerb, denn Erfolg ist eine Frage des Typs. Welcher Typ bist Du? Beantworte folgende drei Fragen!" Das war eine SMS von Sören, er liebte solche Spiele. Pepe freute sich nicht übermäßig, las aber weiter.
"Wenn Du im Supermarkt Lebensmittel einkaufst, welcher Typ bist Du? Zwei Möglichkeiten zur Auswahl. Erstens: Du nimmst Waren immer von vorn aus dem Regal, egal, welches Haltbarkeitsdatum, oder zweitens, Du wühlst Dich solange durch das Regal, bis du von allen das jüngste Verfallsdatum, also die größte Haltbarkeit erwischst?"

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