"Auch wenn unser Zug anhält, sind wir dennoch weiter unterwegs. Entweder in der Bewegung, auf jeden Fall aber in der Zeit."
Pepes Gesten waren wieder umfangreicher geworden, einzelnen Instrumenten seines imaginären Orchesters gab er durch Handbewegungen Zeichen.
"Welch kluge und hübsche Frau diese Maria ist," kam es ihm zur ungelegenen Zeit in den Sinn.
"Und wenn es geschieht, dass ein Kind, noch ungeboren, das Licht dieser Welt erblicken will, können wir davor unsere Augen verschließen? Geht mich nichts an?"
Seine Stimme hatte im besten italienischen Belcanto einen pathetischen Ton angenommen, seine Rede hörte sich beinahe gesungen an.
"Sie haben doch hoffentlich nichts gegen die Abtreibung?"
Maria sah ihn misstrauisch an.
"Können Sie sich etwa nicht vorstellen, wie viele Frauen durch eine ungewollte Schwangerschaft in Not geraten? Gäbe es die Möglichkeit nicht, frühzeitig über einen Abbruch zu entscheiden, gäbe es viel mehr Elend in der Welt.
Wer muss denn an erster Stelle unter einer sozialen Notlage leiden, etwa die Männer? Meistens wird die Not von oben nach unten durchgereicht, und unten stehen in vielen Gesellschaften Frauen und Kinder, hilflos und ohne Hoffnung! Ein Verbrechen, das durch falsche Politik und weltfremde Traditionen geschieht."
Maria war leicht rot im Gesicht geworden und schaute Pepe herausfordernd an. Von so viel Temperament war er überrascht, wollte etwas entgegnen, aber wusste nicht, was.
"Verstehe."
Er stammelte und zeigte ein leidendes Gesicht.
Maria kicherte plötzlich.
"Verzeihung, ich stecke mit meinen Gedanken noch mitten in meinen Uni-Seminaren. Wir diskutieren sehr oft über die Rolle der Frauen in der Gesellschaft, und da vertrete ich ganz klare Positionen. Die ich natürlich im Zusammenhang von Seminar-diskussionen vehement und vollkommen zu Recht einnehme, aber jetzt habe ich nur ungeschickt ihr Erzählen unterbrochen. Verzeihung!
Das liegt nur daran, weil ich ihren Ansatz missverstanden hatte.
Wollten sie vielleicht nur etwas weiter ausholen? Ja? Bitte vergessen Sie meinen Einwand, legen Sie los!"
Maria lächelte ihn mit einem höchst bezaubernden Lächeln an, so dass er leicht errötete. Aus Verlegenheit lächelte er einfach mit, bis er seine Worte wiederfand. Dieses Auf und Ab ihrer Emotionen hatte er noch nicht ausreichend begriffen.
"Ja, ich neige dazu, manchmal etwas vom Thema abzuschweifen. Es tut mir leid."
Sie gab sich gezielt generös:
"Aber das macht doch nichts, schweifen Sie, schweifen Sie meinetwegen kometenhaft wohin sie wollen, ich folge Ihnen ab jetzt filterlos."
"Also!"
Diesmal begann er, sich nachdenklich räuspernd. Die ältere Dame wendete ihm huldvoll belustigt ihr Gesicht zu, dann traf ihn ihr mitleidiger Blick.
Sunday, October 30, 2005
Thursday, October 27, 2005
Fortsetzung 8
"Literatur- und Theaterwissenschaft."
Beide Begriffe standen buchstäblich wie eine fette Balkenüberschrift in der Zugluft ihres Zugabteils. Pepe wurde unsicher, wusste wenig damit anzufangen.
Die ältere Dame riskierte einen Seitenblick auf Maria und zog ihre Mundwinkel dabei leicht nach unten. Was sie wohl über Maria und die Literatur- und Theaterwissenschaft dachte?
"Wie unsympathisch," dachte Pepe, "vielleicht weiß sie genauso wenig wie ich über Literatur- und Theaterwissenschaft, und versucht nur ihren Mangel an Wissen durch Ablehnung zu überspielen."
"Sehr interessant, solch ein Studium stelle ich mir einmalig aufregend vor. Ich selbst habe unzählige Kriminalromane gelesen, und mich immer gefragt, wie man so etwas schreiben kann."
