Thursday, November 24, 2005

Fortsetzung 17

Pepe fand einen Platz an einem Bistrotisch, der gerade frei geworden war. Er aß schnell seinen Sandwich auf, dann trank er in Ruhe kleine Schlucke aus seinem Glas. Dabei beobachtete er die Anwesenden, wie er es von seiner Pizzeria her gewohnt war. Unter sich hörte er gedämpft das Klack, Klack der Räder auf den Unebenheiten der Schienen.
Im Augenblick hörte es sich an wie das Ticken einer verlangsamten Uhr. Je nachdem, wie viele Kilometer pro Stunde der Zug gerade fuhr. Die monotonen Geräusche erlaubten Pepe zu träumen.
"Nichts Schöneres kann ich mir in diesem Augenblick wünschen als Verlangsamung der Zeit! Bedeutete das etwa nicht, intensiver zu leben?"
Er stellte sich das vor. Noch intensiver! Bald war sich überhaupt nicht mehr sicher, ob an diesem Gedanken irgendetwas Wahres war. Leicht irritiert, hörte er auf zu träumen.
Verschiedene Sprachen hörte er aus dem Stimmengewirr der einzelnen Gruppen heraus, die um die Tische und am Kiosk standen. Zwischen ihrem Lachen, das sehr häufig eine einzelne Rede unterbrach, tönte zu ihm herüber etwas Vertrautes.
"Alle Sprachen der Welt klingen wie Musik, blende ich das den Wortsinn verstehen einmal aus. Alle Sätze, seien sie mit Bedeutung gesprochen, oder einfach nur so dahergesagt. Sicherlich gibt es auch Musik, die man gedanklich wie eine Sprache lesen kann, aber nur einige Kenner ereifern sich über deren Interpretation."
Es gefiel ihm, zuzuhören, ohne verstehen zu müssen.
"Oh, ich möchte wieder einmal nach Rom reisen! Santa Maria a Trastevere! Sonntags morgens aus offenen Fenstern Bel Canto hören! Dort lebt die Straße die Oper! Dort ist sie nicht eingesperrt in Opernhäuser und bessere Kreise!"
Die vorweihnachtlich gelöste Stimmung im Bistrowagen übertrug sich auf alle Anwesenden. Auch Pepe, der allein an einem Tisch stand, fühlte sich durch freundliche Blicke einbezogen.
"Wer hier unterwegs ist, freut sich bestimmt auf sein Reiseziel. Die meisten haben sicher Monate lang darauf gewartet, endlich von ihrer Arbeit in der Fremde nach Hause fahren zu können, um ihre Familien und Freunde wieder zu treffen. Und ich?
Bin ich über die vielen Jahre, die ich in Deutschland nun lebe, nicht zum Fremden in meiner Heimat Italien geworden? Wer freut sich dort noch auf mich?"
Er leerte sein Glas ohne abzusetzen, um die aufkeimende Melancholie schnell hinunter zu spülen. Gleich winkte aus einer Gruppe herüber ein Arm Pepe an einen anderen Tisch. Er ging zögernd, ob er gemeint sei, mehr in Richtung des Kiosk. Das Gesicht des Winkenden konnte er erst beim Näherkommen erkennen. Auffordernd winkte derjenige nun noch einmal, und da sah Pepe nahe in dunkle, leuchtende Augen. Der junge Mann lachte einladend breit, wodurch seine Goldzähne im Neonlicht blinkten.
In die Runde eingereiht, füllte ihm eine andere Hand sein Glas mit Wodka. Dann schwenkten alle Gläser gegen seins und aus allen Mündern schallte es gleichzeitig laut:

"Nastrovje!"

No comments: