Ein kreischendes Bremsgeräusch beendete abrupt den Gesang. Und die traumgleiche Selbstvergessenheit der Reisenden, die nun eilig zurück in ihre Abteile drängten, um noch vor Einfahrt des Zuges in die nahe Station Wroclaw ihr Gepäck zu holen, oder ihren Platz im Abteil zu reservieren.
Pepe wurde in dem einsetzenden Gedränge in einem Pulk mit hinaus geschoben. Er sah gerade noch, wie die Sängerin, umringt von ihren Bekannten, Hände schüttelte, genauso unbewegt, wie sie gesungen hatte.
"Ob sie vielleicht blind ist, und daher die Unbewegtheit ihres Ausdrucks?"
Schon ging es die engen Gänge entlang, den Blick auf den Boden, damit er nicht über Gepäckstücke stolperte. Keine Zeit zum Überlegen! Die Eindrücke verwischten so schnell und überraschend wieder, wie sie gekommen waren.
"Au!"
Vor ihm hielt sich jemand sein Schienbein, schimpfte dann in unverständlichen Worten, hinter ihm gab es einen Stau. Ab und zu riss ein Passagier die Tür eines Abteils auf, kurze Einblicke in die Abteile eröffnend, und verschwand darin.
So ging es weiter, der Zug rollte schon in einen Vorort von Wroclaw, als Pepe endlich sein Abteil wieder fand.
Maria war über ihrer Lektüre eingeschlafen. Das Buch hielt sie noch in der Hand. Die ältere Dame schaute nur kurz auf, als Pepe eintrat. Sie sah müde aus. Und um nicht ebenfalls einzuschlafen, goss sie sich ständig Kaffee aus einer Thermoskanne in eine Henkeltasse. Auf ihrem Schoß lag eine Schachtel mit Kokosplätzchen, von denen sie zwischen kleinen Schlückchen aß.
Pepe setzte sich auf seinen Platz, der immer noch frei war.
"Ich habe ihn für sie freigehalten, junger Mann. Wer hier schon alles ins Abteil wollte! Das darf man sich nicht gefallen lassen." Vom Gang her schauten einige missmutige Gesichter herein.
"Ich bedanke mich, herzlichen Dank!"
Pepe fiel es schwer, sich für ihre heroische Abschottung des Abteils gegen andere Mitreisende zu bedanken. Andererseits war er doch froh, seinen Sitzplatz behalten zu haben und bewunderte ihre sichere Durchsetzungskraft. Wenig später hielt der Zug im Bahnhof von Wroclaw.
Vom Bahnsteig herein schallte eine Durchsage in polnischer Sprache, die er nicht verstand. Beim Aus- und Einsteigen entstand kurzzeitig ein hysterisches Durcheinander mit Rufen und Gestikulieren, das sich erst lichtete, als die Ausgestiegenen ihre Angehörigen auf dem Bahnsteig gefunden, und die Einsteigenden im Zug verschwunden waren.
Überall Küssen und Winken, Hüpfen, Gehen und Stehen. Minuten später setzte sich der Zug nur sehr langsam wieder in Bewegung. Er ächzte und knarrte, schien schwer, als hätte er unendlich viele Menschen aufgenommen. Beim Hinausgleiten aus dem Bahnhof standen nur noch wenige winkend auf dem Bahnsteig.
Ihre Gesichter erschienen durch die Bewegung des Zuges für Zehntelsekunden im Rahmen des Abteilfensters. Ein kurzer Licht- und Schattenreflex, ein Ausdruck von Abschied, manchmal ein Weinen, fixiert auf der Netzhaut wie auf einer Fotografie.
"Fast alle werden wieder wie Kinder in Momenten des Abschieds. Wie damals, das erste Mal allein mit der Bahn. Die winkenden Hände der Eltern verschwinden langsam aus dem Blickfeld. Dann folgt der noch unbekannte Schmerz der Trennung. Noch lange wirkt das Beruhigungsmittel nicht, der Gedanke, dass man sich wiedersieht.
In Quakenbrück brachte mich niemand zum Zug. Sie haben ja nun ihr Baby."
Er prüfte die auf seinem Handy eingegangenen Nachrichten, und tatsächlich, da war noch eine ungelesen.
"Sorry, wir haben kein Weihnachtsgeschenk für Dich. Heute fiel es mir ein. Und jetzt bist Du schon weg. Es tut mir leid. Also dann, freu Dich auf nach Weihnachten! Ja? Wir denken an Dich! Lena."
Monday, November 28, 2005
Saturday, November 26, 2005
Fortsetzung 18
Die Gruppe an diesem Tisch waren wohl Russen oder Ukrainer, und da er sich mit Worten kaum verständigen konnte, sie ihn aber als ihren Gast einbeziehen wollten, tönte bald leiser Gesang einer Stimme, deren Ursprung er nicht gleich entdecken konnte.
Die Gespräche verebbten nach und nach, bis schließlich alle sich dem faltenreichen Gesicht einer Frau zuwendeten, deren Augen eine große Sonnenbrille verbarg. Zwischen ihren leicht geöffneten Lippen summte, gurrte und kehlte sie Laute hervor, deren Wehmut Pepe zutiefst berührte. Es schien, als sänge es von unbekannter Quelle aus ihr heraus, so unbewegt war sie äußerlich, so wenig drängte sie ihren Gesang den Zuhörern auf.
"Wer ist diese Frau, die mit ihrem Können nicht selbstgefällig auftrumpft, sondern unheimlich leise verführt? Ich möchte sie kennenlernen."
Auch an allen anderen Tischen waren inzwischen die Gespräche verstummt. Der Bistrowagen hatte sich in einen Konzertsaal verwandelt. Unter ihnen stampften die Räder des fahrenden Zuges ihren gleichmäßigen Rhythmus, und darüber tanzten zauberhaft leicht die Wellen ihres Gesangs.
"Ich schwebe," dachte Pepe, "und sehe Farben. Ich bin glücklich!"
Lautlos wurden Gläser weiter gereicht, Geldscheine häuften sich in der Mitte ihres Tisches, als Gaben für die Sängerin, und um gemeinsam Getränke zu bezahlen, gab jeder wie er konnte. Es gab eine stille Übereinkunft in all diesen beinahe unsichtbar ablaufenden Handlungen. Niemandem sollte es an seinem leiblichen Wohl mangeln, egal ob er bei Kasse war oder nicht. Und gleichzeitig durfte kein Laut, keine Bewegung diese Sängerin stören. Nichts war kostbarer zu erhalten als ihre Laune zu singen.
Nach und nach sammelten sich immer mehr Reisende in dem Bistro. Wer zufällig herein gekommen war, blieb, und wer einen Imbiss hatte nehmen wollen, wartete noch mit seiner Bestellung.
"Die Menschen sind fähig zu gegenseitiger Achtung und Liebe," stellte Pepe fest, "sie beweist es. Aber auch zur Verletzung, das zeigt die Wehmut ihres Gesangs. Wer andere so tief berühren kann, kennt alle Höhen und Tiefen. Glück genauso wie Trauer." Pepe kostete von jeder Resonanz seiner Umgebung, fühlte jede Nuance mit. Wie alle im Waggon verlor er vollkommen das Gespür für die Dauer der Darbietung.
Einmal hatte er geträumt zu fliegen, und jetzt war der Augenblick dafür: er probierte es gleich. Sah den Zug unter sich als feinen Strich, der sich wie ein Raupe durch ein grünes Blatt frisst.
"Halt an, halt an! Bleib stehen auf offener Strecke! "
Als kleines Kind hatte er so versucht, Ameisen auf dem Boden zu lenken. Manchmal hatte es wirklich funktioniert. Dann durfte er einen Tag lang an seine magischen Fähigkeiten glauben. Leider hatte es am nächsten Tag meistens nicht mehr funktioniert. Heute vielleicht?
Pepe steigerte seine Willenskraft ins Unermessliche. Dabei musste er wohl einen roten Kopf bekommen haben, denn sein Nachbar warf ihm einen erstaunten Seitenblick zu. Also ließ er es sein. Und der Zug fuhr tatsächlich weiter.
Vielleicht eine Stunde, vielleicht zwei? Die Sängerin im Bistrowagen gab ihren unersättlichen Zuhörern ein vollendetes Gratiskonzert. Die bedankten sich in jeder Pause mit aufforderndem Applaus.
