Ein kreischendes Bremsgeräusch beendete abrupt den Gesang. Und die traumgleiche Selbstvergessenheit der Reisenden, die nun eilig zurück in ihre Abteile drängten, um noch vor Einfahrt des Zuges in die nahe Station Wroclaw ihr Gepäck zu holen, oder ihren Platz im Abteil zu reservieren.
Pepe wurde in dem einsetzenden Gedränge in einem Pulk mit hinaus geschoben. Er sah gerade noch, wie die Sängerin, umringt von ihren Bekannten, Hände schüttelte, genauso unbewegt, wie sie gesungen hatte.
"Ob sie vielleicht blind ist, und daher die Unbewegtheit ihres Ausdrucks?"
Schon ging es die engen Gänge entlang, den Blick auf den Boden, damit er nicht über Gepäckstücke stolperte. Keine Zeit zum Überlegen! Die Eindrücke verwischten so schnell und überraschend wieder, wie sie gekommen waren.
"Au!"
Vor ihm hielt sich jemand sein Schienbein, schimpfte dann in unverständlichen Worten, hinter ihm gab es einen Stau. Ab und zu riss ein Passagier die Tür eines Abteils auf, kurze Einblicke in die Abteile eröffnend, und verschwand darin.
So ging es weiter, der Zug rollte schon in einen Vorort von Wroclaw, als Pepe endlich sein Abteil wieder fand.
Maria war über ihrer Lektüre eingeschlafen. Das Buch hielt sie noch in der Hand. Die ältere Dame schaute nur kurz auf, als Pepe eintrat. Sie sah müde aus. Und um nicht ebenfalls einzuschlafen, goss sie sich ständig Kaffee aus einer Thermoskanne in eine Henkeltasse. Auf ihrem Schoß lag eine Schachtel mit Kokosplätzchen, von denen sie zwischen kleinen Schlückchen aß.
Pepe setzte sich auf seinen Platz, der immer noch frei war.
"Ich habe ihn für sie freigehalten, junger Mann. Wer hier schon alles ins Abteil wollte! Das darf man sich nicht gefallen lassen." Vom Gang her schauten einige missmutige Gesichter herein.
"Ich bedanke mich, herzlichen Dank!"
Pepe fiel es schwer, sich für ihre heroische Abschottung des Abteils gegen andere Mitreisende zu bedanken. Andererseits war er doch froh, seinen Sitzplatz behalten zu haben und bewunderte ihre sichere Durchsetzungskraft. Wenig später hielt der Zug im Bahnhof von Wroclaw.
Vom Bahnsteig herein schallte eine Durchsage in polnischer Sprache, die er nicht verstand. Beim Aus- und Einsteigen entstand kurzzeitig ein hysterisches Durcheinander mit Rufen und Gestikulieren, das sich erst lichtete, als die Ausgestiegenen ihre Angehörigen auf dem Bahnsteig gefunden, und die Einsteigenden im Zug verschwunden waren.
Überall Küssen und Winken, Hüpfen, Gehen und Stehen. Minuten später setzte sich der Zug nur sehr langsam wieder in Bewegung. Er ächzte und knarrte, schien schwer, als hätte er unendlich viele Menschen aufgenommen. Beim Hinausgleiten aus dem Bahnhof standen nur noch wenige winkend auf dem Bahnsteig.
Ihre Gesichter erschienen durch die Bewegung des Zuges für Zehntelsekunden im Rahmen des Abteilfensters. Ein kurzer Licht- und Schattenreflex, ein Ausdruck von Abschied, manchmal ein Weinen, fixiert auf der Netzhaut wie auf einer Fotografie.
"Fast alle werden wieder wie Kinder in Momenten des Abschieds. Wie damals, das erste Mal allein mit der Bahn. Die winkenden Hände der Eltern verschwinden langsam aus dem Blickfeld. Dann folgt der noch unbekannte Schmerz der Trennung. Noch lange wirkt das Beruhigungsmittel nicht, der Gedanke, dass man sich wiedersieht.
In Quakenbrück brachte mich niemand zum Zug. Sie haben ja nun ihr Baby."
Er prüfte die auf seinem Handy eingegangenen Nachrichten, und tatsächlich, da war noch eine ungelesen.
"Sorry, wir haben kein Weihnachtsgeschenk für Dich. Heute fiel es mir ein. Und jetzt bist Du schon weg. Es tut mir leid. Also dann, freu Dich auf nach Weihnachten! Ja? Wir denken an Dich! Lena."
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