Wednesday, December 21, 2005

Fortsetzung 32

Zivilcourage zeigen, wenn jemand von Stärkeren bedroht wird! Wer traut sich das wirklich? Davon zu reden und danach zu handeln sind jedoch zwei ganz verschiedene Paar Schuhe! Die passen nicht an jede Füße. Die Knutschgeräusche der älteren Generation hörten jedenfalls für einige Augenblicke auf. Pepe jubilierte innerlich. Schnell weiter, damit sie aus dem Kussrythmus kommen!
"Sören klappte vorsichtig leise die Sitzbank seines Mopeds auf, um ebenso leise aus dem Reparaturfach darunter eine neue Motorradkette hervorzuziehen, die er für Notfälle immer dabei hatte.
Wollen mal sehen, ob du gelogen hast, drohte die böse Stimme eines der Halbstarken vom Spielplatz. Die anderen beiden lachten.
Lass doch die Kleine! Einer von den Dreien zeigte etwas Mitleid.
Im zweiten Stockwerk eines der Häuser wurde knarrend und scheppernd ein Fenster geöffnet. Es klang wie in einem Horrorfilm. Sören dachte allerdings nun seltsamerweise an Öl. Müssen Fensterscharniere nicht genauso geölt werden wie Motorradketten?
Seltsam, was einem so durch den Kopf geht, obwohl es einen im wirklichen Leben überhaupt nicht weiter bringt. Vielleicht hätte er lieber dieses Fenster geölt, als sich mit drei älteren Typen anzulegen. Auweia!
Los, hau schnell ab!
Befahl die Stimme desjenigen, der mit Lena etwas Mitleid hatte. Der Haupttäter klang enttäuscht.
Wenn ich dich das nächste Mal treffe, Mäuschen, dann mache ich aber dein Schatzkästchen auf. Damit wir wissen, was für ein Schätzchen du bist!
Das Mädchen bekam einen Stoß in die Seite, der ihr Gesicht kurz in den Lichtschein warf. Lena! Sie war es. Jetzt powerte Sören los!
Motor starten, der Scheinwerfer leuchtete hell auf. Lena rannte blitzschnell los.
Wer macht das denn?
Die Typen in den Lederjacken blickten gereizt in das aufgeblendete Fernlicht. Ihre Kippen flogen auf den Boden. Jetzt hatte Sören sie am Hals.
Moped wenden, Tempo, und das auf dem engen Gehweg! Sie rannten schon los. Bloß jetzt die Nerven behalten!
Geschafft! Jetzt aufsitzen und sofort die Kupplung kommen lassen! Der Motor heulte auf. Die Motorradkette in der Hand störte.
Dich kriegen wir!
Sören hörte sie dicht hinter sich brüllen. Er ließ die Kette einfach fallen, zog die Maschine auf volle Leistung. Die hob vorne richtig ab, gut getunt, das Moped! Einer von denen fiel auf die Nase, der Vorderste, der ihn schon fassen wollte. Jetzt bloß nicht stürzen!
Feiner Sand lag auf den Platten, die Kurven waren enge Winkel. Einmal ging der Reifen hinten weg, er stützte mit dem Stiefelabsatz ab. Gab einen schwarzen Strich von seiner Sohle. Dann riss der absatz ab.
Plötzlich Ende, Hausnummer siebzehn M, leuchtete vor ihm wie ein fernes Licht in einem Tunnel. Links und rechts nur Blumenbeete, hinter ihm die, die jetzt erst richtig sauer waren. Wohin?
Egal, soll der Gärtner neu bepflanzen, was hier an Gemüse durch die Luft fliegt! Quer riss er die Maschine durch Beete und Rabatten. Dass nur der Sprit reicht!
Die Maschine pflügte Erde um und schlingerte, doch er hielt Kurs, Abstand zu seinen Verfolgern. Durch Beete bis auf den vollbesetzten Parkplatz. Dort aber würgte er den Motor ab. Kein Sprit mehr.
Grausam! Sören, unter Helm und Kutte, schwitzte. Wenn es einen helfenden Gott gibt, dann bitte, Lieber, hilf jetzt! Gleichgültig, unter welchem Namen.
Er bockte die Maschine im Schatten eines Lieferwagens auf, zog schnell den Zündschlüssel ab. Zu Fuß, und jeden Lichtschein von Laternen meiden, war nun sein letzter Ausweg. Er hörte sie schon in der Nähe rufen.
Ich wette, der ist noch hier!
Sören sah in der Nähe ein Motorrad parken, eingehüllt in einen Schlafrock. Wohl gegen schlechtes Wetter, Schutz für Lack und Armaturen. Warum nicht, dort schlich er hin.
Mit einem Taschenmesserschnitt schnell die Befestigung der Wetterkleidung auf, und hochgekrempelt rasch um seine Karre. Und selber hatte er da drunter auch mit Platz.
Hitze von Krümmer und Auspuff, zum Ersticken! Draußen hörte er sie kommen.
Hier in der Nähe ging sein Licht aus. Glaube, der Motor auch.
Die Stimme klang nach Jagdlust, zweifelnd die des anderen. Macht das Sinn? Er ist uns doch längst entwischt. Aber den kenn ich wieder, dann kriegt er auf die Fresse!
Sören betete. Lieber Gott im Himmel!
Plötzlich neben sich diestimme.
Woher kann dieser Kerl denn sein, aus Quakenbrück? Den finden wir.
Ihm wurde übel, als von der Straße her das laute Röhren eines Mopeds zu hören war. Es klang wie seins.
Los hinterher!
Endlich war er sie los."
Nur Maria und Pepe warteten immer noch vergeblich darauf, dass sie das Zugabteil für sich alleine hätten.

