Thursday, November 03, 2005

Fortsetzung 10

"Vielleicht sollten Sie es besser dabei belassen? Sie machen die junge Frau noch nervös. Denken Sie lieber darüber nach, wie Sie ihre Rente bekommen. Meine Generation hat ja noch genügend Kinder zur Welt gebracht."
Pepe wischte ihren Einwand aus seinem Gesicht wie eine lästige Fliege.
"Sie haben wohl recht mit ihrer Meinung, dass das Schönste, was wir erleben, kaum so in Worte zu fassen ist, dass andere unsere Gefühle nachempfinden können. Daher stochern wir vergeblich im Wortsalat, schweifen ab oder kreisen unendlich um das Eigentliche herum. Aber wenn es uns trotzdem einmal gelingt, die angemessene Übersetzung zu finden, dann erreichen wir den glücklichen Zustand, dass andere unsere Empfindungen teilen. Geteiltes Glück ist dann doppelt schön, und geteiltes Leid nur halb so schwer.
Daher, gnädige Frau, versuche ich immer wieder alles in Worte zu fassen, was mich glücklich oder traurig macht. Und manchmal gelingt es mir sogar, wenn auch nicht immer."
Maria klatschte spontan Beifall, während die ältere Dame ihren Kopf bedächtig zur Seite neigte, als ob sie seinen Worten noch einmal lauschen müsste, um zu begreifen, was er gemeint hatte. Pepe aber fühlte sich durch Marias Beifall bestätigt.
"Man hört viele Bedenken und Einwände gegen das Kinderkriegen, und manche kann ich verstehen. Auch ich mache mir Sorgen, wenn ich zum Beispiel an die Folgen unserer Lebensweise denke. Beinahe täglich erfährt man von Zerstörungen der Natur, Klimaveränderung, von Katastrophen, Kriegen, Habgier und Mord.
Ist es etwa nicht eine sehr traurige Tatsache, dass heute jeder, sogar mit berechtigten Argumenten, einwenden kann, dass in diese von Menschen angegriffene Welt keine Kinder geboren werden sollten?
Mir wird schwindelig vor so viel Verantwortung! Dann fällt es mir schwer, noch an unsere gewohnte Lebensweise zu glauben. Einen Sinn darin zu sehen, Blech für Blech Pizza zu backen, damit andere jeden Tag satt werden. Die ganze Sache wünsche ich mir gelegentlich lieber umgekehrt!
Zum Beispiel, dass ich im schönen Apulien auf der Veranda meines eigenen Ferienhäuschens die Sonne genieße, nebenbei telefoniere und dann, Hokuspokus, gleich werden mir knusprige Pizza, dunkelroter Wein und süßes Obst serviert. Ja, ich hätte nichts dagegen, wenn andere für mich arbeiteten. Ein Traum ist doch nicht verwerflich, oder? Wir Menschen sind gerne mal faul und bequem, und möchten die Sonne genießen, den Wein und, naja, was man sich so denken kann.
Ja, nein, vielleicht doch, doch wenn ich es mir genau überlege, ist es das. Genau das! Jeder sollte eine Arbeit haben, zufrieden sein und von deren Ertrag ein gutes Auskommen haben. Das wäre ideal. Lleider ist es so nicht. Die Menschen sind lieber egoistisch, spotten und lästern gern über andere, gönnen sich gegenseitig nichts und suchen, anstatt zu teilen, nur ihren Vorteil.
Und daher muss ich, um selbst nicht zu kurz zu kommen, an mich denken!"
"Da treffen Sie den Nagel auf den Kopf," grinste die ältere Dame, "ganz meine Meinung. Ich kenne jede Menge Tipps für eine renditereiche Geldanlage. Möchten Sie welche hören?"
Pepe zeigte sich überrascht von dem Beifall aus ihrer Ecke, aber er ging nicht auf sie ein.
"Kurze Rede, langer Sinn, ich habe in den letzten Monaten meine Zeit damit verbracht, der fünfzehnjährigen Lena, von der ich erzählte, aus der Klemme zu helfen. Und ich bereue es nicht, denn Schwierigkeiten zu überwinden, anderen zu helfen, macht nicht selten richtig viel Spaß."

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