"Du wolltest also wirklich an Weihnachten zu deiner Familie nach Italien? Ehrlich, das hatte ich dir nicht geglaubt. Wer reist schon mit der Bahn über Warschau nach Italien?"
"Niemand? Oh, dann hatte mir der Bahnbeamte eine falsche Auskunft gegeben. Ich hatte mich auch gewundert. Er hatte so eine automatische Stimme am Telefon."
Sie warteten vor dem Fahrkartenschalter in der Bahnhofshalle von Siedlce und kicherten über ihre eigenen Späße. Maria kaute z.B. ein Superblasen Kaugummi und ließ ab und zu eine platzen, was in der Halle ganz schön laut war. Als sie die Fahrkarten bezahlen sollten, blieb eine Kaugummiblase in ihrem Gesicht kleben.
Der Beamte am Schalter blickte mürrisch, so wie fast alle Kartenverkäufer an Bahnschaltern sich jede Freundlichkeit abgewöhnt haben.
"Wohin fahren wir?"
Pepe kannte ihr gemeinsames Reiseziel noch nicht und kam sich daher an ihrer Seite gerade unbeholfen vor.
"Überraschung!"
Sie zog sich immer noch kichernd die weiße Kaugummimasse aus dem Gesicht, während sie in Richtung der Gleise spazierten.
"Einmal Weihnachten ist für uns beide einfach nicht genug!"
Pepe nahm ihren Spruch nicht wörtlich, sondern freute sich auf die gemeinsame Zeit mit ihr. Ganz egal, was sie vorhatten! Hauptsache zusammen mit ihr.
Nur ganz selten dachte er etwas sorgenvoll an seine Pizzeria, die nun länger geschlossen bleiben musste, als er es vorgehabt hatte.
"Hoffentlich bleiben meine Kunden nicht weg, wenn ich wieder öffne! Zum Glück wissen Lena und Sören Bescheid. Sie haben mir versprochen, einen Zettel an die Eingangstür zu kleben. Aber ganz sicher ist das nicht. Bei dem Stress, den sie an Weihnachten hatten."
"Was war denn los?"
Maria interessierte sich im Moment genauestens für alles, was Pepe betraf.
"Totales Chaos! Sören bekam am Heiligen Abend Streit mit seinem Vater, der ihm nach einigen alkoholischen Getränken auf einmal Vorhaltungen machte, er habe sich durch die frühe Vaterschaft sein gesamtes Leben versaut.
Erst gegen Mitternacht versöhnten sie sich wieder, nach heftigen Diskussionen und Weinkrämpfen seiner Mutter. Man sieht, nicht in allen Familien ist Weihnachten ein harmonisches Fest.
Ihre Versöhnung feierten sie dann so ausgiebig, dass es beiden am ersten Weihnachtsfeiertag im Magen sehr schlecht ging. Der Zustand dauerte jedenfalls bis zur Mitte des zweiten Weihnachtsfeiertages. Aber der Streit hat sich gelohnt, denn nun bekommen sie ihre eigene Wohnung. Beide Eltern wollen zusammenlegen und eine für sie anmieten."
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