Tuesday, December 20, 2005

Fortsetzung 31

Beim Reden nuschelte Sören immer etwas. Man musste ihm genau zuhören. Und er drehte pausenlos Zigaretten. Als könne er sonst nicht sprechen. Dabei lehnte er sich lässig zurück. Ich hatte mich immer gefragt, ob er die alle selbst rauchen wollte. Arme Lunge!
Seine Verfolgungsjagd mit der Polizei, der er glücklich entwischte, war jedoch nichts gegen die Nummer in dieser Hochhaussiedlung. Sören beschrieb alles sehr genau.
Nicht mehr weit bis zur mit Lena verabredeten Stelle. Er schob jetzt von der Straße weg über Plattengehwege zwischen den Wohnblöcken sein Moped.
Eine Abkürzung, das wusste er, gab es über den Spielplatz. Verbummelte Zeit wieder Aufholen, das macht erfinderisch. Gerade wollte er seine Karre durch die Eingangspforte schieben, da stand er still.
Stimmen, vor ihm hinter den Büschen. Durch Zweige rotes Aufglimmen von Zigarettenkippen, Gelächter.
Der Spielplatz, Treffpunkt einer Gang etwa? War ihm klar, dass die es nicht besonders gern sahen, wenn jemand aus einem anderen Viertel durch ihr Gebiet lief. Er lauschte.
So, deine Mutter ruft die Polizei, wenn du nicht nach Hause kommst? Höhnte eine Stimme. Warum lässt sie dich dann so spät noch aus der Wohnung? In deinem Alter?
Lena! Sören fuhr ein Schrecken durch den ganzen Körper.

Sofort versuchte er, durch die Sträucher hindurch die Gesichter besser zu erkennen. Nur fahles Licht schien aus den Fenstern über ihm. Drei kräftige Typen in Lederjacken. Das Leder glänzte speckig. Bitte lasst mich los!
Lenas Stimme?
Sein Speichel wurde schlagartig trocken. Wut schnürte seinen Kehlkopf.
Was kriegen wir dafür, wenn wir dich gehen lassen? Wieder die Stimme von demselben Typen.
Ich habe doch nichts, flehte die Mädchenstimme. War sie es etwa doch nicht? Und wartete an der verabredeten Stelle auf ihn?
Wenn sie es war, musste er eingreifen. Und wenn sie es nicht war, konnte er dann etwa einfach abhauen? Ein hilfloses Mädchen diesen Ungeheuern überlassen?
Unmöglich! Wie schäbig wäre er vor seinem eigenen Gewissen, würde er sich einfach aus dem Staub machen.
Allein gegen drei. Schöner Mist! Helfen, selbstverständlich, aber wie? Die drei waren älter, kräftiger und dazu vielleicht auch noch bewaffnet. David gegen Goliath! Hatte der es nicht auch geschafft?
Er sah das gleichzeitige Aufglühen ihrer Zigaretten in der Dunkelheit. Sie machten alles ganz langsam, hatten Zeit.
Vielleicht hat deine Mutter gar nicht gemerkt, dass du fehlst, spottete eine andere Stimme diesmal.
Dann kannst du ja mit zu mir kommen. Ich lade dich ein!
Das Mädchen weinte.
Ein rasender Zorn stieg in Sören auf. Entschlossen setzte er seinen Motoradhelm auf. Wenn schon sich Prügeln müssen, dann wenigstens mit Helm. Ein Vorteil gegenüber den Dreien.

Monday, December 19, 2005

Fortsetzung 30

Pepe blieb fast die Spucke weg vom Erzählen. Bloß den Faden nicht verlieren! Käme er ins Stottern, könnten die knutschenden Alten ihren Platz im Abteil behaupten. Pepe holte tief Luft. Maria dachte, entsetzt über die sekundenlange Pause, an eine eigene Geschichte.
"Sören erzählte mir auch seinen Teil. Wie das große Liebesglück der beiden zustande kam.

Um sieben Uhr war er mit Lena nahe der großen Mülltonnen verabredet gewesen. Beim Flippern aber, in seiner Kneipe, hatte er die Zeit vergessen.
Ich betrachtete ihn zu diesem Zeitpunkt noch als Milchgesicht, das extra auf cool macht. Wie die meisten in seinem Alter. Sie wollen genauso cool sein wie ihre großen Vorbilder, Bruce Willis, oder Mr Moto. Wer auch immer.
Wenn er nur vorher daran gedacht hätte! Alles Geld in den Flipperautomaten! Und als er los will? Tank auf Reserve. Jetzt war die Kilometerzahl extrem begrenzt. Manchmal reichte es nicht einmal bis zur nächsten Tankstelle. War ja schließlich keine Fünfhunderter.
Mist, beim Flippern verloren, bald nach Hause, und morgen früh raus. Immer so weiter bis zur Rente, ist das vielleicht eine Lebensperspektive?
Er trat den Kickstarter, die Maschine sprang an. Gott sei Dank!

