Monday, October 24, 2005

Fortsetzung 7

"Erzählen Sie mir bitte weiter von Ihrem Traum. Oder davon, was Sie tatsächlich erlebt haben. Sei es ein Traum oder nicht, ich finde es eine interessante Geschichte. Übrigens, ich heiße Maria."
"Alle nennen mich immer nur Pepe. Ist es nicht verrückt, wie einen die Geschichten verfolgen, die man gerade erlebt hat? Wissen Sie, in solch einer kleinen Stadt wie Quakenbrück geschieht eigentlich meistens gar nicht besonders viel. Daher habe ich genügend Zeit, all die Menschen, die mir immer wieder begegnen, in Ruhe zu beobachten und zu verstehen. Und was glauben Sie, was die meistens hauptsächlich in ihrem Leben tun? Andere beobachten! So ist das. Manchmal habe ich das Gefühl, alle Einwohner von Quakenbrück haben den ganzen Tag lang nichts besseres zu tun, als sich gegenseitig zu beobachten. Und dann reden sie auch noch pausenlos übereinander. Keine Ahnung, wo sie die Zeit dafür hernehmen!"
Maria lachte leise schnurrend zum Fenster, aber die ältere Dame schaute ungerührt hinaus.
"Lachen Sie nicht! Obwohl alle die ich in Quakenbrück kenne sich gegenseitig beobachten, fiel es niemandem auf, dass die kleine Lena schwanger war und dies verbarg. Dass sie sich nicht traute, ihren Eltern, Geschwistern oder Freunden davon zu berichten. Stellen Sie sich vor, niemandem fiel auf, dass sie sich schreckliche Sorgen machte. Nicht einmal ihrem Freund Sören, dem Vater des Kindes. Ist das nicht unfassbar?"
Maria dachte einen Augenblick lang nach.
"Bei uns in Polen, würde ich meinen, glaube ich eher nicht, dass niemand etwas bemerkt hätte. In den Familien verbringt man viel Zeit miteinander. Ich glaube, mehr als in Deutschland. Dort trifft man sich ja höchstens mal zum Essen oder zum Fernsehen. Ich übertreibe jetzt ein bisschen. Natürlich hat das auch positive Seiten. Man orientiert sich eben mehr an seiner Clique, oder beschäftigt sich öfter allein. Das bedeutet mehr Freiheit. Ich selbst weiß nicht so genau, was ich besser finden soll. Es hängt mit vom Alter ab, wieviel Freiheit man haben dürfen sollte. Aber wenn mehr Freiheit mehr Einsamkeit bedeutet?"
Pepe nickte, während die ältere Dame noch angestrengter aus dem Fenster sah als zuvor. Es war offensichtlich, dass sie zugehört hatte. Vielleicht gefiel es ihr nicht, wie Maria über die Deutschen redete. Aber sie hätte ja etwas dagegen einwenden können. So wirkte sie bloß arrogant.
"Mir fiel auf, dass Lena sich verändert hatte. Ich glaube es war ihre Angst, die mir auffiel. Sie kam nicht mehr so oft wie sonst zu ihren Treffen in meine Pizzeria. Aber warum das gerade mir und allen anderen nicht auffiel, weiß ich nicht. Ja, ich erinnere mich, dass ihr Appetit größer geworden war. Oder vielmehr, dass sie vor allen anderen verbarg, dass sie täglich mehr aß. Ich wunderte mich nicht darüber, dass sie statt einer erst zwei, dann drei, und schließlich vier Mini-Pizzas auf einmal bestellte. Aber nach dem Self-Service an der Theke ging sie dann mit dem Tablett zu einem Gratis-Postkartenständer, den eine Werbefirma bei mir installiert hat, und betrachtete dessen Auslage. Wobei sie von ihrer Clique unbemerkt die Pizza hastig verzehrte. Mir fiel es auch erst auf, als es sich wiederholte."
Pepe hatte mit aufgerissenen Augen und ernster Stimme gesprochen, als ginge es um einen Kriminalfall. Maria sah ihn lächelnd an.
"Ja, Angst, das ist ein ernstes Problem. Nachdem ich zum Studium nach Deutschland gekommen war, habe ich bemerkt, wie viele Studenten Angst haben. Angst vor der Zukunft, Angst vor Klausuren, Angst vor Referaten, Angst vor dem Examen und vor dem Alleinsein, also eigentlich Angst vor dem ganzen Leben. Und das versuchen sie durch irgendein auffälliges Verhalten zu überspielen."
"Darf ich fragen, worüber Sie studieren?"
Pepe hatte seine Neugier gegenüber Maria bisher nur mühsam gebremst, nun hatte sie ihm ein passendes Stichwort gegeben.

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