Marias Augen blitzten ihn schalkhaft an.
"Manche Geschichten werden nach einem immer gleichen Muster erzählt, das mag ich weniger. Ich beschäftige mich am liebsten mit ungewöhnlichen Erzählweisen. Geschichten, die mal auf die eine, mal auf eine andere Weise erzählt werden, ähnlich dem Leben, das zwar meistens gleich, aber bei genauer Betrachtung vielfach verschieden ist. Zur Unterhaltung mag ich auch manchmal Kriminalromane.
Ihre Erzählung von dem Baby der jungen Lena finde ich sogar spannender als dieses Buch eines bekannten Romanciers, den man allerdings nicht kennen muss, das ich gerade lese. Möchten Sie weiter erzählen?"
"Ja, warum nicht? Wir haben ja noch viel Zeit, bis unser Zug Warschau erreicht."
Pepe sah aus, als wollte er im Sitzen ein Orchester dirigieren. Der Zug verringerte erneut sein Tempo, was eine Wirkung zur Folge hatte, als ob alle im Abteil näher zusammen rückten. Pepe senkte automatisch seine Stimme.
"Auf einer Reise unter widrigen Umständen wird ein Kind geboren. Stopp!"
Die ältere Dame seufzte leise.
"Wenn ich noch hinzufüge, in einem Stall, weiß dann nicht beinahe jeder, wie diese Geschichte weitergeht?"
Nun sah sie ihn mit einem traurigen Blick an. Solange, bis es ihr selbst auffiel, dass sie ihn anstarrte. Da drehte sie schnell ihren Kopf wieder weg zum Fenster.
Beide Begriffe standen buchstäblich wie eine fette Balkenüberschrift in der Zugluft ihres Zugabteils. Pepe wurde unsicher, wusste wenig damit anzufangen.
Die ältere Dame riskierte einen Seitenblick auf Maria und zog ihre Mundwinkel dabei leicht nach unten. Was sie wohl über Maria und die Literatur- und Theaterwissenschaft dachte?
"Wie unsympathisch," dachte Pepe, "vielleicht weiß sie genauso wenig wie ich über Literatur- und Theaterwissenschaft, und versucht nur ihren Mangel an Wissen durch Ablehnung zu überspielen."
"Sehr interessant, solch ein Studium stelle ich mir einmalig aufregend vor. Ich selbst habe unzählige Kriminalromane gelesen, und mich immer gefragt, wie man so etwas schreiben kann."
Marias Augen blitzten ihn schalkhaft an.
"Manche Geschichten werden nach einem immer gleichen Muster erzählt, das mag ich weniger. Ich beschäftige mich am liebsten mit ungewöhnlichen Erzählweisen. Geschichten, die mal auf die eine, mal auf eine andere Weise erzählt werden, ähnlich dem Leben, das zwar meistens gleich, aber bei genauer Betrachtung vielfach verschieden ist. Zur Unterhaltung mag ich auch manchmal Kriminalromane.
Ihre Erzählung von dem Baby der jungen Lena finde ich sogar spannender als dieses Buch eines bekannten Romanciers, den man allerdings nicht kennen muss, das ich gerade lese. Möchten Sie weiter erzählen?"
"Ja, warum nicht? Wir haben ja noch viel Zeit, bis unser Zug Warschau erreicht."
Pepe sah aus, als wollte er im Sitzen ein Orchester dirigieren. Der Zug verringerte erneut sein Tempo, was eine Wirkung zur Folge hatte, als ob alle im Abteil näher zusammen rückten. Pepe senkte automatisch seine Stimme.
"Auf einer Reise unter widrigen Umständen wird ein Kind geboren. Stopp!"
Die ältere Dame seufzte leise.
"Wenn ich noch hinzufüge, in einem Stall, weiß dann nicht beinahe jeder, wie diese Geschichte weitergeht?"
Nun sah sie ihn mit einem traurigen Blick an. Solange, bis es ihr selbst auffiel, dass sie ihn anstarrte. Da drehte sie schnell ihren Kopf wieder weg zum Fenster.
Monday, October 24, 2005
Fortsetzung 7
"Erzählen Sie mir bitte weiter von Ihrem Traum. Oder davon, was Sie tatsächlich erlebt haben. Sei es ein Traum oder nicht, ich finde es eine interessante Geschichte. Übrigens, ich heiße Maria."