Lena! Lena! Die war ihm tatsächlich lange Zeit gar nicht aufgefallen. Immer blass, stand nie im Mittelpunkt. Fast als ob sie etwas zu verbergen hätte. Dabei sieht sie wirklich süß aus. Besonders, wenn sie lächelt. Weil sie so selten lächelt, ist es das schönste Lächeln der Welt.
Andere lächeln ja ständig. Wie unter Zwang. Habt ihr etwa was zu lächeln, jederzeit? Jeder Tag wie Weihnachten, was? Etwa Kohle geschenkt gekriegt von den Alten? Na, dann lächelt mal schön! Andere können das nicht.
Das Motorengeräusch klang auf einmal ungesund. Besser schieben, Sprit sparen! Damit die Karre wenigstens nachher noch fährt. Wenn er in ihrer Nähe ist. Sieht ihn einer beim Schieben, ging es gleich los. Na, Moped kaputt? Was ist das denn für eine Maschine? Vom Schrottplatz?
Nein, dämliche Fragen wollte er nicht beantworten müssen. Jeder wusste, gerade er kannte sich aus mit Maschinen. Reparierte alle Modelle, frisierte Motoren. Ein echter Tuningspezialist. Und jetzt sowas. Wär eine echte Schlappe. Weil sich ja sofort alles rumspricht.
Die Wohngegend, die er kreuzen musste, war berüchtigt. Wegen einer anderen Gang. Um diese Zeit so gut wie menschenleer. Ob sie an der Straßenbeleuchtung gespart haben? Kein Kumpel in der Nähe, bloß schnell durch!
Sport ist Mord, aber wenn man Sprit sparen muss, ist Sport ein Mordsspaß. Im Tank gluckerte es nur noch ganz leise beim Rennen, das waren die allerletzten Tropfen Benzin-Ölgemisch.
Rechts und links hohe Wohnblocks. Hinter beleuchteten Fenstern mal Gardinen, mal keine. Balkone mit grauen Satellitenschüsseln, alte Möbel, Wäscheleinen, Abstellgut und leere Blumenkästen.
Wie oft er der Polizei schon entwischt war! Immer wollen die ordnen, regulieren, überwachen! Da wieder fünfzehn Kilometer zu schnell gefahren, oder im Stau zwischen Fahrzeugkolonnen hindurch geschlängelt. Quakenbrück und Umgebung kannte er wie seine Jackentasche. Hier hatten die gegen ihn keine Chance. Neulich hinter ihm her ein Beamter auf einem Gaul. Sah aus wie ein reitender Teppichhändler aus einem billigen Italo Western!
Sören einfach im Stadtpark schnell mit seiner Karre die große Parktreppe runter. Der Beamte zu Pferd ihm hinterher. Die Stoßdämpferfederbeine krachten bis zum Anschlag. Egal, wird alles selbst repariert. Besser als Punkte in Flensburg und eine teure Rechnung ohne Bastelspaß.

Saturday, December 17, 2005

Fortsetzung 29

"Einmal lag der Müll auf der Treppe verstreut. Wegen der Streitigkeiten. Sie wollte nicht, dass er mitkommt. Weil natürlich Sören mit seiner Karre unten bei den Mülltonnen im Hof noch vorbei kommen wollte.
Wegen des Streits öffnete sich eine Wohnungstür. Herr Puschen, der immer durch seine Tür spioniert, schimpfte die Kinder aus.
Er würde den Dreck auf der Treppe den Eltern erzählen.
Tobias, Lenas Bruder, rannte schnell zurück in die Wohnung, um dort mit Unschuldsmiene weiter zu spielen. Als ältere Schwester badete sie die meisten Beschwerden aus."
"Erzähl weiter, ich bin auch eine ältere Schwester."
Maria spornte ihn an. Es war so etwas wie ein Wettstreit zwischen dem küssenden Paar auf der einen Seite, und dem erzählenden Paar auf der anderen Seite entstanden. Wer aufhörte, musste das Abteil verlassen.
"Hastig kratzte Lena Essenreste und Kaffeesatz von den Stufen der Steintreppe vor der Wohnung von Herrn Puschen. Sollte er Bescheid sagen, so sauber war es da noch nie! Dann rannte sie eiligst die Treppen hinunter Dabei schepperte manchmal der Eimer in den Kurven gegen die Wand."
"Lauter!"
Maria flüsterte Pepe ins Ohr.
"Unten öffnete sie den Müllschacht und leerte den Eimer aus. Jetzt blieben ihr nur noch wenige Minuten. Schnell, auf die Straße!
Von Weitem schon hörte sie das Röhren und Knattern eines Mopeds, und eines Echos, das zwischen den Häuserblöcken widerhallte. Sören!
Sie rannte los. Den Plattenweg entlang, dann durch die Büsche, das war kürzer, als der Bogen, den die Strasse machte. Sie konnte es noch schaffen, ein paar kostbare Minuten für die beiden!
Ein aufgeblendeter Scheinwerfer fuhr auf sie zu. Halt!

Lena hatte es mir so atemlos erzählt, als erlebte sie es gleich noch einmal.
Der beschleunigt aber, kann sie am Straßenrand in der Kurve nicht sehen. Auf die Straße laufen? Zu gefährlich. Wusste sie, ob es überhaupt Sören war?
Das Moped sauste vorbei. Eine Gestalt in dunkler Kluft, gelber Helm auf dem Kopf. Sören war es nicht. Sein Helm war rot. Das Motorengeräusch ebbte ab, mündete in ein Tuckern, dann hörte es auf. Ein Garagentor im Nachbarblock schlug zu. Das Geräusch hallte an den hohen Hauswänden wider. Wie von einem riesigen Müllschlucker. War das unheimlich!
Lena schauderte tatsächlich beim Erzählen. Ich gab ihr damals eine Tasse Tee aus.
Traurig war sie zurück gerannt. Ob sie ihn morgen wohl treffen könnte? Schnell weg, sonst fangen mich böse Geister!"

Friday, December 16, 2005

Fortsetzung 28

Was war schon seltsam? Die vielfältigen Daseinsvariationen? Menschen, die andere einschätzen und bewerten?
Pepes Gedanken schweiften noch einmal zurück zu Lena, Sören und ihrem Baby. Alle drei hatte er fest in sein Herz geschlossen.
"Das Wichtigste überhaupt sind gute Freunde."
Wie meinte er denn das? Maria schaute ihn überrascht an. Meinte er etwa sie beide mit dieser Meinung?
"Wie lange es gedauert hat, bis die beiden endlich ein Paar waren! Du bist der beste Zuhörer, den ich kenne, hatte Lena einmal zu mir gesagt. Und dann hat sie nicht mehr aufgehört zu reden, obwohl ich an dem Tag längst neuen Teig hätte zubereiten müssen."
Maria atmete tief durch. Ach so, Pepe erzählte wieder.
"Ja, los, erzähl weiter!"
"Sören ist so verdammt stolz auf seine Jacke. Sie hat viele Aufnäher aus Stoff: Legalize it, oder: Nazis verpisst euch! Um nur ein paar Beispiele der Badges zu nennen. Er nennt sie Kutte. Da steckt viel Selbstbewusstsein von ihm drin. In einer Jacke! So ist das in seinem Alter.
Aber Lena war sie gar nicht wichtig. Eine Jacke kann sich schließlich jeder organisieren, sagte sie einmal mürrisch, als er verdrießlich, ohne ein Wort, an ihr vorbei gestoffelt war."
"Ich kenne das, hatte früher auch so einen Freund."
Maria sprach besonders laut, um das ununterbrochene Kussschmatzen der Alten zu übertönen. Kurz wurde es still, dann kam zusätzlich noch ein gelegentliches Seufzen hinzu.
"Seine Augen sind offen wie eine Geisterbahn, in die man hinein saust wie beim ersten Mal Springen vom Dreimeterbrett im Schwimmbad, erzählte sie. Mir wird schwindelig, wenn ich nur daran denke.

