Friday, January 06, 2006

Fortsetzung 36

Frohe Weihnachten allen russischen Mitbürgern!
(die Weihnachtsgeschichte geht weiter, denn viele in Deutschland denken immer noch, dass auf der ganzen Welt am selben Tag Weihnachten gefeiert wird. eben das Thema dieser Geschichte!)


Fortsetzung 36
Aber ehrlich, trotzdem fühle ich noch etwas anderes in mir, das mich lenkt. Maria überlegte. Meine innere Stimme, die mir manchmal zuflüstert: "Schau dir dieses an, oder jenes, verpass es auf keinen Fall! Aber jenes dort, diese Person, oder jene Umgebung, meide um Himmels Willen!"
Es war diese innere Stimme, die ihr riet, den Menschen Pepe zu ergründen.
Was Pepes Gesicht allerdings bewegte und die Finger seiner Hände unruhig auf der Armlehne seines Sitzes spielen ließ, waren keinerlei Geister, sondern die Erinnerung an seine sehr lebendige Familie.
Sie hatten den kleinen Pepe mit allerlei Ermahnungen bei seiner ersten Fahrt auf einer Vespa begleitet.
"Guarda il traffico! Pazzo, guarda la semaforo!"
Wild hatten sie gestikuliert, aus Sorge vor einem Unfall, und dramatisch aussehende Gesichter geschnitten. In den Bildern seiner Erinnerung sahen sie aus wie sorgenvolle Dämonen. Hatten sie ihn ängstlich gemacht?
Nein, aber manchmal sind sie mir während einer meiner riskanten Fahrten als Jugendlicher tatsächlich erschienen, diese elterlichen Sorgengesichter. Oder bin ich ihretwegen dann eigentlich vorsichtiger gefahren?
Pepe dachte angestrengt nach. Er lenkte sich ab von dem kommenden Abschied, den er für sich als äußerst traurig empfand.
Egal, über die Feiertage leihe ich mir einen Motorroller, und dann hinein in das laute Getriebe der Großstadt! Den Wind im Gesicht und dieses Gefühl von Freiheit. Hupen bei jeder Gelegenheit, einfach so aus Spaß!
Auf einmal sauste er nicht mehr allein durch Neapels Straßen. Ein Hupen, und schon überholte ihn eine Vespa. Vor ihm im Wind flatterten lustig dunkle Haare. Dann überholte er und schaute sich lachend um.
"Paola! Nein, Lena!"
Wie verblüffend ähnlich die beiden sich sind. Darum, also! Und an wen erinnert Maria mich? Nein, ist das wahr, etwa an meine Mutter? Als sie noch jung war?
Er betrachtete Marias Gesicht und verglich es mit dem Bild seiner Mutter aus seinem Gedächtnis.
Nein, so offensichtlich passte es nicht. Aber gänzlich verschieden sahen sie auch nicht aus.
Sind unsere Gefühle etwa schon fertig angelegt in unserer Kindheit? Gehen wir in unserer Entwicklung nur auf die Suche nach Ebenbildern?
"Irre!"
Pepe hatte fast tonlos nur dieses eine Wort gesagt. Maria war es jedoch nicht entgangen. Sie war einfach neugierig auf ihn. In Bruchteilen von Sekunden gab es einen Wechsel von Freude, Bestürzung und Nachdenklichkeit auf Pepes Gesicht. Sogar die ältere Dame blickte herüber. Ihr Schatz hatte allerdings nur Augen für sie.
Vielleicht hat er in Deutschland eine Bank ausgeraubt, überlegte Maria absichtlich dramatisierend.
Solange ich das nicht genau erfahre, bin ich jedenfalls nicht zufrieden! Also, nun flieht er mit den geraubten Banknoten via Polen nach Italien. Der Mann ist ein Kriminalfall, oder?

Aber nein, bei so wenig Gepäck kann er keine Millionen versteckt haben. Mal überlegen, ist er vielleicht ein Diamantenräuber?
Da fiel ihr auf, dass Pepe gerade fasziniert ihr Gesicht betrachtete. So intensiv, dass sie verlegen wurde.
Warum starrt er so? Habe ich etwa Pickel?
Je näher der Zug seinem Ziel kam, desto geringer wurde ihre Unbefangenheit. Wie schade, wenn man sich nach einem schönen Kennenlernen unglücklich verabschiedet.
Maria wendete ihr Gesicht ab und schaute aus dem Fenster. Eiskrusten waren durch den Luftzug am oberen und unteren Rand der Scheibe gewachsen. Der Zug fuhr langsam und hinter leichtem Schneegestöber entdeckte sie die Lichter eines Dorfes, nahe den Gleisen. Festliche Weihnachtsbeleuchtung schimmerte hinter den Scheiben.
Pepe folgte ihrem Blick und sah nicht die schöne Beleuchtung hinter den Fenstern, sondern sagte nur trocken und knapp: "Eingeschneit!"
Die Fenster schienen tatsächlich schon am Boden zu beginnen, so hoch lag hier der Schnee.
"Weiße Weihnachten!"
Maria hatte etwas zum Erwärmen gefunden. Nun schauten alle im Abteil hinaus, doch wirbelnde Schneeflocken verhüllten jetzt ganz und gar die Sicht nach draußen.

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