"Alle nennen mich immer nur Pepe. Ist es nicht verrückt, wie einen die Geschichten verfolgen, die man gerade erlebt hat? Wissen Sie, in solch einer kleinen Stadt wie Quakenbrück geschieht eigentlich meistens gar nicht besonders viel. Daher habe ich genügend Zeit, all die Menschen, die mir immer wieder begegnen, in Ruhe zu beobachten und zu verstehen. Und was glauben Sie, was die meistens hauptsächlich in ihrem Leben tun? Andere beobachten! So ist das. Manchmal habe ich das Gefühl, alle Einwohner von Quakenbrück haben den ganzen Tag lang nichts besseres zu tun, als sich gegenseitig zu beobachten. Und dann reden sie auch noch pausenlos übereinander. Keine Ahnung, wo sie die Zeit dafür hernehmen!"
Maria lachte leise schnurrend zum Fenster, aber die ältere Dame schaute ungerührt hinaus.
"Lachen Sie nicht! Obwohl alle die ich in Quakenbrück kenne sich gegenseitig beobachten, fiel es niemandem auf, dass die kleine Lena schwanger war und dies verbarg. Dass sie sich nicht traute, ihren Eltern, Geschwistern oder Freunden davon zu berichten. Stellen Sie sich vor, niemandem fiel auf, dass sie sich schreckliche Sorgen machte. Nicht einmal ihrem Freund Sören, dem Vater des Kindes. Ist das nicht unfassbar?"
Maria dachte einen Augenblick lang nach.
"Bei uns in Polen, würde ich meinen, glaube ich eher nicht, dass niemand etwas bemerkt hätte. In den Familien verbringt man viel Zeit miteinander. Ich glaube, mehr als in Deutschland. Dort trifft man sich ja höchstens mal zum Essen oder zum Fernsehen. Ich übertreibe jetzt ein bisschen. Natürlich hat das auch positive Seiten. Man orientiert sich eben mehr an seiner Clique, oder beschäftigt sich öfter allein. Das bedeutet mehr Freiheit. Ich selbst weiß nicht so genau, was ich besser finden soll. Es hängt mit vom Alter ab, wieviel Freiheit man haben dürfen sollte. Aber wenn mehr Freiheit mehr Einsamkeit bedeutet?"
Pepe nickte, während die ältere Dame noch angestrengter aus dem Fenster sah als zuvor. Es war offensichtlich, dass sie zugehört hatte. Vielleicht gefiel es ihr nicht, wie Maria über die Deutschen redete. Aber sie hätte ja etwas dagegen einwenden können. So wirkte sie bloß arrogant.
"Mir fiel auf, dass Lena sich verändert hatte. Ich glaube es war ihre Angst, die mir auffiel. Sie kam nicht mehr so oft wie sonst zu ihren Treffen in meine Pizzeria. Aber warum das gerade mir und allen anderen nicht auffiel, weiß ich nicht. Ja, ich erinnere mich, dass ihr Appetit größer geworden war. Oder vielmehr, dass sie vor allen anderen verbarg, dass sie täglich mehr aß. Ich wunderte mich nicht darüber, dass sie statt einer erst zwei, dann drei, und schließlich vier Mini-Pizzas auf einmal bestellte. Aber nach dem Self-Service an der Theke ging sie dann mit dem Tablett zu einem Gratis-Postkartenständer, den eine Werbefirma bei mir installiert hat, und betrachtete dessen Auslage. Wobei sie von ihrer Clique unbemerkt die Pizza hastig verzehrte. Mir fiel es auch erst auf, als es sich wiederholte."
Pepe hatte mit aufgerissenen Augen und ernster Stimme gesprochen, als ginge es um einen Kriminalfall. Maria sah ihn lächelnd an.
"Ja, Angst, das ist ein ernstes Problem. Nachdem ich zum Studium nach Deutschland gekommen war, habe ich bemerkt, wie viele Studenten Angst haben. Angst vor der Zukunft, Angst vor Klausuren, Angst vor Referaten, Angst vor dem Examen und vor dem Alleinsein, also eigentlich Angst vor dem ganzen Leben. Und das versuchen sie durch irgendein auffälliges Verhalten zu überspielen."
"Darf ich fragen, worüber Sie studieren?"