Ich wurde Lenas Briefkasten für Liebesfreud und Kummer. Niemals wusste sie, was er gerade denkt.
Jungs sind komisch, schon beim Tanzen. Oder, zum Beispiel, wie sie stundenlang einem Ball hinterher rennen können. Sie hatte er dabei komplett vergessen!
Naja, Mädchen und Jungs sind eben verschieden. Das musste alles besprochen werden. Ich fand es amüsant. Habe ja manchmal auch nichts zu tun hinter dem Tresen."
"Das erinnert einen, als man noch ganz naiv und unschuldig war!"
Marias Stimme war diesmal so laut, dass sogar Pepe erschrocken auffuhr. Es reichte jedoch nicht für einen Wink an die Alten, und so blieb ihnen weiterhin nur die Möglichkeit einer besonders lauten Unterhaltung.
"Moped sagt er nicht zu seinem motorisierten Zweirad, sondern Karre. Damit habe ich auch früher die Mädchen beeindruckt. Ich hatte eine Vespa. Schnell mal am McDonalds vorbei fliegen! Wo sich viele treffen, vor allem die dicken Kinder der Reichen. In Quakenbrück gibt es davon allerdings nicht sehr viele."
Der ältere Herr bekam nun einen Hustenanfall, der einen deutlichen Klangkontrast zu den vorherigen Geräuschen bildete.
"Meine erste Umarmung fand auch auf einem Moped statt. Die fahren doch absichtlich so riskant, die doofen Jungs, damit Mädchen sich schon allein aus Angst an sie anklammern."
Ein lästerlicher Zug kräuselte um Marias sinnliche Lippen.
"Gar nicht doof! Einerseits soll man in dem Alter seine beginnende Männlichkeit beweisen, andererseits sich mit andauernd kichernden und gemeinsam auf die Toilette verschwindenden Mädchen verstehen."
Pepe hatte den Lästerball aufgenommen und weiter gespielt. Der Hustenanfall endete in einem heiseren Räuspern. Pepe erzählte mit ernster Miene weiter.
"Die Mini-Pizza ist in meinem Taschengeld nicht vorgesehen. Wie viele Jugendliche heute schon Geldprobleme haben! Die Handytarife machen es ihnen auch nicht gerade leicht.
Lenas jüngerer Bruder Tobias wollte schon mit elf andauernd neue Klingeltöne haben, berichtete sie mir entnervt.
Und was er durfte, dazu hatte er keine Lust. Zum Beispiel abends den Mülleimer hinunter bringen. Ihre Mutter meinte wohl, das wäre eigentlich seine Aufgabe. Aber er ging nur mit Lena zusammen die Treppe hinunter, und deshalb stritten sie dann die ganze Zeit. Schließlich sucht man ja nach Gelegenheiten, wann man sich mal allein unter vier Augen treffen kann."
Dabei schaute Pepe Maria an, wie wohl auch Sören Lena angeschaut haben musste.

Thursday, December 15, 2005

Fortsetzung 27

Auf einmal redete er nicht mehr. Pepe war sprachlos vor Überraschung. Der Weißhaarige und die Goldbehangene hielten still Händchen!
"Warum nicht? Liebe ist keine Frage des Alters. Und sie passen offensichtlich gut zusammen."
Maria hauchte dicht an seinem Ohr ihren wärmenden Atem.
"Schwebt hier vielleicht eine geheime Liebesenergie durch den Zug?"
In den Augenwinkeln hatte sie ein schalkhaftes Lachen. Pepe dachte tolerant, meistens.
"Jung oder alt, wichtig sind echte Gefühle. Erinnern wir uns auf dieser Reise zu Weihnachten ganz zufällig an unsere Fähigkeit zu lieben? Ist das nicht die eigentliche Botschaft des Christentums?"
Die ältere Dame rieb auffordernd ihren Oberschenkel am spitzen Knie ihres Gegenübers, der sie sofort zu sich heranzog und leidenschaftlich küsste.
Maria sah aus, als ob ihr grüne Smaragde aus den Augen kullern wollten.
"Wie obszön!"
In ihrem Gesicht war deutlich zu lesen, was sie von der Ungezwungenheit der älteren Generation hielt. Pepe war es auch offensichtlich zu viel.
"So ein alter, geiler Bock! Soll ich etwas unternehmen?"
Maria schüttelte langsam den Kopf.
"Nein, es ist zu merkwürdig! "
Pepe dachte über ihre Aussage nach. Ihre Sprachkenntnisse schienen beinahe perfekt. Wie aber hatte sie das gemeint. Zu merkmürdig! Gibt es das überhaupt?
Die ältere Generation ließ sich durch die Anwesenheit der beiden nicht im Geringsten stören. Man vollführte gekonnt ein ausführliches Zungenspiel, und es war von solcher Eindringlichkeit, dass weder Maria noch Pepe sich diesem Treiben durch vielleicht ähnliches Tun hätten anschließen wollen. Nein, die Alten hatten mit ihrer Heftigkeit ihren zarten Beginn außer Betracht gestellt.
Daher saßen sie nun still beieinander, warm eingebettet in ihre nun schon vorhandene Vertrautheit, und in dem Bewußtsein, dass ihnen nichts entgehen würde.

