Saturday, November 26, 2005

Fortsetzung 18

Die Gruppe an diesem Tisch waren wohl Russen oder Ukrainer, und da er sich mit Worten kaum verständigen konnte, sie ihn aber als ihren Gast einbeziehen wollten, tönte bald leiser Gesang einer Stimme, deren Ursprung er nicht gleich entdecken konnte.
Die Gespräche verebbten nach und nach, bis schließlich alle sich dem faltenreichen Gesicht einer Frau zuwendeten, deren Augen eine große Sonnenbrille verbarg. Zwischen ihren leicht geöffneten Lippen summte, gurrte und kehlte sie Laute hervor, deren Wehmut Pepe zutiefst berührte. Es schien, als sänge es von unbekannter Quelle aus ihr heraus, so unbewegt war sie äußerlich, so wenig drängte sie ihren Gesang den Zuhörern auf.
"Wer ist diese Frau, die mit ihrem Können nicht selbstgefällig auftrumpft, sondern unheimlich leise verführt? Ich möchte sie kennenlernen."
Auch an allen anderen Tischen waren inzwischen die Gespräche verstummt. Der Bistrowagen hatte sich in einen Konzertsaal verwandelt. Unter ihnen stampften die Räder des fahrenden Zuges ihren gleichmäßigen Rhythmus, und darüber tanzten zauberhaft leicht die Wellen ihres Gesangs.
"Ich schwebe," dachte Pepe, "und sehe Farben. Ich bin glücklich!"
Lautlos wurden Gläser weiter gereicht, Geldscheine häuften sich in der Mitte ihres Tisches, als Gaben für die Sängerin, und um gemeinsam Getränke zu bezahlen, gab jeder wie er konnte. Es gab eine stille Übereinkunft in all diesen beinahe unsichtbar ablaufenden Handlungen. Niemandem sollte es an seinem leiblichen Wohl mangeln, egal ob er bei Kasse war oder nicht. Und gleichzeitig durfte kein Laut, keine Bewegung diese Sängerin stören. Nichts war kostbarer zu erhalten als ihre Laune zu singen.
Nach und nach sammelten sich immer mehr Reisende in dem Bistro. Wer zufällig herein gekommen war, blieb, und wer einen Imbiss hatte nehmen wollen, wartete noch mit seiner Bestellung.
"Die Menschen sind fähig zu gegenseitiger Achtung und Liebe," stellte Pepe fest, "sie beweist es. Aber auch zur Verletzung, das zeigt die Wehmut ihres Gesangs. Wer andere so tief berühren kann, kennt alle Höhen und Tiefen. Glück genauso wie Trauer." Pepe kostete von jeder Resonanz seiner Umgebung, fühlte jede Nuance mit. Wie alle im Waggon verlor er vollkommen das Gespür für die Dauer der Darbietung.
Einmal hatte er geträumt zu fliegen, und jetzt war der Augenblick dafür: er probierte es gleich. Sah den Zug unter sich als feinen Strich, der sich wie ein Raupe durch ein grünes Blatt frisst.
"Halt an, halt an! Bleib stehen auf offener Strecke! "
Als kleines Kind hatte er so versucht, Ameisen auf dem Boden zu lenken. Manchmal hatte es wirklich funktioniert. Dann durfte er einen Tag lang an seine magischen Fähigkeiten glauben. Leider hatte es am nächsten Tag meistens nicht mehr funktioniert. Heute vielleicht?
Pepe steigerte seine Willenskraft ins Unermessliche. Dabei musste er wohl einen roten Kopf bekommen haben, denn sein Nachbar warf ihm einen erstaunten Seitenblick zu. Also ließ er es sein. Und der Zug fuhr tatsächlich weiter.
Vielleicht eine Stunde, vielleicht zwei? Die Sängerin im Bistrowagen gab ihren unersättlichen Zuhörern ein vollendetes Gratiskonzert. Die bedankten sich in jeder Pause mit aufforderndem Applaus.

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