Pepe hatte seine Neugier gegenüber Maria bisher nur mühsam gebremst, nun hatte sie ihm ein passendes Stichwort gegeben.
"Alle nennen mich immer nur Pepe. Ist es nicht verrückt, wie einen die Geschichten verfolgen, die man gerade erlebt hat? Wissen Sie, in solch einer kleinen Stadt wie Quakenbrück geschieht eigentlich meistens gar nicht besonders viel. Daher habe ich genügend Zeit, all die Menschen, die mir immer wieder begegnen, in Ruhe zu beobachten und zu verstehen. Und was glauben Sie, was die meistens hauptsächlich in ihrem Leben tun? Andere beobachten! So ist das. Manchmal habe ich das Gefühl, alle Einwohner von Quakenbrück haben den ganzen Tag lang nichts besseres zu tun, als sich gegenseitig zu beobachten. Und dann reden sie auch noch pausenlos übereinander. Keine Ahnung, wo sie die Zeit dafür hernehmen!"
Maria lachte leise schnurrend zum Fenster, aber die ältere Dame schaute ungerührt hinaus.
"Lachen Sie nicht! Obwohl alle die ich in Quakenbrück kenne sich gegenseitig beobachten, fiel es niemandem auf, dass die kleine Lena schwanger war und dies verbarg. Dass sie sich nicht traute, ihren Eltern, Geschwistern oder Freunden davon zu berichten. Stellen Sie sich vor, niemandem fiel auf, dass sie sich schreckliche Sorgen machte. Nicht einmal ihrem Freund Sören, dem Vater des Kindes. Ist das nicht unfassbar?"
Maria dachte einen Augenblick lang nach.
"Bei uns in Polen, würde ich meinen, glaube ich eher nicht, dass niemand etwas bemerkt hätte. In den Familien verbringt man viel Zeit miteinander. Ich glaube, mehr als in Deutschland. Dort trifft man sich ja höchstens mal zum Essen oder zum Fernsehen. Ich übertreibe jetzt ein bisschen. Natürlich hat das auch positive Seiten. Man orientiert sich eben mehr an seiner Clique, oder beschäftigt sich öfter allein. Das bedeutet mehr Freiheit. Ich selbst weiß nicht so genau, was ich besser finden soll. Es hängt mit vom Alter ab, wieviel Freiheit man haben dürfen sollte. Aber wenn mehr Freiheit mehr Einsamkeit bedeutet?"
Pepe nickte, während die ältere Dame noch angestrengter aus dem Fenster sah als zuvor. Es war offensichtlich, dass sie zugehört hatte. Vielleicht gefiel es ihr nicht, wie Maria über die Deutschen redete. Aber sie hätte ja etwas dagegen einwenden können. So wirkte sie bloß arrogant.
"Mir fiel auf, dass Lena sich verändert hatte. Ich glaube es war ihre Angst, die mir auffiel. Sie kam nicht mehr so oft wie sonst zu ihren Treffen in meine Pizzeria. Aber warum das gerade mir und allen anderen nicht auffiel, weiß ich nicht. Ja, ich erinnere mich, dass ihr Appetit größer geworden war. Oder vielmehr, dass sie vor allen anderen verbarg, dass sie täglich mehr aß. Ich wunderte mich nicht darüber, dass sie statt einer erst zwei, dann drei, und schließlich vier Mini-Pizzas auf einmal bestellte. Aber nach dem Self-Service an der Theke ging sie dann mit dem Tablett zu einem Gratis-Postkartenständer, den eine Werbefirma bei mir installiert hat, und betrachtete dessen Auslage. Wobei sie von ihrer Clique unbemerkt die Pizza hastig verzehrte. Mir fiel es auch erst auf, als es sich wiederholte."
Pepe hatte mit aufgerissenen Augen und ernster Stimme gesprochen, als ginge es um einen Kriminalfall. Maria sah ihn lächelnd an.
"Ja, Angst, das ist ein ernstes Problem. Nachdem ich zum Studium nach Deutschland gekommen war, habe ich bemerkt, wie viele Studenten Angst haben. Angst vor der Zukunft, Angst vor Klausuren, Angst vor Referaten, Angst vor dem Examen und vor dem Alleinsein, also eigentlich Angst vor dem ganzen Leben. Und das versuchen sie durch irgendein auffälliges Verhalten zu überspielen."