Wednesday, December 14, 2005

Fortsetzung 26

"Bei der Zucht von Rennpferden ist die Auswahl eines geeigneten Hengstes das Maß aller Dinge. Ich beobachte, wozu eine Stute beim Traben neigt, danach beim Galloppieren, dann weiß ich auch schon, welcher Hengst für sie geeignet ist. Selbstverständlich, ausdauernd und schnell muss er immer sein, sonst kommt er von vornherein nicht in Betracht. "
Eine Zustimmung heischende Pause folgte. Als Pepe etwas sagen wollte, redete dieser Mann blitzschnell weiter.
"Für die Besamung scheue ich keine Mühen und Kosten. Beim letzten Mal wurde er über vierhundert Kilometer auf mein Gestüt verbracht. Dann müssen die sich erstmal beschnuppern, bei den Tieren geht das ja auch nicht gleich so rapp, zapp!"
Die ältere Dame nickte sehr eifrig.
"Das sollten Sie einmal beobachten, das Tänzchen auf der Koppel. Herrschaftlich, geradezu! "
Er redete ganz und gar mit den Schultern, so als ritte er ein unruhiges Pferd.
"An solchen Tagen verzichte ich sogar auf meinen täglichen Ausritt in die Landschaft, um mir dieses majestätische Schauspiel nicht entgehen zu lassen. Mein ganzes Leben lang habe ich nur auf Pferde gewettet. Jetzt habe ich eine Nase für Siegertypen. Durchschnitt interessiert mich nicht."
Ähnlich redete er weiter über seine großartigen Erfolge, seinen Reichtum und seinen Instinkt, diesen zu mehren. Pepe fühlte eine Abneigung gegen ihn, aber die ältere Dame schien außerordentlich begeistert, obwohl er sie nicht einmal zu Wort kommen ließ. Sie fühlte sich durch sein Interesse offensichtlich geschmeichelt. Mit einem Ruck fuhr der Zug wieder an.
Maria und Pepe schwelgten dennoch weiter in ihren Gefühlen, tauschten Blicke und zärtliche Berührungen. Aber es war schwierig, sich nicht stören zu lassen, denn der ältere Herr hatte eine sich laufend wiederholende Melodie in seiner Sprechweise, der sich niemand im Abteil entziehen konnte. Vielleicht war es auch nur diese Walzer ähnliche Sprechmelodie, welche die ältere Dame an den Lippen dieses knorrigen Jockeys hängen ließ.
"Wenn er doch mal eine Pause machte, um Luft zu holen, dann schalte ich mich sofort mit einem neuen Thema dazwischen." Pepe flüsterte Maria ins Ohr und seufzte innerlich, wegen des unfreiwilligen Vortrags.
"Wer sich mit Pferden auskennt, weiß alles über Menschen. So sensibel, wie die Behuften, sind Menschen nicht. Die merken mit ihren feinen Sinnen alles. Wenn ich morgens einmal schlecht gelaunt in den Stall gekommen bin, weil ich jemanden habe entlassen müssen, oder in der Post der hunderste Bettelbrief irgendeines Futtermittelhändlers lag, natürlich mit überhöhten Forderungen, scharren sie schon mit den Hufen, schnauben und blecken ihre Zähne. Denen kann man nichts vormachen, sogar wenn ich vorher lustig pfeife, merken sie meine schlechte Laune. "
Seine kleinen, geröteten Augen funkelten von innerer Energie.
"Ich bin kein gewalttätiger Mensch, weiß Gott nicht! Aber mit Tieren kann man nicht argumentieren, lustig, was? Gewöhnlich gehe ich schnell wieder aus dem Stall, frühstücke in Ruhe ein zweites Mal, nehme ein entspannendes Bad, bis meine Laune sich wieder gebessert hat.
Meine ehemalige Frau pflegte zu sagen, dass ich Tiere mehr liebe als Menschen. Alles Quatsch! Natürlich bin ich schon lange geschieden."

Sunday, December 11, 2005

Fortsetzung 25

Unter den Linden, vor Weihnachten in Berlin


Der Zug stand auf dem Gleis und rührte sich nicht. Aus benachbarten Abteilen tönten erregte Stimmen herüber, Fenster wurden geöffnet und neugierige Passagiere lehnten sich hinaus.
Auch Pepe öffnete das Abteilfenster, mit Marias Einverständnis. Eisig kalte Luft drang herein. Auf einmal spürte er Marias Hand auf seinem Arm, die ihn sanft zur Seite schob. Dann schmiegten sich beide eng aneinander, um draußen zu erkennen, warum der Zug hielt.
Es war zu finster, um weit zu sehen. Außerdem stand der Zug vor einer Senke. Das Licht aus den Fenstern schimmerte schwach auf einer Schneedecke, oder reflektierte auf Sträuchern und Gehölz neben dem Gleis.
"Hast du den Schnee bemerkt?"
Wie gern würde ich sie jetzt in den Arm nehmen. Pepe hörte sein Herz lauter klopfen bei diesem Gedanken. Sie drückte sich noch enger an ihn, wohl absichtlich, da legte er seinen Arm um ihre Taille.
"Warum sie wohl keine Durchsage machen?"
Hell dampfte Marias Atem aus ihrem Mund.
"Das bleibt ihr Geheimnis."
Hauchte Pepe ebenso weiß.
Die Abteiltür wurde geräuschvoll geöffnet, herein kam die ältere Dame. Sie sah gut gelaunt aus, ihre kleinen grauen Augen funkelten in Feierlaune.
"Darf ich meinen Platz wieder einnehmen?"
Maria und Pepe mussten das Fenster schließen und zurück auf ihre Plätze.
"Wissen Sie, was passiert ist?"
Pepe war zu verwirrt, um antworten zu können. Die ältere Dame dagegen zeigte sich äußerst beschwingt.
"Prächtig kann man sich auf Reisen unterhalten, manchmal sogar mit Niveau. Ich habe den Herrn in dieses Abteil gebeten, wenn sie nichts dagegen haben?"
Drohende Falten bildeten sich gleichzeitig auf ihrer Stirn. Als beide brav wie Schulkinder nickten, entspannte sich die Lage. Ein schwitzender Zugbegleiter schaute kurz ins Abteil, sah sich suchend um und verschwand wortlos wieder. Der Zug fuhr immer noch keinen Meter voran.
"Vielleicht hat jemand die Notbremse gezogen, und der Schaffner will wissen, in welchem Abteil?"
Pepe achtete genau auf die Reaktion der älteren Dame. Sie lächelte beinahe charmant anstelle einer Antwort.
"Nicht auszumachen, ob sie es war."
Pepe betrachtete sie mit wachsendem Respekt.
Wenig später kam ein weißhaariger Mann im Lodenmantel herein, grüßte knapp und legte einen Aktenkoffer auf die Gepäckablage. Schwungvoll wie ein Flaschengeist entwickelte er sich aus einem cremefarbenen Schal, stülpte sich aus seinem Mantel, bis schließlich ein dürrer, knorriger alter Mann zum Vorschein kam. Der roch ein wenig muffig nach alter Wolle, übertünchte dieses Manko jedoch mit einem schweren Moschus Parfum. Die goldbehängte Dame erblühte, als er sich ihr gegenüber platzierte. Sofort nahm er den Faden ihres vorherigen Gesprächs wieder auf.