Die Gespräche verebbten nach und nach, bis schließlich alle sich dem faltenreichen Gesicht einer Frau zuwendeten, deren Augen eine große Sonnenbrille verbarg. Zwischen ihren leicht geöffneten Lippen summte, gurrte und kehlte sie Laute hervor, deren Wehmut Pepe zutiefst berührte. Es schien, als sänge es von unbekannter Quelle aus ihr heraus, so unbewegt war sie äußerlich, so wenig drängte sie ihren Gesang den Zuhörern auf.
"Wer ist diese Frau, die mit ihrem Können nicht selbstgefällig auftrumpft, sondern unheimlich leise verführt? Ich möchte sie kennenlernen."
Auch an allen anderen Tischen waren inzwischen die Gespräche verstummt. Der Bistrowagen hatte sich in einen Konzertsaal verwandelt. Unter ihnen stampften die Räder des fahrenden Zuges ihren gleichmäßigen Rhythmus, und darüber tanzten zauberhaft leicht die Wellen ihres Gesangs.
"Ich schwebe," dachte Pepe, "und sehe Farben. Ich bin glücklich!"
Lautlos wurden Gläser weiter gereicht, Geldscheine häuften sich in der Mitte ihres Tisches, als Gaben für die Sängerin, und um gemeinsam Getränke zu bezahlen, gab jeder wie er konnte. Es gab eine stille Übereinkunft in all diesen beinahe unsichtbar ablaufenden Handlungen. Niemandem sollte es an seinem leiblichen Wohl mangeln, egal ob er bei Kasse war oder nicht. Und gleichzeitig durfte kein Laut, keine Bewegung diese Sängerin stören. Nichts war kostbarer zu erhalten als ihre Laune zu singen.
Nach und nach sammelten sich immer mehr Reisende in dem Bistro. Wer zufällig herein gekommen war, blieb, und wer einen Imbiss hatte nehmen wollen, wartete noch mit seiner Bestellung.
"Die Menschen sind fähig zu gegenseitiger Achtung und Liebe," stellte Pepe fest, "sie beweist es. Aber auch zur Verletzung, das zeigt die Wehmut ihres Gesangs. Wer andere so tief berühren kann, kennt alle Höhen und Tiefen. Glück genauso wie Trauer." Pepe kostete von jeder Resonanz seiner Umgebung, fühlte jede Nuance mit. Wie alle im Waggon verlor er vollkommen das Gespür für die Dauer der Darbietung.
Einmal hatte er geträumt zu fliegen, und jetzt war der Augenblick dafür: er probierte es gleich. Sah den Zug unter sich als feinen Strich, der sich wie ein Raupe durch ein grünes Blatt frisst.
"Halt an, halt an! Bleib stehen auf offener Strecke! "
Als kleines Kind hatte er so versucht, Ameisen auf dem Boden zu lenken. Manchmal hatte es wirklich funktioniert. Dann durfte er einen Tag lang an seine magischen Fähigkeiten glauben. Leider hatte es am nächsten Tag meistens nicht mehr funktioniert. Heute vielleicht?
Pepe steigerte seine Willenskraft ins Unermessliche. Dabei musste er wohl einen roten Kopf bekommen haben, denn sein Nachbar warf ihm einen erstaunten Seitenblick zu. Also ließ er es sein. Und der Zug fuhr tatsächlich weiter.
Vielleicht eine Stunde, vielleicht zwei? Die Sängerin im Bistrowagen gab ihren unersättlichen Zuhörern ein vollendetes Gratiskonzert. Die bedankten sich in jeder Pause mit aufforderndem Applaus.
Thursday, November 24, 2005
Fortsetzung 17
Pepe fand einen Platz an einem Bistrotisch, der gerade frei geworden war. Er aß schnell seinen Sandwich auf, dann trank er in Ruhe kleine Schlucke aus seinem Glas. Dabei beobachtete er die Anwesenden, wie er es von seiner Pizzeria her gewohnt war. Unter sich hörte er gedämpft das Klack, Klack der Räder auf den Unebenheiten der Schienen.
Im Augenblick hörte es sich an wie das Ticken einer verlangsamten Uhr. Je nachdem, wie viele Kilometer pro Stunde der Zug gerade fuhr. Die monotonen Geräusche erlaubten Pepe zu träumen.
"Nichts Schöneres kann ich mir in diesem Augenblick wünschen als Verlangsamung der Zeit! Bedeutete das etwa nicht, intensiver zu leben?"
Er stellte sich das vor. Noch intensiver! Bald war sich überhaupt nicht mehr sicher, ob an diesem Gedanken irgendetwas Wahres war. Leicht irritiert, hörte er auf zu träumen.
Verschiedene Sprachen hörte er aus dem Stimmengewirr der einzelnen Gruppen heraus, die um die Tische und am Kiosk standen. Zwischen ihrem Lachen, das sehr häufig eine einzelne Rede unterbrach, tönte zu ihm herüber etwas Vertrautes.
"Alle Sprachen der Welt klingen wie Musik, blende ich das den Wortsinn verstehen einmal aus. Alle Sätze, seien sie mit Bedeutung gesprochen, oder einfach nur so dahergesagt. Sicherlich gibt es auch Musik, die man gedanklich wie eine Sprache lesen kann, aber nur einige Kenner ereifern sich über deren Interpretation."
Es gefiel ihm, zuzuhören, ohne verstehen zu müssen.
"Oh, ich möchte wieder einmal nach Rom reisen! Santa Maria a Trastevere! Sonntags morgens aus offenen Fenstern Bel Canto hören! Dort lebt die Straße die Oper! Dort ist sie nicht eingesperrt in Opernhäuser und bessere Kreise!"
Die vorweihnachtlich gelöste Stimmung im Bistrowagen übertrug sich auf alle Anwesenden. Auch Pepe, der allein an einem Tisch stand, fühlte sich durch freundliche Blicke einbezogen.
"Wer hier unterwegs ist, freut sich bestimmt auf sein Reiseziel. Die meisten haben sicher Monate lang darauf gewartet, endlich von ihrer Arbeit in der Fremde nach Hause fahren zu können, um ihre Familien und Freunde wieder zu treffen. Und ich?
Bin ich über die vielen Jahre, die ich in Deutschland nun lebe, nicht zum Fremden in meiner Heimat Italien geworden? Wer freut sich dort noch auf mich?"
Er leerte sein Glas ohne abzusetzen, um die aufkeimende Melancholie schnell hinunter zu spülen. Gleich winkte aus einer Gruppe herüber ein Arm Pepe an einen anderen Tisch. Er ging zögernd, ob er gemeint sei, mehr in Richtung des Kiosk. Das Gesicht des Winkenden konnte er erst beim Näherkommen erkennen. Auffordernd winkte derjenige nun noch einmal, und da sah Pepe nahe in dunkle, leuchtende Augen. Der junge Mann lachte einladend breit, wodurch seine Goldzähne im Neonlicht blinkten.
In die Runde eingereiht, füllte ihm eine andere Hand sein Glas mit Wodka. Dann schwenkten alle Gläser gegen seins und aus allen Mündern schallte es gleichzeitig laut:
"Nastrovje!"
Im Augenblick hörte es sich an wie das Ticken einer verlangsamten Uhr. Je nachdem, wie viele Kilometer pro Stunde der Zug gerade fuhr. Die monotonen Geräusche erlaubten Pepe zu träumen.
"Nichts Schöneres kann ich mir in diesem Augenblick wünschen als Verlangsamung der Zeit! Bedeutete das etwa nicht, intensiver zu leben?"
Er stellte sich das vor. Noch intensiver! Bald war sich überhaupt nicht mehr sicher, ob an diesem Gedanken irgendetwas Wahres war. Leicht irritiert, hörte er auf zu träumen.
Verschiedene Sprachen hörte er aus dem Stimmengewirr der einzelnen Gruppen heraus, die um die Tische und am Kiosk standen. Zwischen ihrem Lachen, das sehr häufig eine einzelne Rede unterbrach, tönte zu ihm herüber etwas Vertrautes.
"Alle Sprachen der Welt klingen wie Musik, blende ich das den Wortsinn verstehen einmal aus. Alle Sätze, seien sie mit Bedeutung gesprochen, oder einfach nur so dahergesagt. Sicherlich gibt es auch Musik, die man gedanklich wie eine Sprache lesen kann, aber nur einige Kenner ereifern sich über deren Interpretation."
Es gefiel ihm, zuzuhören, ohne verstehen zu müssen.
