Wednesday, January 04, 2006

Fortsetzung 35

Der Zug würde laut Fahrplan bald ankommen. Pepe legte schläfrig seinen Kopf gegen seine Jacke, die über seinem Sitz an einem Haken hing. Er schnupperte einen Geruch von frischer Bettwäsche.
Das kann ja hier im Abteil nicht sein. Vielleicht ein Eau de Toilet?
Er hatte nicht bemerkt, wann es sich jemand aufgetragen hatte. Manche tun es in einem unbeobachteten Moment. Heimlich, zwei mal sprühen, fertig! Dann strömt eine Duftwolke. Er tippte auf die ältere Dame.
Maria dagegen hatte bemerkt, wie die ältere Dame sich heimlich gepflegt hatte. Denn sie übte heimlich das unbemerkte Beobachten. Ihre Sinne waren geschärft.
Wenn ich mit dem Studium fertig bin, möchte ich Journalistin oder Schriftstellerin werden, hatte sie sich immer wieder selbst ermuntert. Das war ein gutes Zeichen dafür, dass sie eines Tages ihren Traumberuf auch ergreifen würde.
Sie stellte sich diese Arbeit sehr aufregend vor.
Aber auch Pepe beobachtete sie heimlich, und mit großem Interesse. Wenn sich jemand unbeobachtet fühlt, ist er noch einmal anders als sonst.
Pepe hat sich gerade auf standby geschaltet, fand Maria. Was sie von ihm wusste, genügte aber schon, um ihre eigene, spannende Geschichte über ihn zu spinnen. Dabei musste sie über einen Gedanken beinahe laut lachen.
Er trägt Menschen in sich, das sehe ich an seinem bewegten Gesicht. Pepe ist schwanger.
Dieser skurille Gedanke ließ sie schließlich albern in sich hinein kichern.
Sein Gesicht ist so unruhig, ihre Geister wollen durch ihn sprechen. Huhu! Gruseln gestattet!
Aber dann lachte sie auf einmal nicht mehr, denn sie sah vor ihrem inneren Auge die Gesichter von Betenden, die stumm ihre Lippen bewegten. Bittende, Hoffende, Flehende oder Klagende. Gesichter, ähnlich denen in ihrer Kirche, wo sie als Mädchen die Kommunion empfangen hatte.
Manche Erinnerung wischt jede Fröhlichkeit wie einen Schleier weg. Aber Maria wurde noch fröhlicher, sie verlor nur ihre Albernheit.
Inzwischen bin ich allem und jedem gegenüber erst einmal kritisch. Dadurch eröffnen sich mir viele berufliche Möglichkeiten. Kritik erzeugt auch Respekt.

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