Thursday, December 08, 2005

Fortsetzung 24

Mag sein, dass es an der Zartheit ihrer Gefühle lag, an ihrer Kindlichkeit, dass sie nicht auffielen. Man ist ja allgemein eher gewohnt, etwas gröber zu betrachten. Um daraus schnelle Schlüsse zu ziehen. Damit misslingt leider die feinere Beobachtung."
"Das geht mir auch öfter so."
Maria hatte ihm verwundert zugehört. Pepes kleine Welt in Quakenbrück war vor ihren Augen erstanden. Nun ereiferte sie sich.
"Jeder sieht nur auf den ersten Eindruck. Daraus entsteht dann sein grobes Raster. Und wenn die Zeit dann noch fehlt, bleibt es einfach dabei."
"Ich bleibe jetzt beim Thema."
Sagte Pepe mit gespielt strengem Gesicht zu sich selbst. Maria lächelte.
"Einen Moment, jetzt muss ich noch mal genau überlegen, an welcher stelle ich abgeschweift war."
Dabei machte er ein Gesicht tiefsten Grübelns. Maria lachte laut auf.
"Da kamen dann also erstmal die Ferien, ja genau, und da verlor ich sie aus den Augen. Lena ging in ein Ferienlager, und, ja richtig, Sören hing schlecht gelaunt in meiner Pizzeria herum. Da ging er mir ziemlich auf die Nerven. Trank und rauchte mehr als gewöhnlich.
Sein Freund Eike erzählte eines Tages, dass er ihr mit seinem Moped und einem Zelt einfach hinterher gefahren war. Das war dann die Sensation in Quakenbrück. Es war ja noch richtig kalt draußen zu der Jahreszeit."
Die Bremsen des Zuges zischten und heulten laut auf, begleitet von einem tiefen, metallenen Ton. Ein Ruck ging gleichzeitig durch den ganzen Zug, so dass Maria, die in Fahrtrichtung saß, halb von der Sitzfläche rutschte. Pepe hätte sie gern in seinen Armen aufgefangen, aber auch er wurde zum Spielball dieser Bremsgewalt. Schließlich hielt der Zug mit noch einem Ruck in die entgegengesetzte Richtung. Es wurde still.
Maria und Pepe sahen sich an. Dann zu dem Platz, wo die ältere Dame gesessen hatte. Um sich dann wieder mit ungläubigem Staunen wieder anzusehen. Denselben Gedanken hatten sie gleichzeitig.
"Nein!"
Wettete Pepe.
"Vielleicht doch."
Wendete Maria ein, hielt dagegen.
"Um Gottes Willen, sie wird doch nicht ..."
Pepe regte sich auf, während Maria beschwichtigte.
"Auf jeden Fall eine Notbremsung. Hoffentlich ist nichts ernstes passiert!"
Pepe setzte sich gerade im Sitz auf.
"Wenn sie die Notbremse gezogen hat, haftet sie ganz allein."
Maria lachte kichernd.
"So gutgläubig kann niemand sein."