"Darf ich fragen, worüber Sie studieren?"
Pepe hatte seine Neugier gegenüber Maria bisher nur mühsam gebremst, nun hatte sie ihm ein passendes Stichwort gegeben.
Tuesday, October 18, 2005
Fortsetzung 6
Der Zug hielt in Frankfurt/Oder. Zoll- und Grenzbeamte stiegen ein und begannen schon vor der deutsch-polnischen Grenze die Ausweisdokumente der Reisenden zu kontrollieren. So konnte Pepe seinen Bericht nicht fortführen.
Die ältere Dame hielt bereits alle Dokumente bereit, während Pepe umständlich in seiner Reisetasche suchte. Nach und nach kramte er seine hübsch eingepackten Weihnachtsgeschenke hervor und legte sie auf die freien Plätze im Abteil. Dabei wurde er immer nervöser, seine Hände begannen zu zittern, und der Grenzbeamte nahm eine beinahe drohende Haltung ein. Schließlich fand er zu seiner Erleichterung in einer Seitentasche endlich seinen Reisepass.
Die junge Frau hatte einen polnischen Pass, Pepe und die ältere Dame einen deutschen.
"Sie sind aber ursprünglich auch kein Deutscher," bemerkte die ältere Dame spitzzüngig, als sie die drei Dokumente sah, die der Beamte routiniert abfertigte.
"Ich stamme aus Neapel, gnädige Frau. Waren Sie schon einmal in Neapel?"
Eilig steckte sie ihren Reisepass wieder in die Handtasche, so als könnte ihn jemand stehlen. Den Reißverschluss zog sie mit einer knappen Bewegung zu.
"In Neapel, ich?" Sie fixierte Pepe mit einem strengen Blick.
"Auf einer meiner Kreuzfahrten durchs Mittelmeer ankerten wir vor der Insel Capri, im Golf von Neapel. An einem Ausflug zur weltberühmten Blauen Grotte habe ich teilgenommen, eine bezaubernde Sehenswürdigkeit. Die allein kann ich von Italien weiter empfehlen. Unsere Reiseleitung warnte uns aber dringend davor, nach Neapel überzusetzen. Sodom und Gomorrha! Die Stadt mit den meisten Taschendieben."
"Camorra, gnädige Frau, Camorra! So nennt sich die neapolitanische Mafia. Und Reiseleiter haben es am liebsten, wenn ihnen ihre Touristen brav folgen, wie eine Schafherde dem Schäfer. Dann führen sie mit ihrem Job ein bequemes Leben."
"Aber doch nicht auf einer Kreuzfahrt," entgegnete sie gräflich herablassend.
"Wie kann ich Ihnen Neapel empfehlen? Venedig ist eine weltberühmte Stadt, aber versinkt, Rom ist das Zentrum der katholischen Welt, aber teuer, Florenz hat die schönsten Museen, aber ist voller Touristen. Besuchen Sie Neapel, denn Neapel ist die Seele Italiens!"
"Sie sagen es, junger Mann. Deshalb werde ich mich hüten, freiwillig in dieses Haifischbecken zu springen."
"Fast hätte ich es vergessen, unser berühmtes Meerwasseraquarium, wo sie Delphine und Haifische hautnah beobachten können. Allein das ist schon eine Reise nach Neapel wert."
Pepe senkte seine Stimme. "Und Taschendiebe gibt es nicht nur dort, sondern in allen großen Städten der Welt. Halten Sie Ihre Handtasche gut fest! Vielleicht gibt es sogar welche hier in diesem Zug. Auf dem Bahnhof in Berlin wurde eine Durchsage gemacht: Vorsicht vor Taschendieben!"
Dieser kleinen Boshaftigkeit konnte Pepe nicht widerstehen. Solche Vorurteile, wie sie sie offenbarte! Welch kleinliches Weltbild. Die junge Frau warf ihm verbündende Blicke zu. Die ältere Dame ärgerte sich, als sie es bemerkte.
"Mir kann man nichts vormachen, junger Mann. Haifische gibt es sicherlich nicht nur in Italien. Ich kenne meine Kundschaft. Überall kenne ich sie."
Von da an blickte sie sich würdevoll gebend aus dem Abteilfenster des Zuges, der inzwischen jenseits der Grenze in Polen durch eine schneebedeckte Landschaft fuhr. Pepe und die junge Frau beachtete sie scheinbar nicht mehr.