"Oh, ich möchte wieder einmal nach Rom reisen! Santa Maria a Trastevere! Sonntags morgens aus offenen Fenstern Bel Canto hören! Dort lebt die Straße die Oper! Dort ist sie nicht eingesperrt in Opernhäuser und bessere Kreise!"
Die vorweihnachtlich gelöste Stimmung im Bistrowagen übertrug sich auf alle Anwesenden. Auch Pepe, der allein an einem Tisch stand, fühlte sich durch freundliche Blicke einbezogen.
"Wer hier unterwegs ist, freut sich bestimmt auf sein Reiseziel. Die meisten haben sicher Monate lang darauf gewartet, endlich von ihrer Arbeit in der Fremde nach Hause fahren zu können, um ihre Familien und Freunde wieder zu treffen. Und ich?
Bin ich über die vielen Jahre, die ich in Deutschland nun lebe, nicht zum Fremden in meiner Heimat Italien geworden? Wer freut sich dort noch auf mich?"
Er leerte sein Glas ohne abzusetzen, um die aufkeimende Melancholie schnell hinunter zu spülen. Gleich winkte aus einer Gruppe herüber ein Arm Pepe an einen anderen Tisch. Er ging zögernd, ob er gemeint sei, mehr in Richtung des Kiosk. Das Gesicht des Winkenden konnte er erst beim Näherkommen erkennen. Auffordernd winkte derjenige nun noch einmal, und da sah Pepe nahe in dunkle, leuchtende Augen. Der junge Mann lachte einladend breit, wodurch seine Goldzähne im Neonlicht blinkten.
In die Runde eingereiht, füllte ihm eine andere Hand sein Glas mit Wodka. Dann schwenkten alle Gläser gegen seins und aus allen Mündern schallte es gleichzeitig laut:
"Nastrovje!"
Monday, November 21, 2005
Fortsetzung 16
Diesmal konnte sich Pepe für keine der Antworten entscheiden, er schrieb an Sören die SMS:
"Niemals im Leben würde ich eine tiefgekühlte Pizza kaufen! Ich bin Pizzabäcker aus Geschmack und Überzeugung."
Lange musste er nicht auf sein Ergebnis warten. Sören schrieb:
"Ist doch bloß ein Spiel, Mann! Du hast eine durchschnittliche Punktzahl erreicht. Damit bist Du der durchschnittliche Erfolgstyp. Du kannst nicht alles, aber eine Menge erreichen. Eine Empfehlung: keine Angst davor, unangenehm aufzufallen! Das könnte Dir Deinen möglichen Erfolg verderben. Schöne Feiertage, Pepe! Sören."
Pepe steckte sein Handy zurück in die Jackentasche und machte sich auf den Weg zurück durch den Zug.
"Durchschnittlicher Erfolgstyp, so, so! So ein Schwachsinn!"
Vor ihm standen Taschen und Koffer im Gang. Er kletterte halb, halb wurde er gehoben, darüber.
"Scusi, Sorry, Pardon oder Entschuldigung!"
Es hörte sich an wie eine lange Kette von Gebeten, die er zum Himmel schickte.
"Platz dem gefräßigen Imperator," hätte er aus seinem Hungergefühl im Bauch heraus am liebsten lauthals gerufen, aber stattdessen wiederholte er immer wieder mit flötender Stimme nur:
"Scusi, Sorry, Entschuldigung oder Pardon!"
Und die ganze Zeit musste er an die duftenden Leberwurstbrote seiner Mitreisenden im Abteil denken, an dem er nun wie ein Fremder vorüberschlich. Sie sollten nicht unbedingt mitbekommen, dass er in die falsche Richtung geeilt war.
Schließlich, nach dem letzten "Scusi, Sorry, Pardon oder Entschuldigung," öffnete er endlich die Tür zum Bistrowagen des polnischen Zuges.
Die Fahrgeräusche klangen hier stark gedämpft, unter seinen Füßen lag ein alter, fleckiger Teppich. Ihm gegenüber, fast am Ende des gesamten Waggons, befand sich ein Kiosk. Davor, in mehreren Reihen, Bistrotische ohne Sitzgelegenheit. Auf den Tischen kleine Vasen mit Blumengestecken aus Plastik, vor den Fenstern weiße Gardinen. Nahe dem Kiosk lehnten einige Gäste des Bistros.
"Schön, hier möchte ich bleiben. Das hier ist kein ungemütlicher, deutscher Speisewagen. Vielmehr erinnert es mich an meine Mini-Pizzeria. Vino Rosso!"
Pepe fragte schwungvoll nach seinem Lieblingsgetränk, aber der Bistrokellner zuckte nur mit den Schultern. Vino Rosso trank man hier nicht. Dennoch reihte er flink verschiedene Flaschen und Fläschchen alkoholischer und nichtalkoholischer Getränke vor ihm auf. Dann fragte er mit einem breiten Grinsen:
"Dollar or Euro? Very good! Or else?"
Pepe deutete auf eine Flasche Orangensaft und ein kleines Fläschchen Campari, das er sofort ins Augen gefasst hatte. Außerdem nahm er ein Sandwich mit Tomate, Ei und Käse. Dem Kellner hielt er einen Euroschein hin, der seiner Meinung nach mindestens den Wert der Getränke darstellte.
Der Kellner jedoch rechnete mehrmals auf einem kleinen Taschenrechner, wobei er umständlich mit einem Finger die Zahlen eintippte, aber fluchend kam er mehrmals nicht zum passenden Ergebnis.
Nach einigen weiteren Versuchen hielt er Pepe freudestrahlend die Anzeige des Rechners vor Augen, auf der ein Betrag stand, der geringfügig über dem Wert des Geldscheines lag.
Pepe stutzte einige Sekunden, dann ließ er klimpernd Euromünzen auf die Theke des Kiosks fallen, wovon sein Gegenüber gewinnend lächelnd, nur einige wenige nahm, um endlich mit großzügiger Geste zu bedeuten, dass er Pepe den Rest seines eigenen Kleingeldes freundlicherweise schenkte.
"Napoli, Stronzo, ich komme aus Napoli!"
Pepe reichte ihm freudig seine Hand. Solch geschickte kleine Gauner kannte er, ja er mochte sie sogar, fand sie sympathisch. Sie wussten dem Betrogenen ein Gefühl von Herzlichkeit zu schenken, das die Summe ihres kleinen Betruges weit überstieg. Es hatte etwas sehr menschliches, dass die Zahlen nicht stimmten, denn sicherlich würde sein Gegenüber jemandem, dessen Geld vielleicht für ein Getränk nicht ausreichte, auch gern etwas vom Preis erlassen. So wie er selbst es regelmäßig in seiner Pizzeria tat.
"Niemals im Leben würde ich eine tiefgekühlte Pizza kaufen! Ich bin Pizzabäcker aus Geschmack und Überzeugung."
Lange musste er nicht auf sein Ergebnis warten. Sören schrieb:
"Ist doch bloß ein Spiel, Mann! Du hast eine durchschnittliche Punktzahl erreicht. Damit bist Du der durchschnittliche Erfolgstyp. Du kannst nicht alles, aber eine Menge erreichen. Eine Empfehlung: keine Angst davor, unangenehm aufzufallen! Das könnte Dir Deinen möglichen Erfolg verderben. Schöne Feiertage, Pepe! Sören."
Pepe steckte sein Handy zurück in die Jackentasche und machte sich auf den Weg zurück durch den Zug.
"Durchschnittlicher Erfolgstyp, so, so! So ein Schwachsinn!"
Vor ihm standen Taschen und Koffer im Gang. Er kletterte halb, halb wurde er gehoben, darüber.
"Scusi, Sorry, Pardon oder Entschuldigung!"
Es hörte sich an wie eine lange Kette von Gebeten, die er zum Himmel schickte.
"Platz dem gefräßigen Imperator," hätte er aus seinem Hungergefühl im Bauch heraus am liebsten lauthals gerufen, aber stattdessen wiederholte er immer wieder mit flötender Stimme nur:
"Scusi, Sorry, Entschuldigung oder Pardon!"
Und die ganze Zeit musste er an die duftenden Leberwurstbrote seiner Mitreisenden im Abteil denken, an dem er nun wie ein Fremder vorüberschlich. Sie sollten nicht unbedingt mitbekommen, dass er in die falsche Richtung geeilt war.
