Teil II
"Sie haben mein Telegramm kurz vor Weihnachten erhalten."
Pepe atmete erleichtert auf. Maria hatte in einer Zeitschrift geblättert, während er von einer Zelle aus nach Italien telefoniert hatte.
"Ich hatte mir Sorgen gemacht. Einfach nicht vorbei kommen, die alljährliche Verabredung ignorieren, und sie rufen auch nicht an. Da macht man sich Gedanken, ist doch klar! "
Maria sah etwas schuldbewusst drein.
"So eine Enttäuschung! Ich besuche meine alten Eltern an Weihnachten nicht. Und ausgerechnet dann funktioniert auch noch mein Handy nicht. Alle Leitungen überlastet. Ja, sie hatten es, genauso wie ich, mehrfach versucht. Zum Glück gibt es noch Telegramme. Wie im letzten Jahrhundert!"
Sie klappte ihr Modemagazin endgültig zu, beugte Oberkörper und Stirn leicht nach vorn, steckte ihre Hände in die Taschen und schaute ihn aus ihren großen Smaragdaugen fragend an. Pepe bemerkte nun, dass es ihr etwas ausmachte.
"Aber sie waren nur ein bißchen enttäuscht. Mein Vater hat mir immer erklärt, noch als ich Jugendlicher war, dass für die Liebe immer Platz da sein müsse. Ja, so ist er. Ich soll dir von ihnen nachträglich Frohe Weihnachten ausrichten! Und sie freuen sich sehr, dich bald kennen zu lernen."
Maria versuchte mit den Händen in der Tasche auf einem Bein zu stehen.
"Oh!"
War das zustimmend gemeint, oder eher kritisch? Pepe konnte es nicht deuten, während sie ihre Gleichgewichtsübungen vorführte.
"Mit dem Telefon haben ältere Leute oft Schwierigkeiten. Meine Mutter vor allem. Sie verwechselt Vorwahlnummern, oder vergisst eine Ziffer.
Ich selbst bin bekannt für meine Zahlendreher. Wenn mir jemand eine Telefonnummer sagt, zum Beispiel am Ende mit vierunddreißig, dann habe ich stattdessen oft aufgeschrieben: dreiundvierzig."
"Oh, oh!"
Das Modemagazin fiel aus Marias Armbeuge und landete auf dem Bordstein. Beide wollten es gleichzeitig aufheben, doch dabei fiel auch Pepes Brieftasche auf den Boden.
"Visitenkarten. Die sammele ichwegen der Telefonnummern. Ich weiß nur meine eigene auswendig. Wenn mich jemand ausraubt, weil er glaubt, ich hätte ein dicke Brieftasche, wird es eine herbe Enttäuschung geben."
Sie schlenderten Hand in Hand in die Bahnhofshalle von Siedlce.
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