Wednesday, December 07, 2005

Fortsetzung 23

"Also, da bahnte sich etwas an zwischen dem cool wirkenden Sören, und der Lena mit dem blassen Gesicht. Sie mochte ich von Anfang an. Ihn fand ich auch in Ordnung, bis auf die Tabakkrümel.
Was ich bemerkt hatte, durften natürlich all die anderen aus ihren Cliquen auf keinen Fall entdecken, sonst wäre die Sache gleich aus und vorbei. Nichts provoziert in dem Alter mehr Hohn und Spott als Verliebtsein. Verknallt, wie? Der und die?
Daher beachteten sie sich gegenseitig scheinbar kaum. Eine Chance, sich wie zufällig zu begegnen, bot sich den beiden nicht so häufig. Aber vor meiner Pizzaausgabe, an der Mülltonne, da musste ja jeder hin. Einmal ließen sie dort ihre Pappdeckel gleichzeitig fallen. Sören fragte schüchtern, na? Und Lena antwortete scheu: Na?"
"Wie zart!"
Maria hing an seinen Lippen.
"Dann drehten beide vorsichtig ab, zurück in verschiedene Cliquen. Und dabei bester Laune durch die Bestätigung ihrer gegenseitigen Gefühle. Die anderen hatten nichts gemerkt, weder Sörens bester Freund Eike, der noch halb zu der Clique der anwesenden Inline-Skater zählte, noch Lenas beste Freundin Michelle, die sich bisher nicht für Jungen interessierte.
Wenn in Quakenbrück etwas Außergewöhnliches passiert, erfährt es die halbe Stadt innerhalb von wenigen Stunden. Ich natürlich meistens viel früher.
Zum Beispiel wurde im Schwimmbad ein Bademeister entlassen, weil er in der Umkleidkabine für Damen gesehen wurde. Das wurde natürlich überall diskutiert. Im Zeitungsladen, beim Bäcker, beim Fleischer, in der Imbissbude und in der Trinkhalle. So heißt der kleinste Laden in Quakenbrück.
Auch Unfälle zwischen Autos, Mopeds, Fußgängern und Inline-Skatern werden mir in Windeseile von den Jugendlichen berichtet. Sie reden ja noch am meisten miteinander. Später ist es ja nicht mehr so einfach mit dem spontanen Kontakt zwischen den Menschen. Vor allem wohl in Norddeutschland nicht.
Einmal fragte man mich, ob ich als Zeuge vor Gericht auftreten wollte. Obwohl ich bei dem Streitfall gar nicht anwesend gewesen war.
Herzinfarkte, Knochenbrüche, Verstauchungen, all diese Sachen landen bei mir. Was für eine ungeheure Menge jedes Jahr! Verstorbene Haustiere werden in ansehnlichen Prozessionen beerdigt. Solch eine Kleinstadt muss sich irgendwie aufregen, wenn eigentlich im Großen und Ganzen nicht viel passiert. Was ja auch gut ist, denn es geschieht auch nicht viel Schlimmes. Ich sitze da an der Quelle, verstehen Sie?"
"Pepe!"
Maria ermahnte ihn, doch bei seiner eigentlichen Geschichte zu bleiben.
"Ich finde es erstaunlich, wie lange sie es tatsächlich schafften, ihre Gefühle füreinander vor der großen Öffentlichkeit Quakenbrücks zu verbergen.
Die Sucht nach Sensationen, auch wenn es tatsächlich nur belanglose Neuigkeiten sind, hat ja schließlich sogar die Provinz erfasst.

Tuesday, December 06, 2005

Fortsetzung 22

Er beobachtete Maria genau, ob sie ihr Interesse nicht vielleicht doch gespielt hatte.
"In meiner Mini-Pizzeria serviere ich die kleine Blechpizza auf rechteckigen Pappdeckeln. Ich frage, Peperoni?
Die meisten antworten mit Ja. Durch Peperoni erhält die Pizza einen frischen, säuerlichen Geschmack. Manche mögen es außerdem scharf. Mit Peperoni ist auf der kleinen Pizza mehr drauf, das sieht auch besser aus. Ich greife also in einen Blecheimer, fange die grünen Schoten und lege wie gewünscht auf.
Die Wünsche meiner Stammkundschaft kenne ich auswendig. Bei Lena war klar, viele Peperoni. Großer Hunger, wenig Geld! So geht es den meisten Teenagern. Und das, obwohl meistens beide Elternteile arbeiten. Aber halt, das wäre wieder ein anderes Thema.
Manche Schüler verbringen jeden Nachmittag bei mir. Die über sechzehn Jahre trinken nach der Schule Bier und rauchen selbstgedrehte Zigaretten.
Da kann ich leider nichts machen. Ich habe ihnen immerhin beigebracht, dass sie nach dem Verzehr der Minipizza die abgegessenen Pappdeckel selbstständig zum großen Mülleimer bringen, der direkt an der Theke neben der Kasse steht. So kann ich es kontrollieren.
Die Jugendlichen müssen mich und meine Regeln respektieren, darauf lege ich Wert. Für den günstigen Preis können sie nicht erwarten, dass ich sie bediene."
Maria stimmte ihm zu.
"Sie müssen also alle bei mir vorbei kommen, um ihren Pappdeckel zu entsorgen. Deshalb fiel es mir eines Tages überhaupt auf. Jedesmal, wenn Lena zur Theke kam, stand Sören plötzlich neben ihr.
Bei Sören weiß ich immer, wo er gesessen hat. Tabakkrümel macht nämlich keiner von dieser Bande weg. Wenn sie mit ihren Mofas und Mopeds davonbrausen, muss ich da nacharbeiten. Überall Tabakkrümel! Als ob sie nur trockenen Tabak rauchen!"
"Wie meine Geschwister, das kenne ich."
Maria nickte zustimmend.
"Die fahren wie eine Motorradgang mit knatternden Auspüffen vor, belegen mit Helm und Nierengurt gleich zwei Plätze, und stapfen dann mit dicken Stiefeln vor meinen Tresen. Zwei Minis und ein Bier! Ich könnte mich totlachen!
Lena dagegen immer zurückhaltend. Bestellte immer mittags, schwänzte also den Unterricht nicht. Bevor zwischen den beiden was lief, ging sie vor halb drei.
Dann fiel es mir noch deutlicher auf. Gegen vier sitzt sie immer noch und nippt seit zwei Stunden am selben Glas Cola. Ich mache mir eben Gedanken über meine Gäste.
In dem Alter, denke ich, ist ja alles nicht so einfach. Vor allem, was die Gefühle betrifft. Wenn Kids sich verlieben, gehen sie ja nicht einfach aufeinander zu und sagen: Hallo, willst du mit mir gehen?"
Pepes und Marias Blicke streiften sich. Sie vermieden, einander tiefer in die Augen zu sehen. Pepe lächelte.