Schließlich, nach dem letzten "Scusi, Sorry, Pardon oder Entschuldigung," öffnete er endlich die Tür zum Bistrowagen des polnischen Zuges.
Die Fahrgeräusche klangen hier stark gedämpft, unter seinen Füßen lag ein alter, fleckiger Teppich. Ihm gegenüber, fast am Ende des gesamten Waggons, befand sich ein Kiosk. Davor, in mehreren Reihen, Bistrotische ohne Sitzgelegenheit. Auf den Tischen kleine Vasen mit Blumengestecken aus Plastik, vor den Fenstern weiße Gardinen. Nahe dem Kiosk lehnten einige Gäste des Bistros.
"Schön, hier möchte ich bleiben. Das hier ist kein ungemütlicher, deutscher Speisewagen. Vielmehr erinnert es mich an meine Mini-Pizzeria. Vino Rosso!"
Pepe fragte schwungvoll nach seinem Lieblingsgetränk, aber der Bistrokellner zuckte nur mit den Schultern. Vino Rosso trank man hier nicht. Dennoch reihte er flink verschiedene Flaschen und Fläschchen alkoholischer und nichtalkoholischer Getränke vor ihm auf. Dann fragte er mit einem breiten Grinsen:
"Dollar or Euro? Very good! Or else?"
Pepe deutete auf eine Flasche Orangensaft und ein kleines Fläschchen Campari, das er sofort ins Augen gefasst hatte. Außerdem nahm er ein Sandwich mit Tomate, Ei und Käse. Dem Kellner hielt er einen Euroschein hin, der seiner Meinung nach mindestens den Wert der Getränke darstellte.
Der Kellner jedoch rechnete mehrmals auf einem kleinen Taschenrechner, wobei er umständlich mit einem Finger die Zahlen eintippte, aber fluchend kam er mehrmals nicht zum passenden Ergebnis.
Nach einigen weiteren Versuchen hielt er Pepe freudestrahlend die Anzeige des Rechners vor Augen, auf der ein Betrag stand, der geringfügig über dem Wert des Geldscheines lag.
Pepe stutzte einige Sekunden, dann ließ er klimpernd Euromünzen auf die Theke des Kiosks fallen, wovon sein Gegenüber gewinnend lächelnd, nur einige wenige nahm, um endlich mit großzügiger Geste zu bedeuten, dass er Pepe den Rest seines eigenen Kleingeldes freundlicherweise schenkte.
"Napoli, Stronzo, ich komme aus Napoli!"
Pepe reichte ihm freudig seine Hand. Solch geschickte kleine Gauner kannte er, ja er mochte sie sogar, fand sie sympathisch. Sie wussten dem Betrogenen ein Gefühl von Herzlichkeit zu schenken, das die Summe ihres kleinen Betruges weit überstieg. Es hatte etwas sehr menschliches, dass die Zahlen nicht stimmten, denn sicherlich würde sein Gegenüber jemandem, dessen Geld vielleicht für ein Getränk nicht ausreichte, auch gern etwas vom Preis erlassen. So wie er selbst es regelmäßig in seiner Pizzeria tat.
Friday, November 18, 2005
Fortsetzung 15
Pepe überlegte, dann votierte er per SMS für die zweite Antwort. Dazu schrieb er folgenden Text:
"Lieber Sören! Es freut mich sehr, dass es euch gut geht. Ihr werdet bestimmt ein wunderschönes erstes Weihnachtsfest zusammen mit eurer Tochter Sonja haben. Aber jetzt zu deinem Spiel.
Wenn ich einen Laden betrete, einen Supermarkt, einen Megastore, ein Kaufhaus oder eine Handelskette, egal wo, es dauert keine fünf Minuten, dann heftet sich garantiert ein Ladendetektiv an meine Fersen.
Beobachtet mich, sieht mir auf die Finger. Immer! Daher renne ich in die Läden hinein, nehme mir schnell, was ich brauche, und renne damit zur Kasse.
Ja, ich verhalte mich schon etwas auffällig, das gebe ich zu. Aber Schuld daran haben nur diese Ladendetektive. Weil sie mir mit einem grundsätzlichen Misstrauen begegnen und außerdem keinerlei Menschenkenntnis besitzen."
Minuten später erreichte ihn der nächste Text von Sören. Wieder hatte er einige Fragen.
"Danke für die Wünsche, Pepe! Jetzt zum Spiel:
Wenn Du Kleidung für Dich im Kaufhaus einkaufen willst, also Hose, T-Shirt, Jacke oder Schuhe, was du gerade brauchst. Da findest Du auf einmal ein Superschnäppchen. Leider etwas aus der Mode, leider eine Nummer zu groß. Kaufst Du oder kaufst Du ganz sicher nicht?"
Wieder überlegte Pepe, prüfte sich und sendete dann die Antwort.
"Kaufe, na klar, sören! Ich kenne eine fantastische Änderungsschneiderei in Quakenbrück. Die schneidern mir sogar zu kleine Anzüge größer!“
Nun dauerte es eine Weile, bis Sörens nächste Frage sich per Klingelton ankündigte. "Wenn Du vor einer Tiefkühltruhe mit tiefgefrorener Pizza stehst und Du entdeckst unter einem Stapel von Gefrostetem den letzten, einzigen Karton Deiner absoluten Lieblingspizza. Ohne die kannst Du einfach nicht auskommen.
Würdest Du all die frostigen Packungen vor den Augen anderer Kunden gnadenlos umschichten, dich in diese eisige Tiefkühltruhe hineinwühlen? Oder würdest Du aufgeben und eine andere Sorte wählen?"
"Lieber Sören! Es freut mich sehr, dass es euch gut geht. Ihr werdet bestimmt ein wunderschönes erstes Weihnachtsfest zusammen mit eurer Tochter Sonja haben. Aber jetzt zu deinem Spiel.
Wenn ich einen Laden betrete, einen Supermarkt, einen Megastore, ein Kaufhaus oder eine Handelskette, egal wo, es dauert keine fünf Minuten, dann heftet sich garantiert ein Ladendetektiv an meine Fersen.
Beobachtet mich, sieht mir auf die Finger. Immer! Daher renne ich in die Läden hinein, nehme mir schnell, was ich brauche, und renne damit zur Kasse.
Ja, ich verhalte mich schon etwas auffällig, das gebe ich zu. Aber Schuld daran haben nur diese Ladendetektive. Weil sie mir mit einem grundsätzlichen Misstrauen begegnen und außerdem keinerlei Menschenkenntnis besitzen."
Minuten später erreichte ihn der nächste Text von Sören. Wieder hatte er einige Fragen.
"Danke für die Wünsche, Pepe! Jetzt zum Spiel:
Wenn Du Kleidung für Dich im Kaufhaus einkaufen willst, also Hose, T-Shirt, Jacke oder Schuhe, was du gerade brauchst. Da findest Du auf einmal ein Superschnäppchen. Leider etwas aus der Mode, leider eine Nummer zu groß. Kaufst Du oder kaufst Du ganz sicher nicht?"
Wieder überlegte Pepe, prüfte sich und sendete dann die Antwort.
"Kaufe, na klar, sören! Ich kenne eine fantastische Änderungsschneiderei in Quakenbrück. Die schneidern mir sogar zu kleine Anzüge größer!“
Nun dauerte es eine Weile, bis Sörens nächste Frage sich per Klingelton ankündigte. "Wenn Du vor einer Tiefkühltruhe mit tiefgefrorener Pizza stehst und Du entdeckst unter einem Stapel von Gefrostetem den letzten, einzigen Karton Deiner absoluten Lieblingspizza. Ohne die kannst Du einfach nicht auskommen.
Würdest Du all die frostigen Packungen vor den Augen anderer Kunden gnadenlos umschichten, dich in diese eisige Tiefkühltruhe hineinwühlen? Oder würdest Du aufgeben und eine andere Sorte wählen?"
Wednesday, November 16, 2005
Fortsetzung 14
Pepe wollte zum Speisewagen. Nachdem er sich in dem mittlerweile vollbesetzten Zug mühsam durch die schmalen Gänge gedrängelt hatte, musste er sich, als er die Rückseite der Lok durch ein Türfenster sah, schließlich etwas eingestehen: er hatte sich spontan für die falsche Richtung entschieden. Nun befand er sich im ersten Waggon des Zuges, und der Speisewagen war wohl ganz am anderen Ende. Einen Moment lang starrte er zornig hinaus auf die mit Flugdreck verkrustete Rückseite der Maschine. Ein gelbes Blatt klebte an einem Klümpchen Lehmerde in einer Lüftungsrippe der Lokomotive und flatterte im Zugwind.
