Marias Lachreiz hatte aufgehört. Alles Lächerliche an der Geschichte war ihr vergangen.
Nachdenklich betrachtete sie Pepe. Sein rundliches Gesicht, seine halblangen, schwarzen, am Stirnansatz licht werdenden Haare, und seine kleinen, kräftigen Hände mit feinen, dunklen Härchen auf den Handrücken.
"Ich kann es mir vorstellen. Habe solche Angst selbst erlebt. Manchmal streift uns ein Gedanke an die Vergänglichkeit unseres Lebens. Der bereichert möglicherweise unser Bewusstsein, verfeinert unser Empfinden. Aber zuerst lähmt uns diese Angst. Manche lähmt sie Zeit ihres Lebens."
Pepe nickte.
"Zumal ein so junger Mensch wie Lena noch viel weniger Situationen erlebt haben konnte, um ihre Lage damit zu vergleichen."
"Sie schweifen wieder ab, Pepe," lachte Maria. "Meine Schuld, ich hatte Sie wieder unterbrochen."
Pepe fühlte sich geschmeichelt, das Interesse einer Studentin geweckt zu haben.
"Wieviel Lena in diesen Wochen erleiden musste, kann ich mir trotzdem kaum vorstellen. Sogar an Selbstmord hatte sie gedacht, erzählte sie später. Wenn ich das damals gewusst hätte! Oder einer ihrer Freunde, ihre Eltern, Geschwister oder ihre Großmutter, zu der sie eine liebevolle Beziehung hat.
Jeder hätte ihr geholfen, da bin ich ganz sicher. Aber den ersten Schritt, sich jemandem anzuvertrauen, muss leider jeder selbst tun, auch wenn es manchmal verdammt schwer fällt! Sie traute sich einfach nicht und deshalb wurde das Gewicht ihres Geheimnisses schwerer und schwerer."
Maria schaute ihn aus zusammengekniffenen Augen an.
"Eine Frage beschäftigt mich. Ihr Interesse für diese Jugendlichen, woher kommt das?"
"Ganz einfach. Jeden Tag warte ich genauso ungeduldig wie die Schüler darauf, dass die Schule aus ist. Dann erscheinen nämlich einige von ihnen in meiner Pizzeria. Es ist schlicht mein Geschäft, dass viele Schüler nach dem Unterricht nicht nach Hause gehen. Dafür gibt es viele Gründe. Auf jeden Fall haben sie Hunger. Und woanders müssten sie viel mehr Geld für ein Essen ausgeben, als bei mir. Also kommen diejenigen, die wenig Geld haben. Da macht mir meine Arbeit viel Spaß. Wenn man zu tun hat, merkt man nicht, wie die Zeit vergeht."
Pepe überlegte, dann seufzte er leise.
"Ja, wie die Zeit vergeht. Man nimmt teil am Leben der anderen und vergisst darüber seine eigenen Wünsche. Ob ich immer allein reisen werde?"
"Nein," hauchte Maria, dann mit einem weichen Schimmer um ihre grünen Augen, "welch eine komplizierte philosophische Frage."
"Eigentlich genieße ich dieses Gefühl von Freiheit. Letztes Jahr um die Weihnachtszeit fuhr ich ebenfalls mit der Bahn nach Neapel, nahm aber die Strecke über München. Während der gesamten Fahrt saß ich in einem Großraumwagen. Schweigend, weil die Sitzordnung kein Gespräch zuließ."
Die ältere Dame lächelte entspannt.
"Die Leute wollen es so."
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