Der Zug hielt in Frankfurt/Oder. Zoll- und Grenzbeamte stiegen ein und begannen schon vor der deutsch-polnischen Grenze die Ausweisdokumente der Reisenden zu kontrollieren. So konnte Pepe seinen Bericht nicht fortführen.
Die ältere Dame hielt bereits alle Dokumente bereit, während Pepe umständlich in seiner Reisetasche suchte. Nach und nach kramte er seine hübsch eingepackten Weihnachtsgeschenke hervor und legte sie auf die freien Plätze im Abteil. Dabei wurde er immer nervöser, seine Hände begannen zu zittern, und der Grenzbeamte nahm eine beinahe drohende Haltung ein. Schließlich fand er zu seiner Erleichterung in einer Seitentasche endlich seinen Reisepass.
Die junge Frau hatte einen polnischen Pass, Pepe und die ältere Dame einen deutschen.
"Sie sind aber ursprünglich auch kein Deutscher," bemerkte die ältere Dame spitzzüngig, als sie die drei Dokumente sah, die der Beamte routiniert abfertigte.
"Ich stamme aus Neapel, gnädige Frau. Waren Sie schon einmal in Neapel?"
Eilig steckte sie ihren Reisepass wieder in die Handtasche, so als könnte ihn jemand stehlen. Den Reißverschluss zog sie mit einer knappen Bewegung zu.
"In Neapel, ich?" Sie fixierte Pepe mit einem strengen Blick.
"Auf einer meiner Kreuzfahrten durchs Mittelmeer ankerten wir vor der Insel Capri, im Golf von Neapel. An einem Ausflug zur weltberühmten Blauen Grotte habe ich teilgenommen, eine bezaubernde Sehenswürdigkeit. Die allein kann ich von Italien weiter empfehlen. Unsere Reiseleitung warnte uns aber dringend davor, nach Neapel überzusetzen. Sodom und Gomorrha! Die Stadt mit den meisten Taschendieben."
"Camorra, gnädige Frau, Camorra! So nennt sich die neapolitanische Mafia. Und Reiseleiter haben es am liebsten, wenn ihnen ihre Touristen brav folgen, wie eine Schafherde dem Schäfer. Dann führen sie mit ihrem Job ein bequemes Leben."
"Aber doch nicht auf einer Kreuzfahrt," entgegnete sie gräflich herablassend.
"Wie kann ich Ihnen Neapel empfehlen? Venedig ist eine weltberühmte Stadt, aber versinkt, Rom ist das Zentrum der katholischen Welt, aber teuer, Florenz hat die schönsten Museen, aber ist voller Touristen. Besuchen Sie Neapel, denn Neapel ist die Seele Italiens!"
"Sie sagen es, junger Mann. Deshalb werde ich mich hüten, freiwillig in dieses Haifischbecken zu springen."
"Fast hätte ich es vergessen, unser berühmtes Meerwasseraquarium, wo sie Delphine und Haifische hautnah beobachten können. Allein das ist schon eine Reise nach Neapel wert."
Pepe senkte seine Stimme. "Und Taschendiebe gibt es nicht nur dort, sondern in allen großen Städten der Welt. Halten Sie Ihre Handtasche gut fest! Vielleicht gibt es sogar welche hier in diesem Zug. Auf dem Bahnhof in Berlin wurde eine Durchsage gemacht: Vorsicht vor Taschendieben!"
Dieser kleinen Boshaftigkeit konnte Pepe nicht widerstehen. Solche Vorurteile, wie sie sie offenbarte! Welch kleinliches Weltbild. Die junge Frau warf ihm verbündende Blicke zu. Die ältere Dame ärgerte sich, als sie es bemerkte.
"Mir kann man nichts vormachen, junger Mann. Haifische gibt es sicherlich nicht nur in Italien. Ich kenne meine Kundschaft. Überall kenne ich sie."
Von da an blickte sie sich würdevoll gebend aus dem Abteilfenster des Zuges, der inzwischen jenseits der Grenze in Polen durch eine schneebedeckte Landschaft fuhr. Pepe und die junge Frau beachtete sie scheinbar nicht mehr.
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