Thursday, October 27, 2005

Fortsetzung 8

"Literatur- und Theaterwissenschaft."
Beide Begriffe standen buchstäblich wie eine fette Balkenüberschrift in der Zugluft ihres Zugabteils. Pepe wurde unsicher, wusste wenig damit anzufangen.
Die ältere Dame riskierte einen Seitenblick auf Maria und zog ihre Mundwinkel dabei leicht nach unten. Was sie wohl über Maria und die Literatur- und Theaterwissenschaft dachte?
"Wie unsympathisch," dachte Pepe, "vielleicht weiß sie genauso wenig wie ich über Literatur- und Theaterwissenschaft, und versucht nur ihren Mangel an Wissen durch Ablehnung zu überspielen."
"Sehr interessant, solch ein Studium stelle ich mir einmalig aufregend vor. Ich selbst habe unzählige Kriminalromane gelesen, und mich immer gefragt, wie man so etwas schreiben kann."
Marias Augen blitzten ihn schalkhaft an.
"Manche Geschichten werden nach einem immer gleichen Muster erzählt, das mag ich weniger. Ich beschäftige mich am liebsten mit ungewöhnlichen Erzählweisen. Geschichten, die mal auf die eine, mal auf eine andere Weise erzählt werden, ähnlich dem Leben, das zwar meistens gleich, aber bei genauer Betrachtung vielfach verschieden ist. Zur Unterhaltung mag ich auch manchmal Kriminalromane.
Ihre Erzählung von dem Baby der jungen Lena finde ich sogar spannender als dieses Buch eines bekannten Romanciers, den man allerdings nicht kennen muss, das ich gerade lese. Möchten Sie weiter erzählen?"
"Ja, warum nicht? Wir haben ja noch viel Zeit, bis unser Zug Warschau erreicht."
Pepe sah aus, als wollte er im Sitzen ein Orchester dirigieren. Der Zug verringerte erneut sein Tempo, was eine Wirkung zur Folge hatte, als ob alle im Abteil näher zusammen rückten. Pepe senkte automatisch seine Stimme.
"Auf einer Reise unter widrigen Umständen wird ein Kind geboren. Stopp!"
Die ältere Dame seufzte leise.
"Wenn ich noch hinzufüge, in einem Stall, weiß dann nicht beinahe jeder, wie diese Geschichte weitergeht?"
Nun sah sie ihn mit einem traurigen Blick an. Solange, bis es ihr selbst auffiel, dass sie ihn anstarrte. Da drehte sie schnell ihren Kopf wieder weg zum Fenster.

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