Monday, December 05, 2005

Fortsetzung 21

"Bei Ihnen würde ich sofort eine Pizza bestellen! Hoffentlich komme ich bald einmal nach Quakenbrück."
Überrascht von Marias Herzlichkeit fehlten ihm zunächst die Worte. Dann stotterte er hastig:
"Unbedingt, gern. Natürlich sollen Sie den ganzen Tag lang, wenn sie möchten, dürfen Sie Bücher lesen, in meiner Pizzeria an einem Tisch sitzen. Und ich kümmere mich um alles. Essen, Trinken, was Sie möchten!"
"Der Zug fährt viel zu schnell!"
Verstört und hilflos blickte die ältere Dame von einem zum anderen.
"Jemand sollte die Notbremse ziehen."
Pepe bereute seinen Scherz ein wenig. Er hatte nicht beabsichtigt, die ältere Dame in Todesangst zu versetzen. Aber jetzt war es zu spät. Maria beanspruchte seine ganze Aufmerksamkeit.
"Viel lieber als in meinem Buch zu lesen, würde ich gern von Ihnen noch eine Geschichte hören."
Maria strahlte ihn voller Wachheit an. Ein schöneres Kompliment konnte sie ihm nicht machen. Eine kaum sichtbare Röte flog durch sein Gesicht.
"Hoffentlich schaffe ich es einmal, eine Geschichte vom Anfang bis zum Ende zu erzählen. Ich bewundere alle, die das können!"
"Sie sind vielleicht lebensmüde, ich bin es auf keinen Fall!"
Die ältere Dame verließ zornig das Abteil. Kaum hatte sie die Tür hinter sich geschlossen, mussten Maria und Pepe laut lachen. Irgendwie hatten sie auf diesen Moment gewartet. Und es wollte auch niemand mehr in ihr Abteil. Der Zug war seit dem letzten Halt deutlich leerer geworden.
Es ist so kalt! "
Maria schlüpfte aus ihren dünnen Halbschuhen und zog sich dicke, bunte Wollsocken bis zu den Knien. Pepe konnte den Blick nicht von ihr wenden, als sie sich keck im Schneidersitz auf ihrem Bahnsitz aufpflanzte. Einen Moment lang war es still, sie wussten nicht, was sie sagen sollten.
"Wetten, gleich zieht sie die Notbremse."
Maria prustete und Pepe krächzte bestätigend:
"Wir müssen sie aufhalten! Sie gefährdet auch unsere Sicherheit!"
Als sie sich wieder erholt hatten, lächelte Maria aufmunternd: "Wollten Sie vorhin nicht Ihre Geschichte weiter erzählen?"
Pepe fiel auf, dass ihre grünen Augen heller als vorher schimmerten. Darin war etwas, das wollte er gern ergründen. Aber nun galt es erstmal, den Faden seiner Geschichte wiederzufinden.
"Wo war ich stehen geblieben?" Er merkte sofort, wie unpassend diese Bemerkung war, wie zerstreut sie ihn aussehen ließ. Als er sich verlegen räusperte, lachte Maria schon wieder und wippte auf ihrem sitz.
"Ich kann verstehen, falls Sie diese Geschichte, die mir selbst auf einmal so unendlich fern vorkommt, obwohl ich soeben noch darin ganz und gar eingehüllt war, ein wenig sonderbar, vielleicht sogar versponnen finden.
Nur wenn Sie an meiner Stelle das alles mit erlebt hätten, ich bin sicher, sie hätten der kleinen Lena genauso geholfen."

Friday, December 02, 2005

Fortsetzung 20

"Ja, natürlich, kein Problem, ich will ja gar keine Geschenke bekommen. Besitze schon genug Zeug, das in der Wohnung Staub fängt."
Pepe stellte sich vor, wie Lena vor einem geschmückten Tannenbaum Sören ansieht, der ihr Baby auf dem Arm hält, und dabei süß aussieht.
"Bin ich etwa eifersüchtig? Ich, der ich viel älter bin als diese Gören? Wie Sören zunächst reagiert hatte, als er erfuhr, dass Lena von ihm schwanger war. Voll daneben!
Der hatte mehr Sorge um seinen Ausbildungsplatz, als um seine Freundin. Ich bin damals in die Bresche gesprungen, habe mich um sie gekümmert, ich!
Dankbarkeit erwarte ich ja gar nicht für diese Selbstverständlichkeit. Aber vielleicht eine Geste, die das Herz erwärmt. Die würde mich freuen!"
Draußen wurde es langsam dunkel. Der Zug fuhr mit hohem Tempo. Kreischende Fahrgeräusche drangen ins Abteil. "Irritierend, dieses Rasen! Während man selbst ruhig in seinen Polstern sitzt. Mich macht es nervös. Ob es im Bistrowagen leiser ist? Habe ich die wunderbare Stimmung dort vielleicht nur geträumt."
Maria wachte auf und sah aus verschlafenen Augen blinzelnd umher. Sie schien noch in den Bildern eines Traumes gefangen, die sie nicht einfach losließen. Unsicher hob sie ihr Buch in Lesehöhe, um wenigstens in den Buchstaben ihre Gegenwart verzeichnet zu finden.
Die ältere Dame begann unvermittelt zu sprechen.
"Es ist eine Unverschämtheit, dass bis jetzt noch kein Servicewagen hier vorbei gekommen ist. Um diese Uhrzeit hätte ich schon mindestens ein Baguette mit Käse und Tomaten gegessen. Die ganze Zeit kann ich an nichts anderes denken. Auch die Fahrscheine werden hier nicht regelmäßig kontrolliert! Unfassbar, dieser Service! Und durch die Fensterritze zieht es."
Sie blickte in die Runde als erwartete sie selbstverständlich Beifall. Pepe sah sie wie tief betroffen an.
"Das ist noch nicht das Schlimmste. Ich fürchte, wir fahren zu schnell. Neulich habe ich Bilder von einem Zugunglück gesehen. Ein grässlicher Anblick. Wegen überhöhter Geschwindigkeit! Aus einer Kurve direkt in eine Schlucht. Das muss die reinste Höllenfahrt gewesen sein. Oder hatte ich das im Kino gesehen? Egal, grässlich war es auf jeden Fall!"
Das Gesicht der älteren Dame sah blass aus, aber Pepe redete ungerührt weiter.
"Besuchen Sie mich doch einmal in Quakenbrück! Dann belege ich Ihnen die Pizza doppelt mit Käse und Tomaten. Service im Preis inbegriffen!"
Maria schaute von ihrem Buch auf. Sie war nun wieder vollkommen anwesend. Es amüsierte sie, wie er die Nörgeleien der älteren Dame verspottete, ohne dass sie es bemerkte. Pepe hatte ihren leisen Zuspruch bemerkt.
"Imponierten ihr etwa Männer mit dem Hang zur vorlauten Frechheit?"