"So ein Mist! Noch einmal den selben anstrengenden Weg zurück! Zum Haare ausrupfen! Konnte ich nicht vorher jemanden fragen? Aber nein, meine dusselige Schüchternheit lässt mich einfach nicht spontan auf jemanden zugehen. Die kostet mich eines Tages noch meine letzten Nerven!"
Schüchtern war er immer nur am Anfang einer Begegnung, dann eigentlich nur noch das Gegenteil. Jetzt war er allein mit sich und konnte ungestört lauthals über sich selbst schimpfen. Niemand würde es hören, denn die Lok machte draußen einen Höllenlärm. Wenn er mit sich unzufrieden war, konnte Pepe von unbändigem Zorn über eigene Unzulänglichkeiten erfasst werden, so dass er schon einmal aus Wut einen Aschenbecher in die Fensterscheibe seiner Pizzeria geschleudert hatte.
Dabei waren drei komplette Tageseinnahmen für den Glaser draufgegangen, und er hatte sich bei allen Heiligen geschworen, auch wenn er seinen Zorn nicht als eine Todsünde verstand: nie mehr dulde ich von mir solch einen verheerenden Zornesausbruch!
"Manchmal komme ich mir in meinen eigenen Augen sonderbar vor. Zuerst bin ich schüchtern, dann rede ich auf mir vollkommen fremde Leute ohne Punkt und Komma ein. Ist das nicht peinlich? Warum gibt es in meinem Leben keinen Menschen, der sich so intensiv für mich interessiert, dass ich ihm alles erzählen kann, was mich bewegt?"
Ein kalter Luftzug drang durch die verschlossene Tür des Waggons hinter der Lok. Pepe barg seine Hände in seinen Jackentaschen. In der einen fand er sein Handy, in der anderen Kaugummi. Eines schob er sich zur Beschäftigung in den Mund. Auf dem Display seines Handys blinkte eine SMS-Nachricht.
"Prima, ich habe eine Nachricht bekommen, oder vielleicht sogar mehrere. Es gibt Leute, die denken an mich!"
Seine Laune besserte sich sofort. Der Weg zurück durch die mit Reisenden besetzten Gänge des Zuges schien ihm aufschiebbar, obwohl er inzwischen neben dem Durst auch ein merkliches Hungergefühl in der Magengegend verspürte. Lieber kurze Nachrichten aus der Vergangenheit empfangen. Eine SMS Nachricht zu erhalten ist immer spannend.
Er klickte auf seinem Handy ein paar Tasten und las auf dem Minibildschirm seines Handys.
"Lieber Pepe, wir vermissen Dich sehr. Sonja schreit leider sehr viel. Ich frage mich, warum? Sören ist süß, wenn er sie auf dem Arm hält. Wir denken an Dich! Allerliebste Grüße, Lena."
Das war nur die erste Nachricht, denn es gab noch weitere. "Mach mit beim Wettbewerb, denn Erfolg ist eine Frage des Typs. Welcher Typ bist Du? Beantworte folgende drei Fragen!" Das war eine SMS von Sören, er liebte solche Spiele. Pepe freute sich nicht übermäßig, las aber weiter.
"Wenn Du im Supermarkt Lebensmittel einkaufst, welcher Typ bist Du? Zwei Möglichkeiten zur Auswahl. Erstens: Du nimmst Waren immer von vorn aus dem Regal, egal, welches Haltbarkeitsdatum, oder zweitens, Du wühlst Dich solange durch das Regal, bis du von allen das jüngste Verfallsdatum, also die größte Haltbarkeit erwischst?"
"So ein Mist! Noch einmal den selben anstrengenden Weg zurück! Zum Haare ausrupfen! Konnte ich nicht vorher jemanden fragen? Aber nein, meine dusselige Schüchternheit lässt mich einfach nicht spontan auf jemanden zugehen. Die kostet mich eines Tages noch meine letzten Nerven!"
Schüchtern war er immer nur am Anfang einer Begegnung, dann eigentlich nur noch das Gegenteil. Jetzt war er allein mit sich und konnte ungestört lauthals über sich selbst schimpfen. Niemand würde es hören, denn die Lok machte draußen einen Höllenlärm. Wenn er mit sich unzufrieden war, konnte Pepe von unbändigem Zorn über eigene Unzulänglichkeiten erfasst werden, so dass er schon einmal aus Wut einen Aschenbecher in die Fensterscheibe seiner Pizzeria geschleudert hatte.
Dabei waren drei komplette Tageseinnahmen für den Glaser draufgegangen, und er hatte sich bei allen Heiligen geschworen, auch wenn er seinen Zorn nicht als eine Todsünde verstand: nie mehr dulde ich von mir solch einen verheerenden Zornesausbruch!
"Manchmal komme ich mir in meinen eigenen Augen sonderbar vor. Zuerst bin ich schüchtern, dann rede ich auf mir vollkommen fremde Leute ohne Punkt und Komma ein. Ist das nicht peinlich? Warum gibt es in meinem Leben keinen Menschen, der sich so intensiv für mich interessiert, dass ich ihm alles erzählen kann, was mich bewegt?"
Ein kalter Luftzug drang durch die verschlossene Tür des Waggons hinter der Lok. Pepe barg seine Hände in seinen Jackentaschen. In der einen fand er sein Handy, in der anderen Kaugummi. Eines schob er sich zur Beschäftigung in den Mund. Auf dem Display seines Handys blinkte eine SMS-Nachricht.
"Prima, ich habe eine Nachricht bekommen, oder vielleicht sogar mehrere. Es gibt Leute, die denken an mich!"
Seine Laune besserte sich sofort. Der Weg zurück durch die mit Reisenden besetzten Gänge des Zuges schien ihm aufschiebbar, obwohl er inzwischen neben dem Durst auch ein merkliches Hungergefühl in der Magengegend verspürte. Lieber kurze Nachrichten aus der Vergangenheit empfangen. Eine SMS Nachricht zu erhalten ist immer spannend.
Er klickte auf seinem Handy ein paar Tasten und las auf dem Minibildschirm seines Handys.
"Lieber Pepe, wir vermissen Dich sehr. Sonja schreit leider sehr viel. Ich frage mich, warum? Sören ist süß, wenn er sie auf dem Arm hält. Wir denken an Dich! Allerliebste Grüße, Lena."
Das war nur die erste Nachricht, denn es gab noch weitere. "Mach mit beim Wettbewerb, denn Erfolg ist eine Frage des Typs. Welcher Typ bist Du? Beantworte folgende drei Fragen!" Das war eine SMS von Sören, er liebte solche Spiele. Pepe freute sich nicht übermäßig, las aber weiter.
"Wenn Du im Supermarkt Lebensmittel einkaufst, welcher Typ bist Du? Zwei Möglichkeiten zur Auswahl. Erstens: Du nimmst Waren immer von vorn aus dem Regal, egal, welches Haltbarkeitsdatum, oder zweitens, Du wühlst Dich solange durch das Regal, bis du von allen das jüngste Verfallsdatum, also die größte Haltbarkeit erwischst?"
Saturday, November 12, 2005
Fortsetzung 13
Die Unterhaltung versiegte daraufhin. Alle Insassen des Abteils hörten nur auf die Fahrgeräusche des Zuges, die in ein lautes Zischen übergegangen waren. Der Waggon schlingerte auf den Schienen, bei hoher Geschwindigkeit.
Pepe dachte an seine letzte Reise, in einem Großraumwagen, und an diese Art von Schweigen, die ihn dort befiel. Es ist wie ein Theater, in dem Publikum sitzt, aber die Vorstellung wird niemals beginnen.
"Manche beruhigt Anonymität, mich nicht."
Hatte er leise für sich geredet? Egal! Die Meinung eines Hühnerzüchters kam ihm in den Sinn. Der hatte sich geweigert, seine Legebatterien in eine Zucht auf Basis Bodenhaltung zu verändern. Gleich hörte er seine schneidende Stimme.
"Hühner fühlen sich doch wohl in ihren Einzelkäfigen, die schützen sie vor der natürlichen Hackordnung innerhalb der Hühnergesellschaft. In Einzelkäfigen legen sie auf jeden Fall mehr Eier."
