Sunday, October 30, 2005

Fortsetzung 9

"Auch wenn unser Zug anhält, sind wir dennoch weiter unterwegs. Entweder in der Bewegung, auf jeden Fall aber in der Zeit."
Pepes Gesten waren wieder umfangreicher geworden, einzelnen Instrumenten seines imaginären Orchesters gab er durch Handbewegungen Zeichen.
"Welch kluge und hübsche Frau diese Maria ist," kam es ihm zur ungelegenen Zeit in den Sinn.
"Und wenn es geschieht, dass ein Kind, noch ungeboren, das Licht dieser Welt erblicken will, können wir davor unsere Augen verschließen? Geht mich nichts an?"
Seine Stimme hatte im besten italienischen Belcanto einen pathetischen Ton angenommen, seine Rede hörte sich beinahe gesungen an.
"Sie haben doch hoffentlich nichts gegen die Abtreibung?"
Maria sah ihn misstrauisch an.
"Können Sie sich etwa nicht vorstellen, wie viele Frauen durch eine ungewollte Schwangerschaft in Not geraten? Gäbe es die Möglichkeit nicht, frühzeitig über einen Abbruch zu entscheiden, gäbe es viel mehr Elend in der Welt.
Wer muss denn an erster Stelle unter einer sozialen Notlage leiden, etwa die Männer? Meistens wird die Not von oben nach unten durchgereicht, und unten stehen in vielen Gesellschaften Frauen und Kinder, hilflos und ohne Hoffnung! Ein Verbrechen, das durch falsche Politik und weltfremde Traditionen geschieht."
Maria war leicht rot im Gesicht geworden und schaute Pepe herausfordernd an. Von so viel Temperament war er überrascht, wollte etwas entgegnen, aber wusste nicht, was.
"Verstehe."
Er stammelte und zeigte ein leidendes Gesicht.
Maria kicherte plötzlich.
"Verzeihung, ich stecke mit meinen Gedanken noch mitten in meinen Uni-Seminaren. Wir diskutieren sehr oft über die Rolle der Frauen in der Gesellschaft, und da vertrete ich ganz klare Positionen. Die ich natürlich im Zusammenhang von Seminar-diskussionen vehement und vollkommen zu Recht einnehme, aber jetzt habe ich nur ungeschickt ihr Erzählen unterbrochen. Verzeihung!
Das liegt nur daran, weil ich ihren Ansatz missverstanden hatte.
Wollten sie vielleicht nur etwas weiter ausholen? Ja? Bitte vergessen Sie meinen Einwand, legen Sie los!"
Maria lächelte ihn mit einem höchst bezaubernden Lächeln an, so dass er leicht errötete. Aus Verlegenheit lächelte er einfach mit, bis er seine Worte wiederfand. Dieses Auf und Ab ihrer Emotionen hatte er noch nicht ausreichend begriffen.
"Ja, ich neige dazu, manchmal etwas vom Thema abzuschweifen. Es tut mir leid."
Sie gab sich gezielt generös:
"Aber das macht doch nichts, schweifen Sie, schweifen Sie meinetwegen kometenhaft wohin sie wollen, ich folge Ihnen ab jetzt filterlos."
"Also!"
Diesmal begann er, sich nachdenklich räuspernd. Die ältere Dame wendete ihm huldvoll belustigt ihr Gesicht zu, dann traf ihn ihr mitleidiger Blick.

No comments: