"Was für ein Stress mit meiner Mutter", hatte er angefangen.
"Sie bekam einen Weinkrampf, und dann kam mein Vater nach Hause. Ich dachte, das überlebe ich nicht. Es stand kurz vor einer Schlägerei. Blieb mir nur eines übrig: ich verziehe mich. Wollte meinen Vater schließlich nicht schlagen. Also raus, auf die Karre, und los!
Nahm den kürzesten Weg aus der Stadt. Bald standen links und rechts Weidezäune hinter Alleebäumen, Feldwege mündeten in den Asphalt. Erdige Reifenspuren von Landfahrzeugen markierten diese Einmündungen.
Ich schaute auf den unter mir rasenden Belag, kaum auf die Landschaft. Meine Karre kam mir dadurch schneller vor. Noch darf ich von Geschwindigkeit ja bloß träumen, bis ich mir endlich eine Fünhunderter holen kann. Mehr als neunzig holt auch der beste Tuner nicht aus einem Moped heraus. Jeder Motor hat seine natürliche Grenze. Und die liegt in der Nähe vom Kolbenfresser.
Die Muster im körnigen Asphalt erzeugen einen Zustand, so als ob man stundenlang in einen kaputten Fernseher starrt: Schneebild!
Nach einiger Zeit sieht man sich selbst, wie in seinem eigenen Film. Genauso wie auf Zelluloid. Als ob man nebenher auf einer imaginären Maschine mitfährt.
Diese Straße bringt mich endlich zum richtigen Leben."
Pepe erinnerte sich, dass er Sören damals ziemlich fragend angeschaut hatte. Aber der ließ sich nicht beirren.
"Zu einem richtig geilen Leben. Wo nicht alles vorher geregelt ist. Keine Überwachung, kein Staat, keine Berufsschule, keine Eltern, kein Irgendwas.
Der Motor unter mir machte einen genialen Sound, wie Filmmusik. Als ob er sich selber fressen wollte, nicht bloß Öl und Benzin. Die absolute Leistungsgrenze.
Stundenlang so weiter rasen, bis man endlich mal vergessen kann, was einen tagtäglich nervt. Und dann irgendwo in der Natur den Helm abnehmen, den Staub aus der Kleidung schütteln und sich wie neu geboren fühlen.
Sich umsehen, wo bin ich hier, ist das vielleicht der Ort, an dem ich leben möchte? Oder ist es der hundertprozentig nicht? Es gibt viel unterschiedliches Gelände auf der Welt, das ich mir angucken will. Ich möchte nicht in Quakenbrück versauern. Bin ich etwa eine verdammte Pflanze, die immer da bleiben muss, wo irgendein Idiot sie hingepflanzt hat?"
Pepe hatte über Sörens Sprüche herzlich gelacht, aber der schaute ihn gleich so wütend an, dass er sich sein Lachen sofort wieder verkniffen hatte.
"Solche Gedanken hatte ich auf der Tour, nur so als Beispiel. Das meiste vergisst man gleich wieder. Nur an Lena dachte ich immerzu. Fast eine Woche lang hatte ich sie nicht mehr gesehen. Ihre Klasse musste ins Landschulheim. Und sie natürlich mit. Ich war auf dem Weg dorthin. Sehnsucht! Gebe ich ehrlich zu.
Auf der Straßenkarte sieht alles ganz nah aus. Ihr Lächeln vor Augen, gleich bin ich da, dann mit ihr knutschen. Ein Gedanke nur, und ich war schon da.
Dicht am Straßenabriss legte ich die Maschine in die Kurve, damit ich mit dem Hacken ein Stück Gras vom Seitenstreifen mitnehmen konnte. Mein Ziel ist eine fünfhunderter Enduro, eine Geländemaschine mit breiten Noppenreifen.
Zu Hause habe ich Videos über alle Maschinen. Wie sie Böschungen nehmen, egal wie steil. In einem Spielfilm fährt ein Gangster in schwarzer Montur so eine Enduro. Mit einem vollverspiegelten Helm. Wenn der durch grüne Landschaft fährt, die sich darin spiegelt, sieht das aus, als hätte er keinen Kopf.
Ein Polizist verfolgt ihn im Sportwagen. Hat aber keine Chance, der Bulle, weil die Enduro genial die Kurven abschneidet. Am Schluss wird er erschossen, weil er der Böse ist. Nicht weil seine Enduro versagt hat."
Pepe hatte eingewendet, ob es das Böse, oder den Teufel, überhaupt gibt? Gibt es so etwas nur in Filmen, oder auch in Wirklichkeit? Vielleicht bei manchen Menschen sogar von Geburt an? Sören hatte darauf sofort eine Antwort gehabt.
"Zum Glück ist es mir noch nicht begegnet. An den Filmen finde ich die Verfolgungsjagden und die Stunts gut, der Rest ist mir egal. Stuntman ist der ideale Beruf für mich. Gibt es aber nicht in Quakenbrück. Trotzdem, wenn ich später beim Film arbeite, kennen mich dann alle. Ich übe schon.
Jetzt kennen mich auch alle, aber mit einem totalen Negativ-Image. Findet einer einen Kratzer an seinem Auto, gibt er mir die Schuld. Automatisch bin ich der Böse. Hier in Quakenbrück, immer ich. Dabei hatte ich nur eine Zeit lang Mercedes Sterne gesammelt. War ein blödes Hobby von mir, wie andere zum Beispiel Gartenzwerge sammeln.
Das wurde entdeckt, und ich weiß auch, durch wen das raus kam. Da ist noch eine Rechnung offen. Wer kann denn seinen Mund nicht halten? Ist doch klar, wer, oder?"
Schnell wird jemand einfach so zum Bösen erklärt, hatte ihn Pepe aufmerksam gemacht. Aber Sören war darüber hinweggegangen.
"Ein LKW drängelte dicht hinter mir, da flog ich aus meinen Träumen und achtete wieder auf den Verkehr. Drehte die Gasmanschette bis zum Anschlag. Der kriegt einen Hass, weil ich ihn aufhalte. Dabei darf er auf einer Landstraße gar nicht schneller fahren als ich. Das heißt, ich darf ja eigentlich nur ungefähr fünfzig. Aber wer fährt schon genau nach den Regeln?
Im Rückspiegel die verchromte Kühlerverblendung, dazu der laut fauchende Dieselmotor. Irgendwelche Kompressoren, die zischend Druck ablassen, wenn der Fahrer oben bremst oder schaltet. Dieses Monster!
Ich konnte mich noch so flach halten, gegen dieses PS-Boliden hatte ich keine Chance. Anhalten?
Dann drängelt bald der nächste. Terminlieferungen, da hat jeder Fahrer Stress, kennt keine Rücksicht. Selbst wenn es bloß Erde ist, die er transportiert. Dann wird eben von der Landstraße geschoben. Aber nicht mit mir, soll der da oben auf seinem Bock ruhig kochen!
Keine Lust, ein Hindernis zu sein, das anderen nur im Weg ist!"
Maria wusste nicht, wie sie Pepes pausenlose Schweigsamkeit deuten sollte. Hatte sie ihn irgendwie gekränkt? Letztendlich war er für sie immer noch ein Fremder, eine zufällige Begegnung im Zug.
Redet einer viel, sagt man, der Mensch hat kein Geheimnis. Redet einer wenig, dann gilt das Gegenteil. Was war sein Geheimnis?
Es dauerte jeweils nur wenige Minuten, in denen Pepes Schädelkino einen neuen Film abspulte. Blitzschnell erschien die Erinnerung lebendig, tauchte aber bald wieder weg.
"Auf meiner Vespa durch Napoli! Neben Fußball meine Lieblingsbeschäftigung. Sörens Begeisterung für Geschwindigkeit kann ich gut verstehen. Man spürt sich intensiv, weil man im Hier und Jetzt reagieren muss. Sonst baut man einen Unfall. Besonders in den engen Gassen von Neapel."
Zwischen Sören und ihm war durch die Mopedgeschichten eine Verbindung entstanden, fast eine Freundschaft. Man freute sich, einander zu treffen. Das war eine gute Basis für die Zeit von Lenas Schwangerschaft. Wenn Pepe ihn wegen seines Verhaltens heftig kritisieren würde.
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