Pepe riskierte einen heimlichen Seitenblick auf die ältere Dame, die er gerade im Profil sah.
"Sie sieht aus wie ein Huhn, oh, tatsächlich! So vom Hals her, wie ein Huhn. Nur ihr Goldschmuck macht sie zum menschlichen Wesen. Ansonsten, auch ihre Haltung, nein wirklich, wie ein Huhn."
Dann schaute er aus den Augenwinkeln auf Maria. Ihre blonden Haare fielen wie ein Helm um ihren Kopf. In ihrem blassen Gesicht funkelten ihre grünen Augen, blitzten so schön wie helle Smaragde.
Sie blätterte gerade nach ihrem Lesezeichen im Buch, schien unentschlossen, ob sie sich ihrer Lektüre wieder zuwenden sollte.
"Vielleicht ist ihr im Grunde genommen alles egal? Hauptsache, irgendwer oder irgendwas unterhält sie?"
Pepe fühlte in seinem Magen den Alkohol vom vergangenen Abend, als er in Berlin mit einem guten Freund Wiedersehen gefeiert hatte.
"Immer wird viel getrunken in Berlin, wenn wir uns einmal im Jahr wiedertreffen. Ich brauche jetzt unbedingt ein Glas Wasser."
Er verließ ohne ein Wort das Abteil.
Pepe dachte an seine letzte Reise, in einem Großraumwagen, und an diese Art von Schweigen, die ihn dort befiel. Es ist wie ein Theater, in dem Publikum sitzt, aber die Vorstellung wird niemals beginnen.
"Manche beruhigt Anonymität, mich nicht."
Hatte er leise für sich geredet? Egal! Die Meinung eines Hühnerzüchters kam ihm in den Sinn. Der hatte sich geweigert, seine Legebatterien in eine Zucht auf Basis Bodenhaltung zu verändern. Gleich hörte er seine schneidende Stimme.
"Hühner fühlen sich doch wohl in ihren Einzelkäfigen, die schützen sie vor der natürlichen Hackordnung innerhalb der Hühnergesellschaft. In Einzelkäfigen legen sie auf jeden Fall mehr Eier."
Pepe riskierte einen heimlichen Seitenblick auf die ältere Dame, die er gerade im Profil sah.
"Sie sieht aus wie ein Huhn, oh, tatsächlich! So vom Hals her, wie ein Huhn. Nur ihr Goldschmuck macht sie zum menschlichen Wesen. Ansonsten, auch ihre Haltung, nein wirklich, wie ein Huhn."
Dann schaute er aus den Augenwinkeln auf Maria. Ihre blonden Haare fielen wie ein Helm um ihren Kopf. In ihrem blassen Gesicht funkelten ihre grünen Augen, blitzten so schön wie helle Smaragde.
Sie blätterte gerade nach ihrem Lesezeichen im Buch, schien unentschlossen, ob sie sich ihrer Lektüre wieder zuwenden sollte.
"Vielleicht ist ihr im Grunde genommen alles egal? Hauptsache, irgendwer oder irgendwas unterhält sie?"
Pepe fühlte in seinem Magen den Alkohol vom vergangenen Abend, als er in Berlin mit einem guten Freund Wiedersehen gefeiert hatte.
"Immer wird viel getrunken in Berlin, wenn wir uns einmal im Jahr wiedertreffen. Ich brauche jetzt unbedingt ein Glas Wasser."
Er verließ ohne ein Wort das Abteil.
Friday, November 11, 2005
Fortsetzung 12
Marias Lachreiz hatte aufgehört. Alles Lächerliche an der Geschichte war ihr vergangen.
Nachdenklich betrachtete sie Pepe. Sein rundliches Gesicht, seine halblangen, schwarzen, am Stirnansatz licht werdenden Haare, und seine kleinen, kräftigen Hände mit feinen, dunklen Härchen auf den Handrücken.
"Ich kann es mir vorstellen. Habe solche Angst selbst erlebt. Manchmal streift uns ein Gedanke an die Vergänglichkeit unseres Lebens. Der bereichert möglicherweise unser Bewusstsein, verfeinert unser Empfinden. Aber zuerst lähmt uns diese Angst. Manche lähmt sie Zeit ihres Lebens."
Pepe nickte.
"Zumal ein so junger Mensch wie Lena noch viel weniger Situationen erlebt haben konnte, um ihre Lage damit zu vergleichen."
"Sie schweifen wieder ab, Pepe," lachte Maria. "Meine Schuld, ich hatte Sie wieder unterbrochen."
Pepe fühlte sich geschmeichelt, das Interesse einer Studentin geweckt zu haben.
"Wieviel Lena in diesen Wochen erleiden musste, kann ich mir trotzdem kaum vorstellen. Sogar an Selbstmord hatte sie gedacht, erzählte sie später. Wenn ich das damals gewusst hätte! Oder einer ihrer Freunde, ihre Eltern, Geschwister oder ihre Großmutter, zu der sie eine liebevolle Beziehung hat.
Jeder hätte ihr geholfen, da bin ich ganz sicher. Aber den ersten Schritt, sich jemandem anzuvertrauen, muss leider jeder selbst tun, auch wenn es manchmal verdammt schwer fällt! Sie traute sich einfach nicht und deshalb wurde das Gewicht ihres Geheimnisses schwerer und schwerer."
Maria schaute ihn aus zusammengekniffenen Augen an.
"Eine Frage beschäftigt mich. Ihr Interesse für diese Jugendlichen, woher kommt das?"
"Ganz einfach. Jeden Tag warte ich genauso ungeduldig wie die Schüler darauf, dass die Schule aus ist. Dann erscheinen nämlich einige von ihnen in meiner Pizzeria. Es ist schlicht mein Geschäft, dass viele Schüler nach dem Unterricht nicht nach Hause gehen. Dafür gibt es viele Gründe. Auf jeden Fall haben sie Hunger. Und woanders müssten sie viel mehr Geld für ein Essen ausgeben, als bei mir. Also kommen diejenigen, die wenig Geld haben. Da macht mir meine Arbeit viel Spaß. Wenn man zu tun hat, merkt man nicht, wie die Zeit vergeht."
Pepe überlegte, dann seufzte er leise.
"Ja, wie die Zeit vergeht. Man nimmt teil am Leben der anderen und vergisst darüber seine eigenen Wünsche. Ob ich immer allein reisen werde?"
"Nein," hauchte Maria, dann mit einem weichen Schimmer um ihre grünen Augen, "welch eine komplizierte philosophische Frage."
"Eigentlich genieße ich dieses Gefühl von Freiheit. Letztes Jahr um die Weihnachtszeit fuhr ich ebenfalls mit der Bahn nach Neapel, nahm aber die Strecke über München. Während der gesamten Fahrt saß ich in einem Großraumwagen. Schweigend, weil die Sitzordnung kein Gespräch zuließ."
Die ältere Dame lächelte entspannt.
"Die Leute wollen es so."
Nachdenklich betrachtete sie Pepe. Sein rundliches Gesicht, seine halblangen, schwarzen, am Stirnansatz licht werdenden Haare, und seine kleinen, kräftigen Hände mit feinen, dunklen Härchen auf den Handrücken.
"Ich kann es mir vorstellen. Habe solche Angst selbst erlebt. Manchmal streift uns ein Gedanke an die Vergänglichkeit unseres Lebens. Der bereichert möglicherweise unser Bewusstsein, verfeinert unser Empfinden. Aber zuerst lähmt uns diese Angst. Manche lähmt sie Zeit ihres Lebens."
Pepe nickte.
"Zumal ein so junger Mensch wie Lena noch viel weniger Situationen erlebt haben konnte, um ihre Lage damit zu vergleichen."
"Sie schweifen wieder ab, Pepe," lachte Maria. "Meine Schuld, ich hatte Sie wieder unterbrochen."
Pepe fühlte sich geschmeichelt, das Interesse einer Studentin geweckt zu haben.
"Wieviel Lena in diesen Wochen erleiden musste, kann ich mir trotzdem kaum vorstellen. Sogar an Selbstmord hatte sie gedacht, erzählte sie später. Wenn ich das damals gewusst hätte! Oder einer ihrer Freunde, ihre Eltern, Geschwister oder ihre Großmutter, zu der sie eine liebevolle Beziehung hat.
Jeder hätte ihr geholfen, da bin ich ganz sicher. Aber den ersten Schritt, sich jemandem anzuvertrauen, muss leider jeder selbst tun, auch wenn es manchmal verdammt schwer fällt! Sie traute sich einfach nicht und deshalb wurde das Gewicht ihres Geheimnisses schwerer und schwerer."