Die ältere Dame hielt bereits alle Dokumente bereit, während Pepe umständlich in seiner Reisetasche suchte. Nach und nach kramte er seine hübsch eingepackten Weihnachtsgeschenke hervor und legte sie auf die freien Plätze im Abteil. Dabei wurde er immer nervöser, seine Hände begannen zu zittern, und der Grenzbeamte nahm eine beinahe drohende Haltung ein. Schließlich fand er zu seiner Erleichterung in einer Seitentasche endlich seinen Reisepass.
Die junge Frau hatte einen polnischen Pass, Pepe und die ältere Dame einen deutschen.
"Sie sind aber ursprünglich auch kein Deutscher," bemerkte die ältere Dame spitzzüngig, als sie die drei Dokumente sah, die der Beamte routiniert abfertigte.
"Ich stamme aus Neapel, gnädige Frau. Waren Sie schon einmal in Neapel?"
Eilig steckte sie ihren Reisepass wieder in die Handtasche, so als könnte ihn jemand stehlen. Den Reißverschluss zog sie mit einer knappen Bewegung zu.
"In Neapel, ich?" Sie fixierte Pepe mit einem strengen Blick.
"Auf einer meiner Kreuzfahrten durchs Mittelmeer ankerten wir vor der Insel Capri, im Golf von Neapel. An einem Ausflug zur weltberühmten Blauen Grotte habe ich teilgenommen, eine bezaubernde Sehenswürdigkeit. Die allein kann ich von Italien weiter empfehlen. Unsere Reiseleitung warnte uns aber dringend davor, nach Neapel überzusetzen. Sodom und Gomorrha! Die Stadt mit den meisten Taschendieben."
"Camorra, gnädige Frau, Camorra! So nennt sich die neapolitanische Mafia. Und Reiseleiter haben es am liebsten, wenn ihnen ihre Touristen brav folgen, wie eine Schafherde dem Schäfer. Dann führen sie mit ihrem Job ein bequemes Leben."
"Aber doch nicht auf einer Kreuzfahrt," entgegnete sie gräflich herablassend.
"Wie kann ich Ihnen Neapel empfehlen? Venedig ist eine weltberühmte Stadt, aber versinkt, Rom ist das Zentrum der katholischen Welt, aber teuer, Florenz hat die schönsten Museen, aber ist voller Touristen. Besuchen Sie Neapel, denn Neapel ist die Seele Italiens!"
"Sie sagen es, junger Mann. Deshalb werde ich mich hüten, freiwillig in dieses Haifischbecken zu springen."
"Fast hätte ich es vergessen, unser berühmtes Meerwasseraquarium, wo sie Delphine und Haifische hautnah beobachten können. Allein das ist schon eine Reise nach Neapel wert."
Pepe senkte seine Stimme. "Und Taschendiebe gibt es nicht nur dort, sondern in allen großen Städten der Welt. Halten Sie Ihre Handtasche gut fest! Vielleicht gibt es sogar welche hier in diesem Zug. Auf dem Bahnhof in Berlin wurde eine Durchsage gemacht: Vorsicht vor Taschendieben!"
Dieser kleinen Boshaftigkeit konnte Pepe nicht widerstehen. Solche Vorurteile, wie sie sie offenbarte! Welch kleinliches Weltbild. Die junge Frau warf ihm verbündende Blicke zu. Die ältere Dame ärgerte sich, als sie es bemerkte.
"Mir kann man nichts vormachen, junger Mann. Haifische gibt es sicherlich nicht nur in Italien. Ich kenne meine Kundschaft. Überall kenne ich sie."
Von da an blickte sie sich würdevoll gebend aus dem Abteilfenster des Zuges, der inzwischen jenseits der Grenze in Polen durch eine schneebedeckte Landschaft fuhr. Pepe und die junge Frau beachtete sie scheinbar nicht mehr.
Thursday, October 13, 2005
Fortsetzung 5
"Ich halte also ein Baby mit offenem Mund in meinen Händen und denke, es muss doch Laut geben, schreien, damit es Luft bekommt, atmen, dass es nicht erstickt. Ich blicke auf und schaue in das Gesicht von Lena. Hallo Lena, was machst du denn hier? Lena ist die junge Mutter eines Neugeborenen aus Quakenbrück.
