Diesmal konnte sich Pepe für keine der Antworten entscheiden, er schrieb an Sören die SMS:
"Niemals im Leben würde ich eine tiefgekühlte Pizza kaufen! Ich bin Pizzabäcker aus Geschmack und Überzeugung."
Lange musste er nicht auf sein Ergebnis warten. Sören schrieb:
"Ist doch bloß ein Spiel, Mann! Du hast eine durchschnittliche Punktzahl erreicht. Damit bist Du der durchschnittliche Erfolgstyp. Du kannst nicht alles, aber eine Menge erreichen. Eine Empfehlung: keine Angst davor, unangenehm aufzufallen! Das könnte Dir Deinen möglichen Erfolg verderben. Schöne Feiertage, Pepe! Sören."
Pepe steckte sein Handy zurück in die Jackentasche und machte sich auf den Weg zurück durch den Zug.
"Durchschnittlicher Erfolgstyp, so, so! So ein Schwachsinn!"
Vor ihm standen Taschen und Koffer im Gang. Er kletterte halb, halb wurde er gehoben, darüber.
"Scusi, Sorry, Pardon oder Entschuldigung!"
Es hörte sich an wie eine lange Kette von Gebeten, die er zum Himmel schickte.
"Platz dem gefräßigen Imperator," hätte er aus seinem Hungergefühl im Bauch heraus am liebsten lauthals gerufen, aber stattdessen wiederholte er immer wieder mit flötender Stimme nur:
"Scusi, Sorry, Entschuldigung oder Pardon!"
Und die ganze Zeit musste er an die duftenden Leberwurstbrote seiner Mitreisenden im Abteil denken, an dem er nun wie ein Fremder vorüberschlich. Sie sollten nicht unbedingt mitbekommen, dass er in die falsche Richtung geeilt war.
Schließlich, nach dem letzten "Scusi, Sorry, Pardon oder Entschuldigung," öffnete er endlich die Tür zum Bistrowagen des polnischen Zuges.
Die Fahrgeräusche klangen hier stark gedämpft, unter seinen Füßen lag ein alter, fleckiger Teppich. Ihm gegenüber, fast am Ende des gesamten Waggons, befand sich ein Kiosk. Davor, in mehreren Reihen, Bistrotische ohne Sitzgelegenheit. Auf den Tischen kleine Vasen mit Blumengestecken aus Plastik, vor den Fenstern weiße Gardinen. Nahe dem Kiosk lehnten einige Gäste des Bistros.
"Schön, hier möchte ich bleiben. Das hier ist kein ungemütlicher, deutscher Speisewagen. Vielmehr erinnert es mich an meine Mini-Pizzeria. Vino Rosso!"
Pepe fragte schwungvoll nach seinem Lieblingsgetränk, aber der Bistrokellner zuckte nur mit den Schultern. Vino Rosso trank man hier nicht. Dennoch reihte er flink verschiedene Flaschen und Fläschchen alkoholischer und nichtalkoholischer Getränke vor ihm auf. Dann fragte er mit einem breiten Grinsen:
"Dollar or Euro? Very good! Or else?"
Pepe deutete auf eine Flasche Orangensaft und ein kleines Fläschchen Campari, das er sofort ins Augen gefasst hatte. Außerdem nahm er ein Sandwich mit Tomate, Ei und Käse. Dem Kellner hielt er einen Euroschein hin, der seiner Meinung nach mindestens den Wert der Getränke darstellte.
Der Kellner jedoch rechnete mehrmals auf einem kleinen Taschenrechner, wobei er umständlich mit einem Finger die Zahlen eintippte, aber fluchend kam er mehrmals nicht zum passenden Ergebnis.
Nach einigen weiteren Versuchen hielt er Pepe freudestrahlend die Anzeige des Rechners vor Augen, auf der ein Betrag stand, der geringfügig über dem Wert des Geldscheines lag.
Pepe stutzte einige Sekunden, dann ließ er klimpernd Euromünzen auf die Theke des Kiosks fallen, wovon sein Gegenüber gewinnend lächelnd, nur einige wenige nahm, um endlich mit großzügiger Geste zu bedeuten, dass er Pepe den Rest seines eigenen Kleingeldes freundlicherweise schenkte.
"Napoli, Stronzo, ich komme aus Napoli!"
Pepe reichte ihm freudig seine Hand. Solch geschickte kleine Gauner kannte er, ja er mochte sie sogar, fand sie sympathisch. Sie wussten dem Betrogenen ein Gefühl von Herzlichkeit zu schenken, das die Summe ihres kleinen Betruges weit überstieg. Es hatte etwas sehr menschliches, dass die Zahlen nicht stimmten, denn sicherlich würde sein Gegenüber jemandem, dessen Geld vielleicht für ein Getränk nicht ausreichte, auch gern etwas vom Preis erlassen. So wie er selbst es regelmäßig in seiner Pizzeria tat.
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