Maria schaute ihn aus zusammengekniffenen Augen an.
"Eine Frage beschäftigt mich. Ihr Interesse für diese Jugendlichen, woher kommt das?"
"Ganz einfach. Jeden Tag warte ich genauso ungeduldig wie die Schüler darauf, dass die Schule aus ist. Dann erscheinen nämlich einige von ihnen in meiner Pizzeria. Es ist schlicht mein Geschäft, dass viele Schüler nach dem Unterricht nicht nach Hause gehen. Dafür gibt es viele Gründe. Auf jeden Fall haben sie Hunger. Und woanders müssten sie viel mehr Geld für ein Essen ausgeben, als bei mir. Also kommen diejenigen, die wenig Geld haben. Da macht mir meine Arbeit viel Spaß. Wenn man zu tun hat, merkt man nicht, wie die Zeit vergeht."
Pepe überlegte, dann seufzte er leise.
"Ja, wie die Zeit vergeht. Man nimmt teil am Leben der anderen und vergisst darüber seine eigenen Wünsche. Ob ich immer allein reisen werde?"
"Nein," hauchte Maria, dann mit einem weichen Schimmer um ihre grünen Augen, "welch eine komplizierte philosophische Frage."
"Eigentlich genieße ich dieses Gefühl von Freiheit. Letztes Jahr um die Weihnachtszeit fuhr ich ebenfalls mit der Bahn nach Neapel, nahm aber die Strecke über München. Während der gesamten Fahrt saß ich in einem Großraumwagen. Schweigend, weil die Sitzordnung kein Gespräch zuließ."
Die ältere Dame lächelte entspannt.
"Die Leute wollen es so."
Friday, November 04, 2005
Fortsetzung 11
"Wenn Sie es nicht nötig haben, dass man Ihnen hilft," gnatzte die ältere Dame, "dann verzichten Sie eben auf Ihr Ferienhäuschen in Italien. Ein Geheimtipp für Sie, aber bitte, wir sind ja hier nicht auf dem Markt."
Sie ärgerte sich wohl, dass er ihr Angebot ignorierte.
"Das erste Problem ist, dass wir zu bequem sind, uns in die Lage anderer zu versetzen. Stellen Sie sich einmal vor, Sie wären erst fünfzehn Jahre, und haben vielleicht in einer Jugendzeitschrift über irgendwelche Krankheiten gelesen. Und eines Tages stellen Sie fest, dass sich Ihr Körper plötzlich verändert. Sie sind geschockt, natürlich denken Sie an das Schlimmste. Krebs, oder eine andere Krankheit, auf jeden Fall unheilbar. Nachts wachen Sie schweißgebadet auf, weil Sie von Ihrer eigenen Beerdigung geträumt haben. Schließlich gehen Sie doch zu einem Arzt. Dort sitzen Sie dann im Wartezimmer, in Erwartung Ihres Todesurteils, und als der Arzt Sie schließlich untersucht hat und bedeutungsvoll anschaut, sich räuspert, dann beten Sie innerlich. Ja, vielleicht beten Sie dann sogar wirklich inniglich zu Gott, dem Allmächtigen, dass er Sie bitte dieses eine mal noch rette und Ihnen verzeihe, dass sie so lange keinen Gottesdienst besucht haben!"
Pepe war halb von seinem Sitz aufgestanden, die ältere Dame schaute betroffen und Maria versuchte halbwegs erfolgreich, Erschütterungen ihres Zwerchfells zu unterdrücken.
"Weiter, bitte erzählen Sie," brachte sie mühsam, gerade noch ohne zu kichern, heraus.
Pepe sog hörbar Luft durch die Nase ein und plumpste wieder auf seinen Sitz.
"Schreckliche Krankheiten gibt es, das machen wir uns tagtäglich viel zu wenig bewusst. Die kleine Lena wusste natürlich, was sich mit ihr und ihrem Freund Sören abgespielt hatte, aber so richtig wusste sie es noch nicht, denn sie war ja erst fünfzehn. Er schon eher, denn ein Jahr älter ist er, arbeitet als Auszubildender in der Fahrradfabrik."
"Wir wissen es jetzt," unterbrach die ältere Dame.
"Es klingt vielleicht seltsam, aber Lena hoffte, ja sie betete innerlich, dass der Grund für die Veränderungen in ihrem Körper eher ein gutartiger Tumor, eine Zyste etwa, als eine Schwangerschaft sei. Und manchmal war sie sich sogar ganz sicher, es wäre gar nichts verändert an ihr, alles nur Einbildung und grundlose Furcht. Dann blühte sie innerlich auf, kam gutgelaunt in meine Pizzeria und redete und lachte wie all die anderen aus ihrer Clique.
Aber am darauffolgenden Tag zweifelte sie wieder, mied möglichst jede Gesellschaft und verzehrte, sich verbergend, ihre Extraportionen Pizza. Sichtbar ging es auf und ab mit ihren Stimmungen. Ich litt inzwischen schon mit, wenn ich sie wieder einmal bedrückt sah. Sie hoffte wohl lange, dass sich ihre Sorgen als unbegründet herausstellen würden, ja vielleicht betrog sie sich sogar selbst mit Illusionen, denn als sie schließlich zu einem Arzt ihres Vertrauens ging und seine Diagnose erfuhr, war es bereits zu spät für eine Entscheidung. Sie war schwanger und würde ihr Kind bekommen."
Sie ärgerte sich wohl, dass er ihr Angebot ignorierte.
"Das erste Problem ist, dass wir zu bequem sind, uns in die Lage anderer zu versetzen. Stellen Sie sich einmal vor, Sie wären erst fünfzehn Jahre, und haben vielleicht in einer Jugendzeitschrift über irgendwelche Krankheiten gelesen. Und eines Tages stellen Sie fest, dass sich Ihr Körper plötzlich verändert. Sie sind geschockt, natürlich denken Sie an das Schlimmste. Krebs, oder eine andere Krankheit, auf jeden Fall unheilbar. Nachts wachen Sie schweißgebadet auf, weil Sie von Ihrer eigenen Beerdigung geträumt haben. Schließlich gehen Sie doch zu einem Arzt. Dort sitzen Sie dann im Wartezimmer, in Erwartung Ihres Todesurteils, und als der Arzt Sie schließlich untersucht hat und bedeutungsvoll anschaut, sich räuspert, dann beten Sie innerlich. Ja, vielleicht beten Sie dann sogar wirklich inniglich zu Gott, dem Allmächtigen, dass er Sie bitte dieses eine mal noch rette und Ihnen verzeihe, dass sie so lange keinen Gottesdienst besucht haben!"
Pepe war halb von seinem Sitz aufgestanden, die ältere Dame schaute betroffen und Maria versuchte halbwegs erfolgreich, Erschütterungen ihres Zwerchfells zu unterdrücken.
"Weiter, bitte erzählen Sie," brachte sie mühsam, gerade noch ohne zu kichern, heraus.
Pepe sog hörbar Luft durch die Nase ein und plumpste wieder auf seinen Sitz.
"Schreckliche Krankheiten gibt es, das machen wir uns tagtäglich viel zu wenig bewusst. Die kleine Lena wusste natürlich, was sich mit ihr und ihrem Freund Sören abgespielt hatte, aber so richtig wusste sie es noch nicht, denn sie war ja erst fünfzehn. Er schon eher, denn ein Jahr älter ist er, arbeitet als Auszubildender in der Fahrradfabrik."
"Wir wissen es jetzt," unterbrach die ältere Dame.
"Es klingt vielleicht seltsam, aber Lena hoffte, ja sie betete innerlich, dass der Grund für die Veränderungen in ihrem Körper eher ein gutartiger Tumor, eine Zyste etwa, als eine Schwangerschaft sei. Und manchmal war sie sich sogar ganz sicher, es wäre gar nichts verändert an ihr, alles nur Einbildung und grundlose Furcht. Dann blühte sie innerlich auf, kam gutgelaunt in meine Pizzeria und redete und lachte wie all die anderen aus ihrer Clique.