Als ich wieder in meine Hände sehe, halte ich anstelle des Babys eine Pizza. Mamma mia, was für ein Traum!
Sie können das natürlich noch weniger verstehen als ich, aber ich behaupte, dieser Traum ist doch in Wirklichkeit passiert. Nein, selbstverständlich habe ich kein Baby gebacken, aber in Quakenbrück, wo ich eine Mini-Pizzeria betreibe... ."
Die ältere Dame unterbrach ihn mit einem deutlichen:"Aha!" Was auch immer sie damit zum Ausdruck bringen wollte, es klang ein bisschen wie das Zuschieben einer Schublade.
Aber so leicht war Pepe nicht zu bremsen. Ein großes Mitteilungsbedürfnis hatte sich durch die Erlebnisse der letzten Monate bei ihm aufgestaut.
"Meine Mini-Pizzeria in Quakenbrück ist der Jugendtreffpunkt der Stadt. So groß ist Quakenbrück an der Hase ja nicht, dass es da viele Jugendtreffs geben könnte. Kennen Sie Quakenbrück?"
Beide schwiegen. Schnell redete er weiter.
"Quakenbrück, das sind zirka 12 300 Einwohner. Dort gibt es eine Fahrradfabrik und das Deutsche Institut für Lebensmitteltechnik. Den meisten Quakenbrückern geht es ganz gut, obwohl der Fahrradverkauf nur ein Saisongeschäft ist.
Wenn ich Quakenbrück einmal im Jahr verlasse, um vor Weihnachten meinen früheren Kollegen und Freund Luigi in Berlin zu besuchen, habe ich endlich genügend Zeit, über alles noch einmal nachzudenken, was in der letzten Zeit dort passiert ist. In meinem Traum muss das auch passiert sein. Nur haben sich Bilder und Situationen miteinander vermischt."
Als ich wieder in meine Hände sehe, halte ich anstelle des Babys eine Pizza. Mamma mia, was für ein Traum!
Sie können das natürlich noch weniger verstehen als ich, aber ich behaupte, dieser Traum ist doch in Wirklichkeit passiert. Nein, selbstverständlich habe ich kein Baby gebacken, aber in Quakenbrück, wo ich eine Mini-Pizzeria betreibe... ."
Die ältere Dame unterbrach ihn mit einem deutlichen:"Aha!" Was auch immer sie damit zum Ausdruck bringen wollte, es klang ein bisschen wie das Zuschieben einer Schublade.
Aber so leicht war Pepe nicht zu bremsen. Ein großes Mitteilungsbedürfnis hatte sich durch die Erlebnisse der letzten Monate bei ihm aufgestaut.
"Meine Mini-Pizzeria in Quakenbrück ist der Jugendtreffpunkt der Stadt. So groß ist Quakenbrück an der Hase ja nicht, dass es da viele Jugendtreffs geben könnte. Kennen Sie Quakenbrück?"
Beide schwiegen. Schnell redete er weiter.
"Quakenbrück, das sind zirka 12 300 Einwohner. Dort gibt es eine Fahrradfabrik und das Deutsche Institut für Lebensmitteltechnik. Den meisten Quakenbrückern geht es ganz gut, obwohl der Fahrradverkauf nur ein Saisongeschäft ist.
Wenn ich Quakenbrück einmal im Jahr verlasse, um vor Weihnachten meinen früheren Kollegen und Freund Luigi in Berlin zu besuchen, habe ich endlich genügend Zeit, über alles noch einmal nachzudenken, was in der letzten Zeit dort passiert ist. In meinem Traum muss das auch passiert sein. Nur haben sich Bilder und Situationen miteinander vermischt."
Friday, October 07, 2005
Fortsetzung 4
"Ich hatte geträumt, dass ich ganz woanders bin. Entschuldigen sie, ich bin noch ein bisschen durcheinander. Vor wenigen Minuten war ich noch in Quakenbrück. In meiner Pizzeria, ich betreibe eine Pizzeria dort, mit dem Ausrollen von Teig beschäftigt. Ich rolle und rolle, aber der Teig will sich nicht ausbreiten lassen. Also knete ich ihn noch einmal. Da halte ich plötzlich ein Baby in meinen Händen. Was für ein Traum!
Es schaut mich an, mit einem großen, neugierigen Auge, das andere klein und geschlossen. Sein Gesicht so blass wie mein Pizzateig."