Aber am darauffolgenden Tag zweifelte sie wieder, mied möglichst jede Gesellschaft und verzehrte, sich verbergend, ihre Extraportionen Pizza. Sichtbar ging es auf und ab mit ihren Stimmungen. Ich litt inzwischen schon mit, wenn ich sie wieder einmal bedrückt sah. Sie hoffte wohl lange, dass sich ihre Sorgen als unbegründet herausstellen würden, ja vielleicht betrog sie sich sogar selbst mit Illusionen, denn als sie schließlich zu einem Arzt ihres Vertrauens ging und seine Diagnose erfuhr, war es bereits zu spät für eine Entscheidung. Sie war schwanger und würde ihr Kind bekommen."
Thursday, November 03, 2005
Fortsetzung 10
"Vielleicht sollten Sie es besser dabei belassen? Sie machen die junge Frau noch nervös. Denken Sie lieber darüber nach, wie Sie ihre Rente bekommen. Meine Generation hat ja noch genügend Kinder zur Welt gebracht."
Pepe wischte ihren Einwand aus seinem Gesicht wie eine lästige Fliege.
"Sie haben wohl recht mit ihrer Meinung, dass das Schönste, was wir erleben, kaum so in Worte zu fassen ist, dass andere unsere Gefühle nachempfinden können. Daher stochern wir vergeblich im Wortsalat, schweifen ab oder kreisen unendlich um das Eigentliche herum. Aber wenn es uns trotzdem einmal gelingt, die angemessene Übersetzung zu finden, dann erreichen wir den glücklichen Zustand, dass andere unsere Empfindungen teilen. Geteiltes Glück ist dann doppelt schön, und geteiltes Leid nur halb so schwer.
Daher, gnädige Frau, versuche ich immer wieder alles in Worte zu fassen, was mich glücklich oder traurig macht. Und manchmal gelingt es mir sogar, wenn auch nicht immer."
Maria klatschte spontan Beifall, während die ältere Dame ihren Kopf bedächtig zur Seite neigte, als ob sie seinen Worten noch einmal lauschen müsste, um zu begreifen, was er gemeint hatte. Pepe aber fühlte sich durch Marias Beifall bestätigt.
"Man hört viele Bedenken und Einwände gegen das Kinderkriegen, und manche kann ich verstehen. Auch ich mache mir Sorgen, wenn ich zum Beispiel an die Folgen unserer Lebensweise denke. Beinahe täglich erfährt man von Zerstörungen der Natur, Klimaveränderung, von Katastrophen, Kriegen, Habgier und Mord.
Ist es etwa nicht eine sehr traurige Tatsache, dass heute jeder, sogar mit berechtigten Argumenten, einwenden kann, dass in diese von Menschen angegriffene Welt keine Kinder geboren werden sollten?
Mir wird schwindelig vor so viel Verantwortung! Dann fällt es mir schwer, noch an unsere gewohnte Lebensweise zu glauben. Einen Sinn darin zu sehen, Blech für Blech Pizza zu backen, damit andere jeden Tag satt werden. Die ganze Sache wünsche ich mir gelegentlich lieber umgekehrt!
Zum Beispiel, dass ich im schönen Apulien auf der Veranda meines eigenen Ferienhäuschens die Sonne genieße, nebenbei telefoniere und dann, Hokuspokus, gleich werden mir knusprige Pizza, dunkelroter Wein und süßes Obst serviert. Ja, ich hätte nichts dagegen, wenn andere für mich arbeiteten. Ein Traum ist doch nicht verwerflich, oder? Wir Menschen sind gerne mal faul und bequem, und möchten die Sonne genießen, den Wein und, naja, was man sich so denken kann.
Ja, nein, vielleicht doch, doch wenn ich es mir genau überlege, ist es das. Genau das! Jeder sollte eine Arbeit haben, zufrieden sein und von deren Ertrag ein gutes Auskommen haben. Das wäre ideal. Lleider ist es so nicht. Die Menschen sind lieber egoistisch, spotten und lästern gern über andere, gönnen sich gegenseitig nichts und suchen, anstatt zu teilen, nur ihren Vorteil.
Und daher muss ich, um selbst nicht zu kurz zu kommen, an mich denken!"
"Da treffen Sie den Nagel auf den Kopf," grinste die ältere Dame, "ganz meine Meinung. Ich kenne jede Menge Tipps für eine renditereiche Geldanlage. Möchten Sie welche hören?"
Pepe zeigte sich überrascht von dem Beifall aus ihrer Ecke, aber er ging nicht auf sie ein.
"Kurze Rede, langer Sinn, ich habe in den letzten Monaten meine Zeit damit verbracht, der fünfzehnjährigen Lena, von der ich erzählte, aus der Klemme zu helfen. Und ich bereue es nicht, denn Schwierigkeiten zu überwinden, anderen zu helfen, macht nicht selten richtig viel Spaß."
Pepe wischte ihren Einwand aus seinem Gesicht wie eine lästige Fliege.
"Sie haben wohl recht mit ihrer Meinung, dass das Schönste, was wir erleben, kaum so in Worte zu fassen ist, dass andere unsere Gefühle nachempfinden können. Daher stochern wir vergeblich im Wortsalat, schweifen ab oder kreisen unendlich um das Eigentliche herum. Aber wenn es uns trotzdem einmal gelingt, die angemessene Übersetzung zu finden, dann erreichen wir den glücklichen Zustand, dass andere unsere Empfindungen teilen. Geteiltes Glück ist dann doppelt schön, und geteiltes Leid nur halb so schwer.
Daher, gnädige Frau, versuche ich immer wieder alles in Worte zu fassen, was mich glücklich oder traurig macht. Und manchmal gelingt es mir sogar, wenn auch nicht immer."
Maria klatschte spontan Beifall, während die ältere Dame ihren Kopf bedächtig zur Seite neigte, als ob sie seinen Worten noch einmal lauschen müsste, um zu begreifen, was er gemeint hatte. Pepe aber fühlte sich durch Marias Beifall bestätigt.
"Man hört viele Bedenken und Einwände gegen das Kinderkriegen, und manche kann ich verstehen. Auch ich mache mir Sorgen, wenn ich zum Beispiel an die Folgen unserer Lebensweise denke. Beinahe täglich erfährt man von Zerstörungen der Natur, Klimaveränderung, von Katastrophen, Kriegen, Habgier und Mord.
Ist es etwa nicht eine sehr traurige Tatsache, dass heute jeder, sogar mit berechtigten Argumenten, einwenden kann, dass in diese von Menschen angegriffene Welt keine Kinder geboren werden sollten?
Mir wird schwindelig vor so viel Verantwortung! Dann fällt es mir schwer, noch an unsere gewohnte Lebensweise zu glauben. Einen Sinn darin zu sehen, Blech für Blech Pizza zu backen, damit andere jeden Tag satt werden. Die ganze Sache wünsche ich mir gelegentlich lieber umgekehrt!
Zum Beispiel, dass ich im schönen Apulien auf der Veranda meines eigenen Ferienhäuschens die Sonne genieße, nebenbei telefoniere und dann, Hokuspokus, gleich werden mir knusprige Pizza, dunkelroter Wein und süßes Obst serviert. Ja, ich hätte nichts dagegen, wenn andere für mich arbeiteten. Ein Traum ist doch nicht verwerflich, oder? Wir Menschen sind gerne mal faul und bequem, und möchten die Sonne genießen, den Wein und, naja, was man sich so denken kann.
Ja, nein, vielleicht doch, doch wenn ich es mir genau überlege, ist es das. Genau das! Jeder sollte eine Arbeit haben, zufrieden sein und von deren Ertrag ein gutes Auskommen haben. Das wäre ideal. Lleider ist es so nicht. Die Menschen sind lieber egoistisch, spotten und lästern gern über andere, gönnen sich gegenseitig nichts und suchen, anstatt zu teilen, nur ihren Vorteil.
Und daher muss ich, um selbst nicht zu kurz zu kommen, an mich denken!"
"Da treffen Sie den Nagel auf den Kopf," grinste die ältere Dame, "ganz meine Meinung. Ich kenne jede Menge Tipps für eine renditereiche Geldanlage. Möchten Sie welche hören?"
Pepe zeigte sich überrascht von dem Beifall aus ihrer Ecke, aber er ging nicht auf sie ein.
"Kurze Rede, langer Sinn, ich habe in den letzten Monaten meine Zeit damit verbracht, der fünfzehnjährigen Lena, von der ich erzählte, aus der Klemme zu helfen. Und ich bereue es nicht, denn Schwierigkeiten zu überwinden, anderen zu helfen, macht nicht selten richtig viel Spaß."
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