Nun hatte er die Aufmerksamkeit seiner Mitreisenden, beide sahen ihn voll des ungläubigen Staunens an. Was war das, einer quatscht einfach drauflos, von seinen Träumen? Würde der junge Mann ihnen auf der Reise möglicherweise lästig werden? Schnaufend holte er Luft.
"Auf einmal öffnet es weit seinen Mund. Wissen Sie, was ich dachte?" Pepe wandte sich an die junge Frau. "Alles hätte in diesem Moment geschehen können, alles! Es hätte zum Beispiel sagen können: Guten Tag, ich heiße Jesus Christus, ich bin soeben geboren worden, um euch von euren Sünden zu erlösen. Mich hätte es nicht gewundert."
Der Zug bremste geräuschvoll und Pepes Rede wurde unterbrochen. Als er sah, dass seine Zuhörerinnen ihn unverändert erwartungsvoll ansahen, redete er weiter. Der Zug fuhr im Schritttempo.
Es schaut mich an, mit einem großen, neugierigen Auge, das andere klein und geschlossen. Sein Gesicht so blass wie mein Pizzateig."
Nun hatte er die Aufmerksamkeit seiner Mitreisenden, beide sahen ihn voll des ungläubigen Staunens an. Was war das, einer quatscht einfach drauflos, von seinen Träumen? Würde der junge Mann ihnen auf der Reise möglicherweise lästig werden? Schnaufend holte er Luft.
"Auf einmal öffnet es weit seinen Mund. Wissen Sie, was ich dachte?" Pepe wandte sich an die junge Frau. "Alles hätte in diesem Moment geschehen können, alles! Es hätte zum Beispiel sagen können: Guten Tag, ich heiße Jesus Christus, ich bin soeben geboren worden, um euch von euren Sünden zu erlösen. Mich hätte es nicht gewundert."
Der Zug bremste geräuschvoll und Pepes Rede wurde unterbrochen. Als er sah, dass seine Zuhörerinnen ihn unverändert erwartungsvoll ansahen, redete er weiter. Der Zug fuhr im Schritttempo.
Thursday, October 06, 2005
Fortsetzung 3
Als Pepe von einem Zugbegleiter geweckt wurde, war er einige Sekunden lang orientierungslos. Verblüfft schaute er in das Gesicht der älteren Dame gegenüber, die ihrerseits mit einem gekünstelten Lächeln antwortete. Das verwirrte ihn umso mehr. "Entschuldigung, darf ich mich vorstellen? Ich heiße Pepe."
Anstatt zu antworten, zog sie ihren Fahrschein aus ihrer Handtasche und reichte ihn der fordernden Hand des Zugbegleiters. "Oh, Verzeihung, einen Moment bitte!"
Die junge Frau musste lachen. "Sind Sie sicher, dass Sie im richtigen Zug sitzen?" Die Frage klang spöttisch, aber Pepe freute sich über seine erste Reisebekanntschaft.
"Nach Warschau Centralna, richtig?" Die ältere Dame beeilte sich mit einem Nicken, kam den Antworten der übrigen zuvor. Den Schaffner interessierten die Antworten wenig, er wünschte eine „Gute Reise“ und ging hinaus.
"Fahren sie auch bis nach Warschau?" Pepe wollte das Gespräch unbedingt fortsetzen, aber die junge Frau lächelte nur, während die ältere ihn misstrauisch beäugte.
Anstatt zu antworten, zog sie ihren Fahrschein aus ihrer Handtasche und reichte ihn der fordernden Hand des Zugbegleiters. "Oh, Verzeihung, einen Moment bitte!"
Die junge Frau musste lachen. "Sind Sie sicher, dass Sie im richtigen Zug sitzen?" Die Frage klang spöttisch, aber Pepe freute sich über seine erste Reisebekanntschaft.
"Nach Warschau Centralna, richtig?" Die ältere Dame beeilte sich mit einem Nicken, kam den Antworten der übrigen zuvor. Den Schaffner interessierten die Antworten wenig, er wünschte eine „Gute Reise“ und ging hinaus.
"Fahren sie auch bis nach Warschau?" Pepe wollte das Gespräch unbedingt fortsetzen, aber die junge Frau lächelte nur, während die ältere ihn misstrauisch beäugte.
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